26.02.2013

Lernen mit Musik: Geht das?

Beschallt auf Schritt und Tritt

Es ist der Alptraum vieler verantwortungsbewusster Eltern: Die Kinder lernen für die Schule und hören dabei laute Musik. Kann das denn gut sein?

 
Solange Schüler ihre Lieblingsmusik hören, schadet das der Lernleistung
nicht. Es rege sie aber auch nicht an, so die neueste Forschung.
Foto: fotolia

Mittags herrscht bei Familie Trautmann (alle Namen geändert) aus Hannover regelmäßig Streit. Wenn Sohn Julian aus der Schule kommt, dreht er in seinem Zimmer die Heavy-Metal-Musik auf. Nur so könne er Hausaufgaben machen, betont der 13-Jährige vollmundig. Sein jüngerer Bruder Veit dagegen fühlt sich gestört. Ihn nervt die Musik aus dem Nachbarzimmer. Auch Mutter Sabrina ist unsicher: „Das kann doch nichts werden, wenn du beim Lernen so laute und wilde Musik hörst“, schimpft sie regelmäßig.

Ob Lernen mit Musik förderlich ist oder eher negativ wirkt, wurde und wird seit Jahrzehnten umstritten diskutiert. Lange Zeit galt moderne Musik wie Hip-Hop, Rock oder Metal zum Lernen als absolut ungeeignet – zu schnell, zu aggressiv und zu viel Text, so die Kritiker. Dabei kann Musik durchaus als Medium oder Transportmittel für Lernstoff dienen. Beim Hören wird die rechte Gehirnhälfte (Musik) mit der linken (Sprache) synchronisiert. Diese Vernetzung potenziert die Aufnahme-, Verarbeitungs- und Speicherkapazität des Gehirns. So haben zum Beispiel Musiker bei Untersuchungen häufig bessere Gedächtnisleistungen gezeigt als Nichtmusiker.

Aber für welche Musik und welche Lautstärke gilt das? Jahrelang wurde der klassischen Musik intelligenzfördernde Wirkung zugeschrieben. So prägte Frances Rauscher von der University of Wisconsin in Oshkosh/USA 1993 den Begriff des „Mozart-Effekts“: Nach zehn Minuten von Mozarts Sonate in D-Dur konnten sich Rauschers Testpersonen besser konzentrieren als ohne Musik. Auch andere Forscher kamen damals zu ähnlichen Ergebnissen.

Heute ist bekannt, dass vielmehr die emotionale Wirkung Einfluss auf Lernleistungen hat. Entspannte Gefühle beim Hören sind also für den Mozart-Effekt viel entscheidender als die Musikart an sich. So ging das Lernen in neueren Experimenten auch bei Rockmusik ihren Fans leichter von der Hand.

Eingeschränkt „grünes Licht“ für Heavy-Metal-Musik

Für Julians Heavy-Metal-CD bei den Hausaufgaben haben Wissenschaftler der Technischen Universität Dortmund daher jetzt eingeschränkt „grünes Licht“ gegeben: Das Hören ihrer Lieblingsmusik beeinflusst Kinder und Jugendliche in ihrer Konzentration und Leistungsfähigkeit selbst dann nicht, wenn sie sich in voller Lautstärke beschallen lassen. Einen Grund für das erstaunliche Phänomen sieht das Team um Musikwissenschaftler Guenther Rötter darin, dass Musik heute allgegenwärtig ist: „Schüler nehmen Musik nur noch als Accessoire wahr. Solange sie ihre Lieblingsmusik hören, schadet es ihnen beim Lernen nicht. Es regt die Lernleistung aber auch nicht an“, so Rötter, der mit seinem Test eigentlich das Gegenteil beweisen wollte. Vor allem Jugendliche seien es heute gewohnt, „auf Schritt und Tritt“ beschallt zu werden. „Musik ist überall. Daher reagiert der Körper nicht mehr, sie wird noch nicht einmal mehr als Hintergrundmusik wahrgenommen“, rät Rötter Eltern, Lehrern und Pädagogen etwas gelassener mit Musik beim Lernen umzugehen.

Ein Tipp, den Hirnforscher und Pädagogen allerdings nicht ohne weiteres unterstreichen wollen. Wenn das Gehirn es gewohnt sei, ständig Geräusche in den Hintergrund zu drängen, wirke sich das zwangsläufig auch auf Konzentration und Aufmerksamkeit der Kinder aus, meinen sie. So merken Lehrer verstärkt, dass Schüler nicht mehr gut zuhören und mit Stille nicht besonders gut umgehen können. Es sei  besser, einer Sache die volle Konzentration zu schenken, so Lutz Jänke, Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich, in einem Interview.

Hören und Lernen seien aber nach wie vor „zwei verschiedene Tätigkeiten. Werden sie simultan ausgeführt, wirke das belastender. Ohne es zu merken, gebe man sich der Musik hin – auf Kosten des Lernens. Eine Ausnahme: „Wenn der Lernende müde und demotiviert ist, kann kurzzeitige Musik helfen“. Dann rät er allerdings, eine Pause zu machen, in der Musik gehört wird, und anschließend wieder frisch ans Werk zu gehen. Popgesang und Vokabeln vertrügen sich am schlechtesten, dagegen könne Musik bei kreativen Tätigkeiten durchaus nützlich sein.

Astrid Fleute