15.06.2015

Pfarrgemeinden regeln den Zugang zu ihren Gotteshäusern ganz unterschiedlich / Sicherheitsaspekte spielen dabei oft eine Rolle

Denn zum Beten sind sie da

Oft stehen gläubige Menschen und Interessierte vor den verschlossenen Türen von Kirchen. Gemeinden trauen sich nicht, ihre Gotteshäuser zu öffnen – aus Angst vor Schäden. Doch ist das Risiko wirklich so groß? 

Ein Ort für Ruhe, Besinnung und Gebet können Kirchen nur sein, wenn sie auch außerhalb von Gottesdiensten offen stehen. Foto: kna-bild

Goslar. Innenstadt. Fußgängerzone. Geschäfte. Cafés. Viel Gewusel. Einheimische beim Bummeln und Touristen beim Umsehen. Mittendrin die Kirche St. Jakobi. Alt. Ehrwürdig. Ursprünglich errichtet zwischen 1065 und 1073 als dreischiffige, romanische Basilika, mehrfach an- und umgebaut. Zwischendurch lutherisch, seit 1803 wieder katholisch. Ein Gotteshaus mit Geschichte und wertvoll ausgestattet – zum Beispiel mit einer Pieta, einer Marienklage aus dem Jahr 1510.

Aber die Kirche ist verlässlich geöffnet. Jeden Tag von 10 bis 16 Uhr. „Und das seit Ewigkeiten“, sagt Ursula Sievers. Die Pfarr­sekretärin von St. Jakobi ist selbst schon als Kind beim Bummel durch Goslar immer wieder in die Kirche gegangen.

Trotz Alter, trotz Ausstattung: „Aufpasser“ kennt St. Jakobi nicht. „Wir schauen schon mal zwischendurch nach dem Rechten“, berichtet Sievers. Aber ständig da sind eigentlich nur Besucher, Beter ebenso wie Touristen. Sie können sich frei bewegen. Nur der Altarraum ist mit einer Kordel abgegrenzt – was aber manche Fotografen nicht abhält, eine besondere Perspektive zu suchen. Ursula Sievers sieht das entspannt.
Überhaupt neigt die Gemeinde zu pragmatischen unaufgeregten Lösungen. Beispiel Diebstähle: „Ein Esel aus der Krippe und die Figur eines Evangelisten wurden gestohlen.“ Das Kunstwerk war immerhin über einen halben Meter hoch. Nichts, was mal eben schnell in einer Plastiktüte verschwinden kann. Beschluss des Kirchenvorstandes: Die Figuren werden fest verschraubt. Und die Kirche bleibt offen.
Die offene Kirche bereichert auch die Gottesdienstfeiern in St. Jakobi. Bei der Pieta können kleine Zettel abgegeben werden. „Mein Kummer“ steht als Überschrift auf einer Tafel.  Und viele Besucher vertrauen ihren Kummer der klagenden Maria an – und manchmal werden daraus Fürbitten für die heilige Messe.
 
„Aber manchmal müssen wir eingreifen“

Wenn eine Kirche mitten in der Stadt liegt, liegt sie auch mitten in deren Freuden und Problemen. Auf dem Platz vor St. Jakobi lernen Kinder Fahrradfahren. Aber auch Drogensüchtige haben dort einen Treffpunkt. „Wir wollen sie von dort nicht vertreiben“, betont Sievers. Eine Zeitlang hatte die Stadt in Zusammenarbeit mit der Kirche auch einen Container für sie aufgestellt – mit Kaffee oder zum Wärmen im Winter. „Aber manchmal müssen wir eingreifen“, berichtet die Pfarrsekretärin.  Urinieren an die Kirchenwand gehe ebenso wenig wie Hinterlassenschaften von Drogengebrauch. Aber auch hier: keine große Aufregung bei den Verantwortlichen.
Einmal habe sie auch in der Kirche ein Liebespaar „erwischt“. Nachfragen dazu möchte Sievers nicht beantworten. Aber auch nach dieser Erfahrung bleibt für die Gemeinde klar: Problem behoben, die Kirche bleibt auf. Verlässlich. Mitten in der Stadt. Mit allen Freuden und Herausforderungen.

Auch im katholisch geprägten Eichsfeld ist es üblich, dass die Kirchentüren außerhalb der Gottesdienste offen stehen. Gleichzeitig kümmern sich mancherorts Ehrenamtliche um die Besucher, wie etwa in St. Cyriakus in Duderstadt. „Den dritten Sommer sind wir da“, sagt Ruth Schäfer. Sie teilt die Dienste unter den bis zu 16 ehrenamtlichen Senioren ein. Zwischen Ostern und Allerheiligen gibt es dadurch täglich für etwa fünf Stunden Ansprechpartner in der Kirche.

„Wir bieten den Besuchern an, ein paar Sätze zur Kirche zu erzählen“, berichtet Schäfer. Die Gäste kommen aus ganz Deutschland, viele Besucher auch aus den Niederlanden – manchmal sogar aus Asien. „Ein Japaner wollte wissen, was für ein Schrank da steht und ich habe ihm den Beichtstuhl erklärt“, erinnert sich Schäfer. Seit Kurzem gibt es in St.  Cyriakus auch eine Videokamera, die den abgesperrten Altarraum überwacht – und als Livestream sogar auf der Internetseite der Gemeinde wiedergibt. „Dieser Service ist aber vor allem für unsere älteren und kranken Gemeindemitglieder gedacht, die die Messe verfolgen möchten“, sagt Propst Bernd Galluschke.

Kirche vor Ort soll Menschen offen stehen

Eine Videoüberwachung ihrer Kirchen haben die Verantwortlichen der Gemeinde Heilig Geist in Braunschweig gar nicht erst diskutiert. In den Kirchorten Vechelde und Wendeburg sollen die Gotteshäuser St. Gereon und St. Eli­sabeth demnächst länger geöffnet sein – Senioren werden zu festen Kernzeiten die Kirchen betreuen. Die Idee, die beiden Kirchen länger offen zu halten, kam durch die weltweite Gebetsaktion „24 Stunden für den Herrn“, zu der Papst Franziskus in der Fastenzeit eingeladen hatte. „Wir haben an allen drei Kirchorten die Kirchen länger aufgelassen – mit großem Erfolg“, betont die Pfarrgemeinderatsvorsitzende Andrea Marschall-Langemann. „Zugegeben, es waren nicht 24 Stunden“, sagt sie. Eine Öffnung rund um die Uhr soll es auch künftig nicht geben, doch das Ziel ist klar: „Wir wollen Kirche vor Ort lebendig und offen halten“.

Doch es gibt auch Pfarreien, die ihre Kirche wieder schließen – „schweren Herzens“, wie Gilbert Hauptstock herausstellt. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Kirchenvorstands von St. Marien in Bremen-Blumenthal – ein Arbeiterstadtteil im Norden der Hansestadt. Das Gotteshaus, ein Backsteinbau, 1859 geweiht, liegt nahe des Ortskerns. Der immer wieder erweiterte Kirchenraum ist neugotisch schlicht, beeindruckt aber durch die Holzdecke des Mittelschiffs. Die Malereien stammen aus dem Jahr 1892 und zeigen die Anrufungen aus der Lauretanischen Litanei. Sie preisen Maria als Mutter der Kirche, als Schutzpatronin der Familien, als Mittlerin bei Gott. Ein Gebet in Bildern – und ein guter Grund für eine offene Kirche.

Aber zwischen Kirche und Gemeindezentrum liegt eine Straße. Durchaus vielbefahren, mit Busverkehr. „Wir hatten deshalb ein Signal installiert“, berichtet Hauptstock. Immer, wenn ein Besucher werktags durch die einzig geöffnete Tür trat, wurde das im Pfarrbüro angezeigt. „Wir haben an der Tür ausdrücklich darauf hingewiesen, dass dieses Signal ertönt“, erläutert Hauptstock weiter. Keine Videoüberwachung, keine Gemeindemitglieder, die regelmäßig den Kirchenraum in Augenschein nehmen – nur dieses Signal „als eine Art Rückversicherung“.

Ein Brandschaden führt zur Schließung

Das ging lange gut – so lange, wie das Pfarrbüro regelmäßig besetzt war. „Aber was nützt ein Signal, wenn niemand mehr im Büro ist“, sagt Hauptstock. Weniger Stunden für die Sekretärin, mehrere Kirchorte für das Wirken von Pfarrer und Gemeindereferentin. Auch Diebstähle zerrten an den Nerven der Mitglieder von Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand: „Uns ist sogar bei einem Einbruch der Tresor geklaut worden – samt Kelch und Hostienschale aus der Gründerzeit unserer Gemeinde“, berichtet Hauptstock. Allerdings über Nacht.

Die Kirche blieb auf. Doch als mit den Opferlichtern Gotteslobe angezündet wurden und der Küster gerade noch Schlimmeres verhindern konnte, zog die Gemeinde die Reißleine. Die Kirche bleibt zu: „So leid uns das auch tut“, wie Hauptstock versichert. Doch so ganz verabschieden will sich der Kirchenvorsteher nicht von der Idee einer offenen St.-Marien-Kirche. Denn zum Beten sei ein Gotteshaus schließlich da.
 

Rüdiger Wala, Sabine Moser und Johannes Broermann