14.12.2014

Kommentar

Da muss es mehr geben

Von Roland Juchem

Wieder einmal geht es um den Ursprung unserer Welt: Am Kernforschungszentrum CERN bei Genf wappnet man sich für ein Experiment, das erneut für Furore sorgt. Ähnlich wie im Frühjahr die Suche nach dem Higgs-Boson, jenem Elementarteilchen, das anderen Bestandteilen der Materie Schwerkraft verleiht. Auch beim neuen Experiment geht es um Materie und Schwerkraft: genauer um Materie, die noch niemand gesehen oder nachgewiesen hat, weil sie keinerlei Strahlung aussendet: sogenannte dunkle Materie.

Die müsse es geben, folgern Physiker – unter anderem daraus, dass Galaxien sich am Rande deutlich schneller drehen als sie es aufgrund ihrer Gesamtmasse dürften. Da müsse etwas sein, das mit seiner Schwerkraft den galaktischen Wirbel beschleunigt. Berechnungen zufolge macht die gesamte Materie, die Menschen derzeit nachweisen können, nur 4,9 Prozent aller Masse und Energie im Universum aus. 26,8 Prozent müsse dunkle Materie sein und 68,3 Prozent dunkle Energie. „Wir wissen, wie wenig wir wissen“, könnte man mit Sokrates einflechten.

Dennoch: Die Forscher am CERN und jene, die sie beobachten, sind fasziniert. „Erstmals beginnt der Mensch, den Ursprung des Universums im Detail zu verstehen – nicht als mythische Erzählung, religiöses Dogma oder philosophische Spekulation, sondern auf verlässlicher, überprüfbarer wissenschaftlicher Basis“, schrieb die Zeitschrift „bild der wissenschaft“ über Forschungen zum Urknall. Und einer der beteiligten Forscher am CERN ist sich sicher: „Letztlich geht es darum, unsere ganze Existenz zu erklären.“

Das nun ist doch ein wenig hoch gegriffen. Die Existenz des Menschen erklärt sich nicht aus dem Urknall. Dort nahmen Materie und Energie, Raum und Zeit für dieses Universum ihren Ausgang. Allein für unsere Existenz als Menschen, für ein sinnvolles Leben in dieser Welt hält das Standardmodell der Physik wenig bereit. Dafür müssen wir Mythen, Dogmen und Philosophie doch wieder zu Rate ziehen; sie betrachten weitere Aspekte der Wirklichkeit, an die die Physik ebenfalls nicht herankommt. So viel intellektuelle Redlichkeit muss sein.

Im Übrigen schwankt auch der Boden der Physik: Derzeit legen astronomische Beobachtungen und Berechnungen in Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie – die als die am besten bestätigte Theorie überhaupt gilt – nahe, dass unser Verständnis der Schwerkraft sich grundlegend ändern könnte. Eben jene Schwerkraft, über die die Forscher am CERN der dunklen Materie auf die Spur kommen wollen.