29.09.2011

KiZ-Tipp: Torfkahnfahrt im Teufelsmoor

Den Ersten sien Dood…

Worpswede – da kriegen Kunstfreunde leuchtende Augen. Jedes alte Heuerhaus ist hier ein Atelier. Skulpturen stehen im Vorgarten, Schilder werben für Malkurse. Und diese malerische Leiter vor dem alten Bauernhaus: Hat die jemand etwa nur deswegen aufgestellt, damit Fotografen ein idyllisches Motiv finden?

Nicht immer war es im Teufelsmoor so idyllisch. Foto: Beelte
Nicht immer war es im Teufelsmoor so idyllisch. Foto: Beelte

Worpswede (abe). Ich gehe an den Galerien vorbei. Ich will tiefer in die Vergangenheit eintauchen, in die Zeit, als das Leben im Moor nicht idyllisch, sondern lebensgefährlich war. Seit 1755 brachen Siedler auf, um das Teufelsmoor, das seinen Namen im Volksmund sicher nicht zufällig bekommen hat, bewohnbar zu machen. Im Plattdeutschen gibt es das Sprichwort bis heute: „Den Ersten sien Dood, den Tweten sien Nood, den Dritten sien Brod.“ Will heißen: Die erste Generation von Moorkolonisten bezahlte das Abenteuer mit dem Leben, die zweite fristete ein karges Dasein. Erst die dritte Generation konnte vom Torfabbau recht und schlecht leben.

Endlos zieht sich die Landstraße bis zum Horizont. Schon Rainer Maria Rilke schwärmte  vom „Himmel von unbeschreiblicher Veränderlichkeit und Größe“. Wer bin ich, dass ich versuchen wollte, es treffender zu sagen? Die Straße endet am Ufer der Hamme, wo schon einige Ausflügler warten. Der Skipper hilft jedem an Bord des Kahns, der friedlich im nahezu strömungslosen Wasser dümpelt. Der Torfkahn war früher DAS Fortbewegungsmittel im Moor.  Jeder Bauernhof hatte seinen eigenen Verbindungskanal. Auf Holzschuhen, die mit gut gefettetem Leder zu Stiefeln verlängert wurden, standen die Bauern im seichten Wasser. Sie mussten selbst die Kanäle graben und dafür Sorge tragen, dass sie schiffbar blieben.

Heute sorgt ein Motor dafür, dass der Kahn sanft auf der Hamme dahingleitet. Einen kurzen Moment lang macht sich der Skipper den Spaß: Er hisst das Segel und schaltet den Motor aus. Die Bewegung des Kahns ist kaum noch zu spüren. Den Moorbauern ging es natürlich nicht anders. Wenn der Wind sie nicht trieb, mussten sie staken oder treideln: Der Bauer schob vom Kahn aus, die Bäuerin zog ihn am Ufer mit einem Seil vorwärts. Eine Fahrt ins dreißig Kilometer entfernte Bremen dauerte auf diese Weise mehrere Tage. Der Motor springt wieder an, die Gegenwart hat uns zurück.

 

Info: Torfkahnfahrten finden noch bis zum 14. Oktober jeweils Di, Do, Sa, So und feiertags statt. Anmeldung bei der Gästeinformation in Worpswede, Telefon: 0 47 92/93 58 20, E-Mail: info@worpswede.de