07.06.2014

1200 Jahre Bistum Hildesheim - Das 16. bis 18. Jahrhundert

Beistand durch katholische Dynastie

Die Zeit vom 16. bis zum 18. Jahrhundert war eine unruhige und wechselvolle Epoche für das Bistum –  wie der Blick zurück in die Geschichte zeigt.

Eine barocke Innenausstattung erhielt der Hildesheimer Dom durch Bischof Clemens August von Bayern im 18. Jahrhundert. Quelle: Bistumsarchiv

Aus verschiedenen Gründen hatten die Hildesheimer Bischöfe im Laufe der Zeit etliche Burgen an adelige Familien verpfändet, was ihnen natürlich zunächst einen gewissen finanziellen Spielraum verschaffte, sie aber mittel- und langfristig in ihrer politischen Handlungsfähigkeit beeinträchtigte. Aus diesem Grunde bemühte sich Bischof Johann von Sachsen-Lauenburg (1504–1527) um die Wiedereinlösung dieser Burgen und Güter, womit er bei deren damaligen Verwaltern – die sich selbst schon als deren Eigentümer betrachteten – natürlich auf Widerstand stieß.

Als er etwa 1513 von der im Hildesheimischen wie im Braunschweigischen begüterten Familie von Saldern das Haus Lutter und die Burg Bockenem zurückforderte, widersetzte sich diese zunächst dem Ansinnen des Bischofs und räumte beide erst „im zweiten Anlauf“ – wobei sich Hans von Saldern ganz dezidiert als „Feind des Bischofs und des Stifts“ erklärte.

Durch die Parteinahme der welfischen Herzöge zugunsten des stiftischen Adels wurde aus einer lokalen Auseinandersetzung rasch ein „Flächenbrand“, in dem der Hildesheimer Bischof bis Herbst 1521 die Herrschaft über die Ortschaften Hunnesrück, Dassel, Markoldendorf, Bodenwerder, Hameln, Lauenstein, Aerzen, Grohnde, Poppenburg und Gronau verlor. Eine „interne“ Verhandlungslösung zwischen den beiden Parteien gelang nicht, weswegen die „Hildesheimer Frage“ 1521/23 auf Reichstagen verhandelt und durch den „Quedlinburger Rezess“ vom 13. Mai 1523 verbindlich entschieden wurde. Danach musste der Bischof von Hildesheim den größten Teil seines Territoriums an die Herzöge Erich und Heinrich den Jüngeren abtreten.

Das dem Bischof – und Domkapitel – verbliebene „Kleine Stift“ umfasste nunmehr lediglich die Städte Hildesheim und Peine sowie die Ämter Marienburg, Steuerwald, Peine und die Dompropstei mit 90 Dörfern. Erst gut 100 Jahre später und damit im Zuge des 30-jährigen Krieges wurde den Hildesheimer Fürstbischöfen durch den Hildesheimer Hauptrezess vom 27. Apri1 1643 das „Große Stift“ restituiert, wodurch sie – leicht modifiziert durch die Beschlüsse des Westfälischen Friedens von 1648, der für das gesamte Reich die konfessionellen Besitzstände des Jahres 1624 „(„Normaljahr“) als verbindlich festschrieb – ein konfessionell differentes Territorium regierten. Das hat sich so bis zur Neuumschreibung des Bistums zu Beginn des 19. Jahrhunderts erhalten.

Bischofsstadt selbst wird mehrheitlich lutherisch

Zeitlich in etwa parallel erreichten die reformatorischen Ideeen Martin Luthers auch das Bistum und die Stadt Hildesheim, wo sie jedoch zunächst – vor allem aufgrund der entschiedenen Politik des Bürgermeisters Hans Wildefuer – auf nur geringe Resonanz stießen. Erst nach seinem Tod kam es zum Umbruch, auf einmal durfte in Hildesheim lutherischer Gottesdienst gefeiert werden. Mehr noch: Nach Erlass einer evangelischen Kirchenordnung durch den Reformator Johannes Bugenhagen wandte sich die Stadt mehrheitlich der neuen Lehre zu –  teils aus religiösen Überzeugungen, teils aus politischem Kalkül. Katholisch blieben – mit dem Bischof – lediglich das Domkapitel, die Benediktinerabteien St. Michael und St. Godehard, die Kollegiatstifter Hl. Kreuz, St. Andreas, St. Johannis, St. Mauritius, das Augustinerchorherrenstift St. Barthomoläus zur Sülte, die Klöster der Kartäuser und der Magdalenerinnen sowie das Stift im Schüsselkorb.

Den entscheidenden „Anstoß“ für die Behauptung des Katholizismus im Bistum Hildesheim brachte die Wahl des bisherigen Dompropstes Burchard von Oberg zum neuen Bischof von Hildesheim am 31. März 1557. In ungemein moderater und geschickter Weise stellte er die Weichen in Richtung einer umfassenden und dauerhaften Rekatholisierung des Stifts, wozu unter anderem die Anerkennung des evangelischen Besitzstandes der Stadt Hildesheim bei gleichzeitiger Zusicherung des dauerhaften Weiterbestands der katholischen Kirchen und Einrichtungen im Jahr 1562 gehörte.

Als sich ab 1568 mit dem Regierungsantritt von Herzog Julius von Braunschweig-Lüneburg-Wolfenbüttel im Fürstentum Wolfenbüttel und in den unter braunschweigischer Herrschaft stehenden Teilen des Stifts Hildesheim endgültig die Reformation durchsetzte, sah Bischof Burchard hierin eine massive Gefahr für das Bistum Hildesheim: „auf Dauer werde dieses sich in einem komplett evangelischen Umfeld nicht behaupten können – außer man gewönne eine der großen katholischen Dynastien des Reiches als Beistand“ …

Bischof Burchard von Oberg.

Ein Bayer wird Bischof von Hildesheim

Insofern nahm der Hildesheimer Bischof Verhandlungen mit den Wittelsbachern auf, um Prinz Ernst von Bayern – bereits Bischof von Freising – als Koadjutor und damit eigenen Nachfolger zu gewinnen. Damit stieß er allerdings zunächst in München wie auch bei der Kurie in Rom auf doch recht deutliche Skepsis – aus Sorge vor massiven Auseinandersetzungen mit den protestantischen Landesherren in Norddeutschland.

Dennoch wählte das Hildesheimer Domkapitel nach Bischof Burchards Tod auf seiner Sitzung am 7. März 1573 eben diesen Ernst von Bayern zum neuen Bischof von Hildesheim. Mit ihm begann eine Reihe Wittelsbacher Herzöge auf dem Hildesheimer Bischofsstuhl, die – abgesehen von einer Unterbrechung von 1688–1702 – fast 200 Jahre bis 1761 andauerte und ein wesentlicher Faktor für den dauerhaften Weiterbestand des katholischen Bistums Hildesheim wurde. Nach dem Bistum Hildesheim übernahmen die Wittelsbacher im Norden und Nordwesten des Reiches noch weitere Bistümer: Lüttich, Münster, Paderborn und Osnabrück sowie das Erzbistum Köln. Die päpstliche Dispens zur Übernahme von fünf oder sogar sechs Bistümern durch einen einzigen Bischof gründete in deren Existenzgefährdung respektive der Säkularisationsgefahr.

Wesentliche Maßnahmen von Fürstbischof Ernst von Bayern – der sich selbst übrigens wie auch seine Nachfolger nur selten im Bistum Hildesheim aufhielt – zur Reform des katholischen Kirchenwesens beziehungsweise der Rekatholisierung des Stifts Hildesheim waren die Einrichtung eines Geistlichen Rats für die Verwaltung des Bistums, die Gewinnung von Jesuiten für die Ausbildung eines qualifizierten katholischen Klerus und die Durchführung von Visitationen zur Feststellung der realen Gegebenheiten in seinem Bistum.

Dabei ergab die Visitation von 1608/09, dass die Dörfer des Amts Marienburg und der Dompropstei sowie die domkapitularischen Dörfer katholischer Konfession waren, wohingegen das Amt Peine lutherischer und das Amt Steuerwald gemischter Konfession war. Deutlich wurde dabei auch, dass die Besetzung einer Pfarrstelle mit einem katholischen Pfarrer (natürlich) über kurz oder lang die gesamte Gemeinde wieder dieser Konfession zuführte. Insofern lag denn auch ein besonderes Augenmerk von Bischof Ernst von Bayern und seinem Domkapitel auf der Ausbildung des angehenden Klerus, die sie 1595 den acht Jahre zuvor nach Hildesheim gekommenen Jesuiten übertrugen: 1595 übernahm die bereits acht Mitglieder zählende „Residentia Hildesiensis“ die vorherige Domschule unter dem Namen Mariano-Josephinum, das bereits 1612 rund 300 Schüler zählte.

Das Bistum Hildesheim um 1500.

Die Herrschaft der bayerischen Herzöge über das Bistum Hildesheim endete mit Fürstbischof Clemens August von Bayern (1724–1761), der sich vor allem  durch eine besondere Bautätigkeit auszeichnete. Unter anderem gelangen in seiner Amtszeit die Barockisierung des Hildesheimer Domes und der St. Mauritiuskirche, der Umbau des Fürstbischöflichen Schlosses am Domhof, der Bau der Schlösser und Kirchen in Liebenburg und Ruthe sowie Kirchen in Ahrbergen, Bockenem, Bolzum, Groß Düngen, Harsum, Hasede, Himmelsthür, Mehle und Wohldenberg. In seelsorglichen Belangen ist Fürstbischof Clemens kaum in Erscheinung getreten, derartige Aufgaben überließ er lieber seinen Weihbischöfen Ernst Friedrich von Twickel (1724–1734) und Johann Wilhelm von Twickel (1734–1757), die eine neue Diözesanagende zur Vereinheitlichung der Liturgie im Bistum Hildesheim und die Errichtung von Pfarrzirkeln zur Kooperation zwischen den Pfarrern benachbarter Kirchengemeinden in Kraft setzten.

Eigenständigkeit und Kirchengüter gehen verloren

Die Regierungszeit der letzten beiden Hildesheimer Fürstbischöfe Friedrich Wilhelm von Westfalen (1763–1789) und Franz Egon von Fürstenberg (1789–1825) war zwar durch eine Reihe von Reformen im Sinne der Aufklärung gekennzeichnet, den „Zug der Zeit“ konnten allerdings auch sie nicht aufhalten: 1802 verlor das Fürstbistum Hildesheim seine politische Eigenständigkeit an das Königreich Preußen, das zudem gemäß den Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 sämtliche Kirchengüter, Klöster und Stifte übernahm: „Alle Güter der Domkapitel und ihrer Dignitarien werden den Domänen der Bischöfe einverleibt und gehen mit den Bistümern auf die Fürsten über, denen diese angewiesen sind“. Das Bistum Hildesheim: Es bedurfte einer grundlegenden Neuorganisation.

Thomas Scharf-Wrede

 

Zum Kirchen- und Frömmigkeitsverständnis

Ein Visitationsdekret für die Pfarrei Wohldenberg (bei Holle) aus dem 1667 gibt einen gewissen Einblick in das Kirchen- und Frömmigkeitsverständnis der Zeit. Darin heißt es unter anderem: 

„Der Pastor soll seinen Pfarrgenossen befehlen, dass sie an denjenigen Festtagen, welche ‚fests devotionis‘ genannt und außer der Kirchen an etlichen Orten nicht gefeiert werden, vormittags der hl. Messe beiwohnen und dann zu ihrer Arbeit gehen sollen; auch alle ermahnen, die hohen Festtage ohne Beichte und Kommunion nicht vorbeigehen zu lassen …

Die Katholiken der umgebenden lutherischen Orte Holle, Hackenstedt, Sottrum pp. sollen bei Strafe von 5 Goldfloren zur Kapelle in Woldenberg sich bekennen. Alle ihre Namen soll der Pastor seinem Kataloge vereinnahmen …

Der Pastor soll die christliche Lehre fleißig halten, und müssen alle Eltern ihre Kinder und Gesinde hinschicken, auch sollen sich die Eltern nicht der Lehre entziehen. Damit dieses allerhöchst nötiges und nützliches Werk befördert werde, soll der Pastor zur Winterszeit seine Predigt umso kürzer machen und an Platz des Predigens die Jugend vornehmen und unterweisen. Katholische Eltern sollen ihre Kinder nicht zur lutherischen Schule schicken, bei Strafe von 5 Goldfloren …

Der Pastor soll alle Jahr die Prozessionen auf Himmelfahrt und am Montag in den hl. Pfingsten hochfeierlich halten, damit die lieben Früchte in umliegenden Feldern und Plätzen mögen bewahret und dieses ganze Stift vor Pest und anderen Krankheiten behütet werden. …

Bestraft wird, wer ohne Erlaubnis des Pastors an Sonn- und Festtagen arbeitet, die hl. Messe versäumt oder vorm Ende herausgeht.“