30.05.2014

1200 Jahre Bistum Hildesheim

Auch „lebendige Steine“ im Blick

Zur Einstimmung auf das bevorstehende Bistumsjubiläum blickt die KirchenZeitung in einer Serie zurück in die Geschichte und beleuchtet die Entwicklung des Bistums. Im ersten Teil geht es um die Zeit von der Gründung bis ins 15. Jahrhundert.

Das Bernwardskreuz.

Im Zuge der schwierigen Eingliederung Sachsens ins Frankenreich gründete Kaiser Karl der Große die Bistümer Bremen, Verden, Minden, Osnabrück, Paderborn und Münster. Ihnen kam neben ihrer kirchlichen Funktion auch eine erhebliche politische Relevanz als Ausgangspunkte der Missionierung, als „Verwaltungszentren“ des neu hinzugewonnen karolingischen Herrschaftsbereichs zu. Für Ostfalen hatte Karl der Große Elze als Bischofssitz vorgesehen, wo er auch auf Königsgut eine Kirche errichten ließ und einen Missionsbischof einsetzte – bevor dann nach seinem Tod im Jahr 814 alles ganz anders kam.

Denn Karls Sohn Ludwig der Fromme erkannte, dass der heutige Domhügel in Hildesheim – wo übrigens auch damals schon Menschen lebten – verkehrstechnisch günstiger und zentraler als Elze lag, weswegen er auf einer Reichsversammlung im Sommer 815 in Paderborn ein Bistum Hildesheim begründete; aus Ludwigs Itinerar ergibt sich das Gründungsdatum 1. Juli 815. Das neue Bistum erstreckte sich von der Leine im Westen bis zur Oker im Osten beziehungsweise von der Aller im Norden bis an den nördlichen Harzrand im Süden. Die Südgrenze blieb bis ins 12. Jahrhundert hinein zwischen dem Bistum Hildesheim und dem Erzbistum Mainz umstritten.

Das neue Bistum nahm eine gute Entwicklung, weswegen Bischof Altfrid (851–872) den bisherigen Cäciliendom durch einen neuen, deutlich größeren Dom ersetzen lässt. Der Legende nach wurde ihm dessen Lage und Größe nach einem dreitägigen Fasten und Beten durch die Gottesmutter Maria selbst gezeigt. Auch um die – wie es in der Fundatio wörtlich heißt – „lebendigen Steine“ der Kirche von Hildesheim bemüht, trug Bischof Altfrid auch erheblich zur Gründung der Kanonissenstifte Gandersheim und Lamspringe bei. Vor dem Hintergrund der engen Bindung des Bistums Hildesheim an die Ottonen kam es um die Jahrtausendwende zu einer kulturellen Blütezeit. Hildesheim wurde für die Kaiser und Könige eine wichtige Stütze ihrer eigenen Herrschaft. So gingen etwa aus der Hildesheimer Domschule zwischen den Jahren 919 und 1024 nicht weniger als 27 Reichsbischöfe hervor.

Von besonderer Bedeutung: Bernward und Godehard

Besondere Bedeutung für die Entwicklung des Bistums besitzen die Bischöfe Bernward (993–1022) und Godehard (1022–1038). Der aus dem sächsischen Hochadel gebürtige Bernward wirkte längere Zeit in leitender Position in der königlichen Regierung und Verwaltung, wie er auch Erzieher und Lehrer des späteren Kaisers Otto III. war. Als Bischof von Hildesheim wusste er seine weltlichen Aufgaben mit seinen religiös-kirchlichen Pflichten in hervorragender Weise zu verbinden. Unter anderem baute er zahlreiche Kirchen, hielt regelmäßige Diözesansynoden ab und legte auch den Grundstein für eine Untergliederung des Bistums in Archidiakonate. Vor allem aber begründete Bischof Bernward das Benediktinerkloster St. Michael in Hildesheim – seine Lieblingsgründung und ein Prototyp romanischen Kirchenbaus. Bedeutendste Zeugnisse seines künstlerischen Wirkens – das für ihn stets in seelsorglichen Zusammenhängen stand – sind die Bernwardstür und die Christussäule im Dom.

Karl der Große und sein Sohn Ludwig der Fromme waren entscheidend für die Gründung des Bistums. Fotos: Bistumsarchiv

Bernwards Nachfolger Godehard war vor der Übernahme des Bischofsamts Abt im Benediktinerkloster Niederaltaich gewesen. Im Bistum Hildesheim gelang Godehard – im Wissen um die zentrale Funktion des Gottesdienstes – der Bau von etwa 30 Kirchen und 1030 die endgültige Beilegung des Streits um die Zugehörigkeit des Reichsstiftes Gandersheim zum Bistum Hildesheim. Über ihn heißt es in einer zeitgenössischen Chronik: „Wo immer im Bistum das Volk zu Festen der Heiligen oder zum Jahrestage der Kirchweihe zusammenströmte, dahin ging Godehard mit herzlicher Geistesfreude, um dort seiner Lieblingstätigkeit zu obliegen, nämlich durch Verkündigung des Wortes Gottes den Seelen zu nützen. Seine Predigten handelten immer von der Liebe Gottes und des Nächsten, von der Bewahrung des Glaubens und vom christlichen Wandel, von der Sorge für das Heil der Seelen.“

Zu den bedeutenderen Nachfolgern der im 12. Jahrhundert heiliggesprochenen Bischöfe Bernward und Godehard gehörte Bischof Hezilo (1054–1079). Er gründete die Stifte St. Mauritius und Hl. Kreuz in Hildesheim und baute den durch einen großen Brand 1046 zerstörten Altfrid-Dom wieder auf. Am 5. Mai 1061 erfolgte die feierliche Neuweihe des dritten Hildesheimer Dombaus, der so bis zum Zweiten Weltkrieg bestand.

Während des Episkopates von Bischof Bernhard I. (1130–1153) entstanden in Hildesheim das Benediktinerkloster St. Godehard und in Amelungsborn das erste niedersächsische Zisterzienserkloster. Ihm und seinen Nachfolgern auf dem Hildesheimer Bischofsstuhl gelang auch die Sicherung ihrer Landesherrschaft: Die Bischöfe des Mittelalters und der Frühen Neuzeit – bis zur Säkularisation von 1803 – besaßen geistlich-kirchliche wie landesherrliche Rechte und Pflichten.  1235 wurde auf einem Reichstag zu Mainz die Landesherrschaft des Hildesheimer Bischofs über das Hochstift Hildesheim offiziell festgeschrieben. In etwa parallel zum Ausbau der bischöflichen Landesherrschaft – wofür die Errichtung der Burgen Steuerwald und Marienburg erhebliche Bedeutung besaß – kam es im 12./ 13. Jahrhundert auch zu einer Konsolidierung der Funktion des Domkapitels, dem durch das sogenannte Große Privileg von Bischof Adelog (1170/71–1190) das Recht der Bischofswahl und des „ius consentiendi“ zugestanden wurde: Bei allen wichtigen Entscheidungen hatten die Hildesheimer Bischöfe fortan den Rat des – übrigens reich begüterten – Domkapitels einzuholen.

Bettlerorden geben Impulse für das Bistum

Wichtige Impulse insbesondere für den religiös-kirchlichen Alltag der Stadt und des Bistums Hildesheim gingen von den Niederlassungen der Bettelorden aus. Für 1231 ist die Anwesenheit der Dominikaner in der Stadt Hildesheim bezeugt. Bereits 1233 wurde ihre Niederlassung durch das Generalkapitel des Ordens als Konvent angenommen, womit er zu den ältesten in Mitteleuropa gehört. Eine Niederlassung der Franziskaner gelang „im zweiten Versuch“: 1233 wurden Brüder wohl zunächst ansässig bei St. Godehardi, ab 1240 nach einer Grundstücksschenkung durch Bischof Konrad II. (1221–1246) dann an der Außenseite der Ummauerung des Dombezirks. Hier errichteten sie eine dem hl. Martin geweihte Kirche. Der Konvent ist 1253 erstmals urkundlich belegt.

Das Bistum Hildesheim zur Zeit Bischof Bernwards um das Jahr 1000.

Gewissermaßen zu den Konstanten der Hildesheimer Bistumsgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit gehörten die Auseinandersetzungen mit den welfischen Nachbarn; das Bistum war im Norden, Westen und Süden von welfischen Territorien umgeben. Nach verschiedenen „Vorgeplänkeln“ kam es am 3. September 1367 bei Dinklar – rund 10 Kilometer östlich von Hildesheim – zur offenen Schlacht zwischen dem braunschweigischen Herzog Magnus dem Älteren und dem Hildesheimer Bischof Gerhard vom Berge (1365–1398). Rasch wurde deutlich, dass die Hildesheimer zahlenmäßig wie von ihrer Bewaffnung her den Braunschweigern hoffnungslos unterlegen waren, weswegen Bischof Gerhard seinen Soldaten das Gründungsreliquiar „Unserer Lieben Frau“ zeigte. Die Folge: die Schlacht nahm eine eigentlich unmögliche Wendung und die Braunschweiger wurden verheerend geschlagen – und aus dem Lösegeld für die Gefangenen ließ Bischof Gerhard die Kuppel des Hildesheimer Mariendoms vergolden …

Am Ende des Mittelalters gab es im Bistum Hildesheim 318 Pfarreien (um 1000 waren es lediglich 14 gewesen), von denen sich 63 im Eigenkirchenrecht des Bischofs befanden, 116 unter weltlichem Patronat standen und 139 geistlichen Korporationen zugehörig waren. Ebenso gab es im etwa 3000 Quadratkilometer großen Bistum neun Kanonikerstifte, fünf Benediktiner- und zwei Zisterzienserabteien, fünf Augustinerchorherrenstifte, ein Kartäuserkloster, fünf Zisterzienserinnenklöster, 16 Kanonissenstifte und Benediktinerinnenklöster, eine Dominikaner- und drei Franziskanerniederlassungen sowie zwei Niederlassungen der Magdalenerinnen. Das Bistum Hildesheim: es befand sich auf einem insgesamt guten Weg.

Thomas Scharf-Wrede

 

Die Gründung

Das Gründungsreliquiar des Bistums
Das Gründungsreliquiar des Bistums

„Nach dem Ende von Karls Herrschaft und Leben war Ludwig, Erbe der Frömmigkeit und Macht des Vaters, ganz damit beschäftigt, die Elzer Kirche zum Haupt und Sitz eines Bistums zu erheben. Und als er deswegen diesen Ort häufiger besuchte, trug es sich zu, dass er aus Jagdleidenschaft die Leine überschritt und an der Stelle, wo jetzt die Hildesheimer Kirche steht, das Zelt aufschlug und dort die Messe hörte, wohin man die Reliquien der königlichen Kapelle gebracht hatte. Durch göttliche Fügung waren dies aber Reliquien der heiligen Gottesmutter Maria. Als der Kaiser hierauf von der Jagd nach Elze zurückgekehrt war und dort wieder die Messe hören wollte, da erinnerte sich der Kapellan erst, als er die Reliquien auf den Altar stellen wollte, dass er sie dort vergessen hatte, wo tags zuvor die Messe gefeiert worden war. Von Sorge getrieben ging er zurück und fand sie auch dort, wo er sie aufgehängt hatte, nämlich am Ast eines Baumes, der eine sehr klare Quelle beschattete. Froh eilte er darauf zu und – oh große Wunderwerke Gottes, oh tiefer Abgrund göttlicher Fügung – konnte die Reliquien, die er mit leichter Hand aufgehängt hatte, mit keiner Anstrengung abnehmen. Er kehrte zurück, um dem Kaiser das Wunder zu berichten. Dieser war begierig, das Gehörte mit eigenen Augen zu sehen, kam schnell mit vielen Begleitern herbei und sah, dass sich die Reliquien von dem Baum, an dem sie einmal hingen, nicht abnehmen ließen. Belehrt, dass dies Gottes Wille sei, errichtete er dort schnell eine Kapelle für die Muttergottes, wobei der Altar und die aufgehängten Reliquien ein und denselben Platz bekamen. Diesen Ort, der durch das überraschende Wunder verherrlicht und von dem erwiesen war, dass er der Gottesmutter so sehr gefiel, begann der Kaiser mit allem Eifer besonders zu fördern und verlegte den Hauptsitz des Bistums, den er vorher bei der von seinem Vater gegründeten und von ihm so hoch gepriesenen Kirche von Elze dem Apostelfürsten zu Ehren hatte errichten wollen, an die Kapelle der Gottesmutter und stellte ihr den im Glauben bewährten Gunthar als ersten Bischof voran.“

aus der im 11. Jahrhundert niedergeschriebenen „fundatio ecclesaie Hildensemensis“