28.01.2016

Südafrika

Debatte um Rassismus

Als Südafrikas Staatspräsident Frederik Willem De Klerk 1990 das Ende der Apartheid verkündet, feierten Millionen Südafrikaner. Mittlerweile ist die Euphorie Ernüchterung gewichen - und Südafrika hat eine neue Debatte um Rassismus im Alltag.

Badespaß nur für Weiße: Der Strand von Durban zur Zeit der Rassentrennung in Südafrika. Foto: kna-bild

Eigenen Worten nach wollte Südafrikas Staatspräsident Frederik Willem De Klerk eine "temporäre Übergangsphase" einläuten. Doch Millionen Südafrikaner feierten seine Rede als Beginn vom Ende der Apartheid. Am 1. Februar 1991 eröffnete De Klerk das Parlament und verkündete, die "Grundsteine der Apartheid" beseitigen zu wollen. In den folgenden Monaten fielen die drakonischen Gesetze, die Südafrikas Gesellschaft nach Hautfarbe unterteilten, schwarze Südafrikaner in die "Homelands" verbannten, sie ihres Landes beraubten, und Strände und Busse für Weiße reservierten. 

"Über vier Jahrzehnte wurde die Apartheid so komplex hochgezogen, dass die Reform für viele Südafrikaner nichts ändern wird", prophezeite damals die "New York Times". Und sie sollte Recht behalten. Nach wie vor zählt die Einkommensverteilung in Südafrika zu den weltweit ungerechtesten. Das macht Versöhnung schwierig. Zuletzt bröckelt die Regenbogennation auch, weil sie von ihrer rassistischen Vergangenheit heimgesucht wurde. 

"Niedliche, aber unartige Affen" - mit diesem Vergleich erhitzte die weiße Südafrikanerin Penny Sparrow zu Jahresbeginn die Gemüter, als sie sich über die Verschmutzung der Strände durch schwarze Südafrikaner beschwerte. Ein Fehler. Binnen Stunden entlud sich über der Maklerin der Zorn einer ganzen Nation. In Sozialen Medien hagelte es Todesdrohungen; Radiomoderatoren und Prominente wetterten gegen sie. Ihr früherer Arbeitgeber und mehrere Parteien verklagten Sparrow; die Südafrikanische Menschenrechtskommission ermittelt. 
 

Vorfälle lösten Rassendebatte aus

Und bei diesem Einzelfall sollte es nicht bleiben. DJ Gareth Cliff verteidigte Sparrow und wurde als Juror von "Idols", der südafrikanischen Version von DSDS, entlassen. Nur Tage danach forderte der schwarze Beamte Velaphi Khumalo auf Facebook, weißen Südafrikanern anzutun, "was Hitler mit den Juden machte". Vor dem Bezirksgericht von Parys bei Johannesburg mussten sich drei weiße Farmer für den Mord an zwei schwarzen Arbeitern verantworten; vor dem Gebäude drohten Demonstranten, Weiße zu verjagen. 

Am Kap lösten die gehäuften Vorfälle einmal mehr eine Rassendebatte aus. Der regierende African National Congress (ANC) warnte vor einer "Explosion von Rassismus". Noch dieses Jahr will die Partei ein Gesetz nach deutschem Vorbild erlassen, das Rassismus und Aufhetzung unter Strafe stellt. Bislang wurden rassistische Angriffe als "Raub der Würde" geahndet - mit relativ milden Sanktionen. Demnächst könnte Rassisten laut Hugh Corder, Rechtsexperte an der Uni Kapstadt, eine Haftstrafe erwarten. 
 

"Keinen Rassismus erlauben"

Frederik Willem De Klerk und Nelson Mandela - zwei
prägende Politiker Südafrikas. Foto: kna-bild

"Wir haben große Fortschritte bei der Nationenbildung gemacht. Wir dürfen keinen Rassismus in unserer Gesellschaft erlauben, ob von Einzelnen oder Gruppen", erklärte die Regierungspartei. Kritiker werfen dem ANC allerdings ein einseitiges Verständnis von Rassismus vor. "Er fokussiert sich auf Schwarz gegen Weiß; dabei findet Rassismus täglich zwischen allen Volksgruppen statt", meint Francois Redelinghuys, Sprecher der konservativen Gewerkschaft Solidarity. Auch der Verfassungsexperte Lawson Naidoo zweifelt, dass ein eigenes Rassismusgesetz die Lösung für Südafrikas Dilemma liefern könnte. Tatsächlich könne es Gerechtigkeit verzögern und unerschwinglich machen.

Auch rund 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid ringt Südafrika immer noch mit seiner grauenvollen Vergangenheit. Der Großteil der Südafrikaner glaubt dennoch an die "Regenbogennation", wie eine Umfrage jüngst zeigte. 66 Prozent sind laut dem Meinungsforschungsinstitut Ipsos optimistisch für ihre Zukunft, "ungeachtet der jüngsten Geschehnisse". 

Zudem gibt es Zeichen der Hoffnung. Davon konnten sich die Zuhörer der Radiostation Jacaranda FM dieser Tage überzeugen, die Moeletsi Mbeki, den Bruder von Ex-Präsident Thabo Mbeki, über Rassismus interviewte. Überraschend rief der frühere Apartheid-Polizeiminister, Adriaan Vlok, im Studio an - um sich für jene Ungerechtigkeiten zu entschuldigen, die sein Regime gebracht hat. "Ich habe Mbekis Familie in der Vergangenheit Leid zugefügt. Deshalb möchte ich ihn besuchen, ihm in die Augen schauen und mit ihm sprechen." Nur auf diese Weise ließen sich ethnische Konflikte verhindern.

kna