29.11.2014

Kommentar

Bollwerke gegen Armut

Von Roland Juchem

Was für Europa das Mittelmeer,
sind für die USA der Rio Grande und die Grenze nach Mexiko: ein Bollwerk gegen die Armut der Welt. Für jene, die diese Bollwerke zu überwinden suchen, sind sie hingegen das Tor zum (vermeintlichen) Paradies – und tausendfaches Gräberfeld zugleich. In seiner Rede vor dem Europaparlament hat Papst Franziskus gesagt: „Es ist nicht tolerierbar, dass Millionen von Menschen in der Welt den Hungertod sterben, während jeden Tag Tonnen von Lebensmitteln von unseren Tischen weggeworfen werden.“ Es ist einfach so: Wenn Sicherheit und Auskommen für das tägliche Brot nicht zu den Menschen im Süden gelangen, machen sich diese auf den Weg dorthin, wo Sicherheit und Wohlstand vorhanden sind: in die USA und nach Europa.

Die krasse Ungleichheit von Wohlstand in Lateinamerika und Afrika, die brutale Gewalt von Jugendbanden in Mittelamerikas Städten oder der Bürgerkriege in Nahost und Afrika, die ständige Diskriminierung, ja Verfolgung von Indigenen oder Andersgläubigen: Das alles sind genügend legitime Gründe, sich für ein besseres Leben auf gefährliche Reisen zu begeben. So wie es in den vergangenen Jahrhunderten Europäer in umgekehrter Richtung gemacht haben.

Nur treffen die Flüchtlinge von heute nicht auf weitgehend leeres Land und technisch-militärisch unterlegene Einheimische, sondern auf perfektionierte Grenzsysteme und populistischen Fremdenhass. New Yorks Erzbischof, Kardinal Timothy M. Dolan, nannte die Zustände in den Auffanglagern „unamerikanisch, unbiblisch und unmenschlich“. Europa und die USA, die in der Welt gerne als Verteidiger der Menschenrechte auftreten, müssen sich beim Umgang mit Flüchtlingen an die eigene Nase fassen: Wenn‘s um den eigenen Wohlstand geht, werden Menschenrechte schnell relativ.

Keine Frage: Vollkommen gleichgültig sind den meisten Europäern, US-Amerikanern und Kanadiern die Menschen nicht, die zu ihnen kommen. Es ist auch nicht ganz einfach, mit dem Zuzug vieler verzweifelter Menschen fertig zu werden.

Australiens Weg brutaler Abschreckung und Abschottung, mit dem auch US-Republikaner und Europas Nationalisten liebäugeln, ist langfristig kein Weg, mit den Problemen fertig zu werden. Eher schon das jüngste Dekret des US-Präsidenten zur Duldung von Einwanderern oder Europas Debatte um eine gerechtere Verteilung der Sorge um Migranten. Es geht nicht nur um politisches Management, sondern um die Würde von Menschen – und ihr schieres Überleben.