22.09.2017

Asse-Fehler in Bolivien nicht wiederholen

Noch ist Bolivien atomkraftwerkfrei. Doch die Regierung unter Präsident Evo Morales will das ändern. Grund genug für Bischof Ricardo Centellas sich anzusehen, welche Probleme der Nuklearabfall macht – in der Schachtanlage Asse II.

Schon der Blick auf das Modell der Asse lässt die
enormen Schwierigkeiten mit dem Atommüll im
ehemaligen Salzbergwerk mehr als erahmen. | Foto: Wala

2017 ist ein bemerkenswertes Jahr für das ehemalige Salzbergwerk Asse II in Remlingen nahe Wolfenbüttel. Vor genau 50 Jahren, im April 1967, werden die ersten 80 Fässer mit radioaktiven Abfällen aus dem Kernforschungszentrum Karlsruhe versenkt. Erst aufrecht, dann liegend gestapelt, schließlich einfach in unterirdische Kammern abgekippt – zum großen Teil in 750 Meter Tiefe.  

Insgesamt lagern 125 787 Fässer und Gebinde mit schwach- und mittelradio­aktiven Abfällen sowie Chemiemüll in den einsturzgefährdeten Kammern. Zum Vergleich: Die Stadt Wolfsburg hat  124 000 Einwohner – und sie ist immerhin die fünftgrößte Stadt Niedersachsens. Es sind aber nicht nur die über 100 Tonnen Uran, die  die verklappten Fässer so brisant machen. 187 Tonnen strahlendes Thorium, 28 Kilogramm Plutonium und 500 Kilogramm extrem giftiges Arsen lagern in 13 unterirdischen Kammern, abgekippt zwischen 1967 und 1978. Beton drüber, Klappe zu, den Rest soll die Halbwertzeit erledigen ...

Und noch etwas wabert über die Asse: Vertuschung und Betrug. „Wir sind hier über viele Jahre systematisch getäuscht worden“, sagt Heike Wiegel. Sie ist eine der Sprecherinnen des Vereins „aufpASSEn“, einer Bürgerinitiative, die das Geschehen in der Asse mit aufgedeckt hat.  Wiegel ist eine der Geprächspartnerinnen von Bischof Ricardo Centellas bei seinem Besuch in der Info-Stelle Asse. Der andere: Manuel Wilmanns, Leiter der Info-Stelle, die seit 2009 über den Stand und den Fortschritt der Arbeiten und Planungen zur Stilllegung der Schachtanlage Asse II berichtet.

Radioaktive oder giftige Stoffe können ins Trinkwasser gelangen

Denn im Jahr zuvor, 2008, ist der Skandal in der Asse zutage getreten. Der damalige Betreiber, Helmholtz Zentrum München, musste einräumen, dass täglich 12 000 Liter Wasser unkontrolliert in die Grube eindringen – und dass  ein kleiner Teil dieser Lauge sogar radioaktiv belastet ist. Mehr noch: Durch das Wasser und die Bewegungen des Berges droht das Bergwerk einzustürzen. Die große Gefahr dabei: Radioaktivität oder andere giftige Stoffe können ins Trinkwasser gelangen. 2009 hat das Bundesamt für Strahlenschutz die Aufsicht über die Asse übernommen, vor Kurzem wurde es durch die neu gegründete Bundesgesellschaft für Endlagerung abgelöst.

Ebenfalls von 2009 an beschäftigt sich ein Untersuchungsausschuss des Niedersächsischen Landtags mit der Asse. Viele weitere Pannen und Missstände kommen ans Licht. So wurden radioaktiv belastete Laugen ohne Genehmigung in tiefere Bereiche gepumpt, Studien über die Baufälligkeit des Bergwerks zurückgehalten.

Davon berichten sowohl Heike Wiegel als auch Manuel Wilmanns. Manchmal mit anderem Zungenschlag – dort die Initiative, hier der Betreiber – aber in der Sache eindeutig. Enorme Anstrengungen müssen unternommen werden, um die Grube vor Einsturz zu bewahren. Überall unter Tage wird malocht, um Risse zu kitten, Hohlräume und Spalten mit Spezialbeton aufzufüllen. Und um das Wasser aufzufangen.

Aufwendige Erkundung: Inwelchem Zustand sind die rottenden Fässer?

Gleichzeitig wird vorsichtig, Mikrometer für Mikrometer, eine Kammer angebohrt, um überhaupt zu erkunden, was sich hinter dem  Mauerwerk der Kammern befindet.  Erst im August dieses Jahres wurde in der „Erkundungskammer“ ein Hohlraum gefunden, der Gasmessungen möglich macht – nach fünf Jahren. Die aber alles entscheidende Frage – was mit dem Müll zu tun ist – bleibt weiter unbeantwortet. Wie generell die Frage, was mit dem strahlenden Erbe des Atomzeitalters in Deutschland geschehen soll.

Bischof Centallas hört aufmerksam zu, wie auch seine beiden Begleiter Marcela Tellez Flores und Raul Terceros vom Consejo Consultivo, dem Beratungsgremium der „Hildesheimpartnerschaft“ in Bolivien. Das hat seinen Grund – plant doch die Regierung von Boliviens Staatschef Evo Morales ein atomares Forschungs- und Entwicklungszentrum im Süden der Millionenstadt La Paz.

Berichten zufolge will Bolivien etwa 1,7 Milliarden Euro investieren: Von  2025 an soll das Nuklearzentrum für Gesundheits-, Technologie- und Energiezwecke genutzt werden – ein Atomkraftwerk an dieser Stelle ist aber nicht geplant. Dieses würde laut Regierung an anderer Stelle errichtet. Im August 2015 haben der Chef der staatlichen Atomagentur Russlands (Rosatom), Sergei Kirienko, und der bolivianische Ener­gieminister Luis Alberto Sánchez in Moskau eine Vereinbarung zum Aufbau eines Kernenergieprojektes in Bolivien unterzeichnet.
Bisher ist Bolivien atomfrei, nur Argentinien und Brasilien betreiben in Südamerika Kernkraftwerke. „Die Entwicklung bereitet uns natürlich Sorgen“, betont Centellas. Gerade weil die Frage, was tun mit dem Müll, nicht beantwortet ist. „Die Asse kommt mir vor wie ein Zeitbombe“, meint Centalles. Ihm wird nicht widersprochen.

Infomationen im Netz: www.bge.de (dann Klick auf Asse, Seite des Betreibers) oder www.aufpassen.org (Seite der Bürgerinitiative)

Rüdiger Wala