24.04.2011

KiZ-Tipp: Göttinger Gänseliesel

Das meistgeküsste Mädchen

Es ist das wohl meist geküsste Mädchen der Welt: Das Gänseliesel, Wahrzeichen der Stadt Göttingen, zu küssen, ist ein fester Brauch unter den promovierten Hochschulabsolventen  – bei schönem Wetter zu seinen Füßen ein Eis zu genießen, ist empfehlenswert für jedermann.

Klein, aber weithin bekannt ist das Gänseliesel vor dem Göttinger Rathaus. Foto: Behnke
Klein, aber weithin bekannt ist das Gänseliesel vor dem Göttinger Rathaus. Foto:  Behnke

Göttingen (kpg). Den Kopf leicht gesenkt, lächelt es anmutig, fast schüchtern. In seinem Arm hält es drei Gänse – und immer wieder Blumen, die ihm die frisch gebackenen Doktoren der Universität mitbringen. Um ein Haar wäre es dazu jedoch nie gekommen: Ende des 19. Jahrhunderts schrieb der damalige Bürgermeister der Stadt einen Wettbewerb für einen neuen Brunnen aus. Den ersten Preis erhielt das Modell „Im Geist der Alten“ aus Frankfurt: ein Brunnen mit Figuren und Wappen im Stil der wilhelminischen Gotik. Das „Gänselmädel“ der Künstler Heinrich Stöckhardt und Paul Nisse aus Berlin dagegen schaffte es nur auf den zweiten Platz.

Die Göttinger Bevölkerung, die nach der Preisverleihung Gelegenheit bekam, ihr Urteil zu fällen, entschied  jedoch anders – und so wurde nach langer Debatte in der Bürgschaft im Juni 1901 das Gänseliesel vor dem Rathaus aufgestellt. Eine offizielle Einweihung gab es nie, nur eine Zeitungsnotiz wies auf den neu gestalteten  Brunnen hin:  „Um eine ‚neue Mitbürgerin‘ ist unsere Stadt reicher geworden. Seit gestern hat sich nämlich das Gänseliesl‘ auf dem neuen Marktbrunnen häuslich niedergelassen, wo es nun wohl Jahrhunderte hindurch als Wahrzeichen der Stadt Göttingen verbleiben wird“, heißt es im Göttinger Tageblatt vom 8. Juni 1901.

Schon kurze Zeit später entstand der Brauch, dass jeder neue Student dem Gänseliesel in Form eines Kusses seine Aufwartung machte. Ein Ärgernis für die Göttinger Ratsherren, die aufgrund des damit verbundenen Lärms 1926 ein offizielles Kussverbot erließen. Weil sich die Studenten nicht daran hielten, kam es 1926 sogar zu einem „Kuss-Prozess“: ein junger Student war auf frischer Tat ertappt worden und  musste eine Geldstrafe zahlen.  Offiziell wurde das Verbot erst zum 100-jährigen Jubiläum der Bronzestatue aufgehoben.

Seit 1990 müssen sich die Doktoranden jedoch damit begnügen, einer Kopie des Gänseliesels ihre Aufwartung zu machen: die Originalfigur steht nämlich seitdem im Städtischen Museum – und wartet dort wohl vergeblich darauf, noch einmal geküsst zu werden ... 

Info: Das Gänseliesel steht im Zentrum der Fußgängerzone vor dem Alten Rathaus der Stadt auf dem Marktplatz.