30.08.2016

Wie internationale Partnerschaften Schüler und Schulen verändern können

Das prägt fürs Leben

Viele Schulen unterstützen mit Partnerschaften und Projekten Kinder in ärmeren Ländern der Welt. Dieser Einsatz ist aber mehr als nur eine finanzielle Unterstützung: Er schafft Verständnis und Verbindungen zwischen den Kulturen. 

Ein Selfie als Erinnerung an die gemeinsame Zeit. Foto: privat

Viel brauchen die Kinder in Indien nicht zum Leben. 15 Euro im Monat reichen – darin enthalten sind sogar Schulshirt, Unterrichtsmaterial und Essen. Alles, was sie besitzen, passt in eine kleine Kiste. „Das ist kaum mehr, als das Handgepäck, das man mit ins Flugzeug nehmen darf“, erklärt Eva Tiecke. Die Lehrerin leitet die Indien-AG des Josephinums in Hildesheim. Seit über 20 Jahren unterstützt das Gymnasium Schulprojekte in Indien und organisiert alle paar Jahre eine Partnerschaftsreise. 

„Die Herzlichkeit bei unserer Begrüßung war überwältigend“, erinnert sich Michel Fehrman, der gerade sein Abitur gemacht hat. „Ich bin mit nach Indien gefahren, um Land und Leute kennenzulernen, den Menschen und ihrer Kultur zu begegnen und um zu verstehen, was hinter diesen Projekten steckt. Das kann man nur begreifen, wenn man vor Ort gewesen ist. Das muss man gesehen haben“, betont Fehrmann. Bislang waren für ihn die Indien-AG und das, was in der Hildesheimer Schule für die Kinder in Indien getan wurde, nur Theorie. 

Besuche vor Ort hinterlassen Spuren

„Plötzlich hat die Partnerschaft ein Gesicht oder besser: viele Gesichter, strahlende Gesichter von Mädchen und Jungen, die sonst vielleicht nie die Chance auf Bildung gehabt hätten.“ Genau das sei das Ziel der Besuche, bestätigt Eva Tiecke: „Es ist wichtig, sich persönlich zu begegnen, zu zeigen: Hier sind junge Menschen so wie ihr, die euch unterstützen, denen ihr nicht egal seid.“

Das Indien-Projekt ins Leben gerufen hat vor vielen Jahren ein ehemaliger Schüler des Josephinums, Johannes Mispagel. Er kam 1983 dienstlich nach Bombay, dem heutigen Mumbai. Täglich ging seine Fahrt zur Arbeit durch die Armenviertel der Stadt. „Dieser Armut und dem Elend stand ich machtlos gegenüber. Als Einzelner zu helfen, war unmöglich“, erinnert sich Mispagel. Ein Jahr später, während einer Rundreise mit seiner Familie durch Indien, erkrankte der älteste Sohn an einer Magen-Darm-Infektion. Da die mitgebrachten Medikamente nicht anschlugen, suchte Mispagel Hilfe in einer Krankenstation. Sie wurde von einer katholischen Ordensschwester geleitet. Als er sich mit einem Geldgeschenk bedanken wollte, sagte die Schwester zu ihm: „Wenn Sie helfen wollen, übernehmen Sie die Patenschaft für einen Jungen oder ein Mädchen, damit sie zur Schule gehen können.“

Aus einer ersten Patenschaft wurde die Aktion Indien. Einen wichtigen Partner fand der heute Mitsiebziger in seiner ehemaligen Schule. Seit über 20 Jahren unterstützt das Gymnasium Josephinum Schulprojekte in Kilachery und seit acht Jahren in Neerpair im Südosten des Landes. „Wir schreiben und übersetzen Briefe und berichten in unserer Schule immer wieder über die von uns in Indien unterstützten Projekte“, erzählt Thomas Burghardt von der Arbeit der Indien-AG. Eines der Projekte ist das Josephinum in Indien. „Das ist ein Wohnheim für rund 100 Jungen, die die benachbarte St. Joseph‘s Highschool besuchen. Sie stammen aus ärmsten Verhältnissen oder sind Vollwaisen, so dass sie sich eine Schulausbildung nicht leisten können“, weiß der 15-Jährige. 

Eine Chance auf eine bessere Zukunft

Und: „Es sind nicht nur die Schüler der AG, die ihre Altersgenossen in Indien unterstützen, sondern die ganze Schule steht hinter der Partnerschaft“, betont Schulleiter Benno Haunhorst. „Einmal im Schuljahr machen wir die Schule dicht. Dann sind alle Schüler von den fünften Klassen bis hin zur Oberstufe unterwegs und arbeiten einen Tag lang in Betrieben, Werkstätten oder bei Oma und Opa für Indien“, erzählt Florentine Unbehaun von der Indien-AG und Eva Tiecke versichert: „Der Lohn, den sie bekommen, ist zu hundert Prozent für die Partnerschaftsprojekte bestimmt.“ In den vergangenen Jahren waren das um die 20 000 Euro. Darüber hinaus gibt es Lehrer, Eltern oder ehemalige Josephiner, die mit einer Patenschaft Kinder oder auch Lehrer in Indien unterstützen – „oder einfach mal etwas spenden“.

Nur schwer zu verdauen war für die Teilnehmer der Indienfahrt ein Besuch in den Slums. Father Suresh in Chennai, auf dessen Gemeindegebiet das indische Josephinum liegt, hatte den Besuch in einem der Armenviertel organisiert. „Wir sind nicht als große Gruppe gegangen, sondern haben immer nur zu zweit oder zu dritt eine Familie besucht. Wer bislang gedacht hat, er weiß, was Armut ist, musste hier erst einmal schlucken. In den Slums konnte man die Armut nicht nur sehen, sondern schon von weitem riechen“,  erinnert sich Thomas Burghardt. „Auch wenn diese Erfahrung sehr drastisch war, ist sie für mich die treibende Kraft, weiter mitzuarbeiten und unsere indischen Mitschüler zu unterstützen, damit sie für sich und für ihre Familien die Chance auf eine bessere Zukunft haben.“

Damit die Hilfe für Indien auch im ganz normalen deutschen Schulalltag präsent ist, gibt es im Gymnasium Josephinum einen „Eine-Welt-Laden“. Hier kann man sich über die Indienpartnerschaft informieren und fair gehandelte Produkte kaufen. „Ich hole mir hier meist was zum Naschen oder Chips. Die schmecken gut und ich unterstütze damit die einheimischen Produzenten, die Kleinbauern und mit dem Gewinn unsere Partnerschaftsprojekte in Indien“, sagt Ronja.  

Sich für andere einsetzen – auch im Eine-Welt-Laden

„Auch Tee geht ganz gut, Gewürze oder kleine Last-Minute-Geschenke“, verrät Jonas. Er gehört noch nicht zur Indien-AG, sondern macht als Achtklässler im Team des Eine-Welt-Ladens mit. „Für einige könnte dies das Sprungbrett in die Indien-AG sein. Wichtig ist für mich, dass sich die Mädchen und Jungen in beiden Teams sozial engagieren und für andere einsetzen. Ich bin mir sicher: Das prägt sie für ihr ganzes Leben“, sagt Eva Tiecke.    

Edmund Deppe