02.01.2011

Bei aller politischen Korrektheit: Der „Nickneger“ ist nicht ausgestorben

Bettelautomaten für die Mission

Vor 50 Jahren waren sogenannte Nickneger noch die Attraktion vieler Weihnachtskrippen, heute sind sie begehrte Sammelobjekte des Würzburger Diözesanarchivs.

Bildunterschrift

 „Willst Du den Heiden Hilfe schicken, so lass mich Ärmsten freundlich nicken.“ Ein Geldstück wandert scheppernd in die Spendenbüchse, während der Kopf des kleinen Afrikaners sich ungelenk von oben nach unten und wieder zurückbewegt. Norbert Kandler zieht die Münze aus dem Fach unter dem knienden Jungen, bevor er ihn wieder in den Schrank zu den anderen Schwarzen und Engeln stellt.

Kuriositäten vom Dachboden

An die 60 „Missions-Spardosen“ hat der stellvertretende Leiter Kandler im Laufe der Jahrzehnte zusammengetragen, in Gestalt von Mohren, Engeln oder Mönchen. Als Außendienstmit­arbeiter kam der Historiker in viele Pfarrhäuser. Im Dachboden entdeckte er dann die Spendenbüchsen. Bevor sie auf einem Flohmarkt oder im Müll landeten, nahm er die Stücke mit. Ein Beleg für die Missionsgeschichte und das Spendensammeln sind die Büchsen für ihn, vielleicht sogar „im Grenzbereich zur Kunst“. Auf jeden Fall ein Kuriosum, das es zu bewahren gilt.

Dabei kamen nicht nur die verschiedenen Modelle mit afrikanischen Menschen zusammen, die für den Namen „Nickneger“ verantwortlich sind. Auch Inder oder Chinesen sagten mit einer hölzernen Kopfbewegung Danke für den einen oder anderen Groschen. „Die Form der Spardosen hing oft von der Gegend ab, in dem die Missionare aus dem jeweiligen Ort tätig waren“, erklärt Kandler. Entsprechend hätten die Gemeinden die Sammelbox bei den jeweiligen Orden bestellt.

So seien etwa die Steyler Missionare in China oder Indien tätig gewesen, die Missionsbenediktiner von Münsterschwarzach in Afrika. Das Prinzip der nickenden Figuren ist jedoch immer gleich: Das Spenden wurde für einen Augenblick zum Erlebnis, vor allem für die Kleinen: „Die Figur hat reagiert, das Kind wird animiert, noch mal etwas hineinzuwerfen“, erklärt Kandler. Selbst Erwachsene ließen sich von dieser Spielform mechanischer Interaktivität begeistern.

Die Hände verloren im Dienst der guten Sache

Die „Nickneger“ sind eine Erfindung des späten 19. Jahrhunderts und atmen den Geist der Kolonialisierung. Aus dieser Zeit stammt auch Kandlers ältestes Stück: ein Engel im hellblauen Hemd. Das Pappmachee ist mit Rissen überzogen, die Hände fehlen ganz, verloren im Dienst für die gute Sache. So mancher Kollege aus Gips in den Schränken des Diözesanar­chivs hat das Spendensammeln nicht ohne Schrammen überstanden. Auch die von einem unterfränkischen Katholiken selbst konstruierte Waldkapelle mit einem Eremiten, der bei Münzeinwurf ein Glöcklein läuten lässt, ist in die Jahre gekommen.

In den 1960er- und 1970er-Jahren verschwand der „Nickneger“ im Gefolge des Zeitgeistes. Kandler: „Wir können jetzt nicht mehr den Afrikaner als Bittsteller sehen, als Bettler, der gefälligst zu nicken hat, wenn er von uns einen Groschen bekommt.“ Der Eine-Welt-Gedanke prägte das Erscheinungsbild der Spendenbüchsen von Hilfswerken und Missionsorden: Kinder verschiedener Nationen an einem Tisch, in der Mitte ein Schlitz für die Münzen oder einfach drehende Weltkugeln.

Doch bei aller politischen Korrektheit, der „Nickneger“ ist bis heute nicht ausgestorben, wie Kandler berichtet. Denn neben den historischen Exemplaren, die mittlerweile auf Flohmärkten oder im Internet gut und gern für mehrere Hundert Euro verkauft werden, werden neue Figuren wieder produziert. Sie orientieren sich an einem Vorbild aus den 1950er-Jahren: Ein Afrikaner sitzt auf einem Sockel, in seinem Schoß ein Weidenkorb mit dem Spendenschlitz.

„Nostalgie“ nennt der Archivar das und berichtet von der Begeisterung, mit der mancher Erwachsene von seinen früheren Begegnungen mit den dankbaren Spendensammlern erzählt. „Man merkt, wie die Zeit in ihnen lebendig wird.“ Man müsse solche Büchsen immer aus ihrer Entstehungszeit heraus sehen, empfiehlt Kandler. Aber eines steht auch für ihn fest: „Hilfreich waren sie auf jeden Fall.“

Christian Wölfel (kna)