17.06.2014

1200 Jahre Bistum Hildesheim - das 19. Jahrhundert

Der Auftrag: „Rette deine Seele“

Dritter Teil zur Geschichte und Entwicklung: Im 19. Jahrhundert wächst das Bistum in der Fläche und der Katholikenzahl.  Ein Grundlagenvertrag zwischen Kirche und Staat 1824 erweiterte das Bistum Hildesheim auf den ganzen östlich der Weser liegenden Teil des neuen Köngreichs Hannover.

1852 gründeten die Barmherzigen Schwestern des hl. Vinzenz von Paul in einer Karthause an der Treibe südlich des Domhügels die „Krankenanstalt zum hl. Bernward“. Die Vinzentinerinnen wurden gemeinsam mit anderen Orden zu einem Motor kirchlichen Lebens im Bistum.
Quelle: Bistumsarchiv

Nach einem Vierteljahrhundert revolutionärer und kriegerischer Auseinandersetzungen erreichte der „Wiener Kongress“ 1814/15 eine grundlegende politische Neuordnung Europas, zu der unter anderem die Errichtung eines Königreichs Hannover gehörte. Dies entsprach in seinen territorialen Grenzen in etwa dem heutigen Niedersachsen, lediglich die Herzogtümer Oldenburg und Braunschweig und das Fürstentum Schaumburg-Lippe blieben selbstständig.

Zur „Beruhigung der Gewissen und Zufriedenheit der katholischen Untertanen“ nahm die hannoversche Regierung umgehend Gespräche mit dem Hl. Stuhl über die Neuorganisation des katholischen Kirchenwesens auf. Die gelangten 1824 mit der päpstlichen Zirkumskriptionsbulle „Impensa Romanorum Pontificum“ zum Abschluss: In diesem „Grundlagenvertrag“ zwischen Kirche und Staat wurde das Bistum Hildesheim auf den gesamten östlich der Weser gelegenen Teil des Königreichs Hannover erweitert.

Am 1. Juli 1828 konstituierte sich das neue Hildesheimer Domkapitel und am 26. März 1829 – fünf Jahre nach der Neuordnung des Bistums durch die päpstliche Bulle – wählte es den ersten Bischof des neuen Bistums Hildesheim, den vormaligen Domdechanten Joseph Godehard Osthaus (1829–1834). Ihm und seinen Nachfolgern Franz Ferdinand Fritz (1836–1840) und Jakob Joseph Wandt (1842–1849) gelang eine „Grundstabilisierung“ in der „neuen Zeit“. Dazu gehörten  unter anderem die Errichtung eines eigenständigen Priesterseminars, die Neustrukturierung des Bistums in Dekanaten sowie die Einführung regelmäßiger Pastoralkonferenzen.

Bischof Eduard Jakob Wedekin gilt als Erneuerer des Bistums.

Bischof Wedekin erschließt die Diaspora

Durch eine ergänzende Vereinbarung des Hl. Stuhls mit dem Herzogtum Braunschweig gehörte dieses Gebiet ab 1834 ebenfalls zum Bistum Hildesheim.  Kirchen und Gemeinden gab es in Stadt und Stift Hildesheim, im vom Erzbistum Mainz an Hildesheim gelangten Untereichsfeld, in den bisher zum Apostolischen Vikariat des Nordens gehörigen Städten Hannover, Göttingen und Celle sowie in den braunschweigischen Städten Braunschweig, Wolfenbüttel und Helmstedt.

Bischof Eduard Jakob Wedekin (1850–1870) knüpfte an die Arbeit seiner Vorgänger an. In den katholischen Kerngebieten erbaute er diverse neue Kirchen, gründete im Interesse der Seelsorge, Krankenpflege und des Schulwesens erste klösterliche Niederlassungen und begann vor allem mit der kontinuierlichen Erschließung der Diaspora. Darum bezeichnete ihn Adolf Bertram in seiner Bistumsgeschichte vollkommen zu Recht als den eigentlichen Erneuerer des Bistums Hildesheim nach der Säkularisation.

Vor dem Hintergrund der rasant zunehmenden Industrialisierung stieg die Zahl der Katholiken im Bistum zwischen 1850 und 1870 um fast 30 Prozent auf knapp 84 000 an. Deswegen enstanden zahlreiche neue Gemeinden – beispielsweise in Hameln, Nienburg, Lüneburg, Hannoversch Münden, Verden, Harburg, Neustadt am Rübenberge und Holzminden. Seitens des Bischöflichen Generalvikariats erfuhren die Gemeinden dabei nur sehr geringe materielle Unterstützung. Eine zentrale Kirchensteuererhebung gab es noch nicht – man musste sich selbst kümmern. Deswegen waren die Pfarrer in den Diasporagemeinden sehr intensiv mit „Bettelbriefen“ befasst.

Erhebliche Bedeutung für die positive Entwicklung des Bistums ab Mitte des 19. Jahrhunderts besaß die durch Bischof Wedekin mit großem Nachdruck geförderte Neuansiedlung von Orden und Kongregationen: Franziskaner kamen nach Ottbergen, Augustiner nach Germershausen, Schulschwestern vom Dritten Orden des hl. Franziskus ins Untereichsfeld und Ursulinen aus Duderstadt nach Hildesheim und Hannover. Sie alle brachten sich mit großer Energie in ihre jeweiligen Aufgabengebiete ein und wurden in vielfacher Weise zu „Motoren“ des kirchlichen Lebens.

Das Bistum Hildesheim um 1905.

Im Blick auf die ständig größer werdenden Aufgaben im sozial-caritativen Bereich gewannen die Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul für das Bistum besondere Bedeutung, die 1852 mit drei Schwestern nach Hildesheim kamen und die Krankenanstalt zum hl. Bernward errichteten. Bis 1871 wuchs die Kongregation unter Leitung ihrer umsichtigen Generaloberin M. Theodora Franzen von 13 auf 66 Schwestern mit Niederlassungen zur Krankenpflege beziehungsweise Kinderbetreuung in Hildesheim, Harsum, Wiedelah, Hannover, Göttingen, Duderstadt, Celle und Gronau.

Schon bald nach Gründung des Deutschen Reichs 1871 begann der Kulturkampf, der rasch zum offenen Kirchenkampf wurde. So wurde beispielsweise Ende 1873 das Hildesheimer Priesterseminar geschlossen. Nach und nach mussten auch alle Ordensgemeinschaften das Bistum Hildesheim verlassen – mit Ausnahme der Vinzentinerinnen.

Insgesamt verwaiste im Kulturkampf etwa ein Drittel aller Hildesheimer Gemeinden. In den meisten Fällen konnte die regelmäßige sonntägliche Messfeier durch Nachbargeistliche aufrechterhalten werden. Als ab 1883/84 die Besetzung freier Seelsorgestellen wieder möglich wurde, normalisierten sich die pastoralen und kirchlichen Rahmenbedingungen vergleichsweise rasch.

Prozessionen als öffentliches Bekenntnis

Im Mittelpunkt des religiösen Alltagslebens stand im ausgehenden 19. Jahrhundert – weiterhin – die sonntägliche Eucharistiefeier: Im Stift Hildesheim und im Untereichsfeld gingen rund 90 Prozent der Gemeindemitglieder regelmäßig zum Gottesdienst, in den übrigen Regionen des Bistums immerhin noch 60 bis 80 Prozent. Unter den großen Kirchenfesten kam dem Fronleichnamsfest aufgrund seines Charakters als „demonstratio catholica“ besondere Bedeutung zu: Im Kulturkampf auf den Innenraum der Kirchen begrenzt, wurden die Prozessionen um die Jahrhundertwende wieder zu einem „öffentlichen Bekenntnis des Glaubens“, das unter anderem in Hildesheim und Hannover noch durch größere Gemeindefeste abgerundet wurde. Wichtige Impulse gingen auch von den immer häufigeren und systematisch vorbereiteten Volksmissionen aus, die unter dem Motto „Rette deine Seele“ die Gläubigen wachrütteln wollten.

Ein besonderes Aufgabenfeld erwuchs der Hildesheimer Bistumsleitung durch die um die Jahrhundertwende bis zu 20 000 dauerhaft oder saisonal in Industrie und Landwirtschaft tätigen Katholiken polnischer Muttersprache. Im Rahmen der sogenannten Polenseelsorge – für Bischof Sommerwerck (1871–1905) ein „Liebesdienst gegenüber den polnischen Diözesanen fremder Diözesen“ und „Mittel zum Schutz von Religion und Sittlichkeit“ – durchreisten ab 1894 jedes Jahr von April bis September Geistliche aus Krakau oder Galizien nach einem vorher festgelegten Pastorationsplan das gesamte Bistum: in Hannover, Linden, Wilhelmsburg, Braunschweig, Blumenthal, Lüneburg, Schöningen, Wolfenbüttel und vielen anderen Orten feierten sie mit ihren Landsleuten Gottesdienst oder boten auch kleinere Missionswochen an – mit meist beachtlicher Resonanz.

Zu einem wichtigen Faktor und Multiplikator kirchlicher Existenz entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch im Bistum Hildesheim das katholische Vereinswesen. In diesen freien Zusammenschlüssen von Laien in mehr oder weniger enger Anbindung an die Amtskirche und mit ganz unterschiedlichen Zielsetzungen wurde kirchliches Leben ganz wesentlich gelebt: Gesellen-, Arbeiter- und Marienvereine, der Volksverein, die Vinzenz- und Elisabethvereine und nicht zuletzt der Bonifatiusverein, dem eine besondere Bedeutung zukam. Ohne die im Bonifatiusverein gebündelte Unterstützung aus anderen Bistümern wäre das Diasporabistum Hildesheim nicht überlebensfähig gewesen.

Die päpstliche Bulle 1824 regelt die Grenzen des Bistums.

1880 zählte das Bistum Hildesheim 91 878, zehn Jahre später rund 120 000, um die Jahrhundertwende schon 161 800 und 1910 sogar 208 495 Katholiken: eine Entwicklung, aufgrund derer das bestehende Gemeindesystem erhebliche Veränderungen und Ergänzungen erfuhr.  Überall entstanden neue Kirchen, neue Schulen und neue sozial-caritative Einrichtungen.

Für die katholischen Kerngebiete des Bistums Hildesheim, also das alte Hochstift und das Untereichsfeld, begann nach dem Kulturkampf eine Zeit „progressiver Konsolidierung“, indem die bestehenden kirchlichen Einrichtungen ausgebaut und die kirchlichen „Service-Angebote“ erheblich verbessert wurden.

Mit dem kontinuierlichen Wachstum der Provinzhauptstadt Hannover und ihrer Vororte stieg dort die Zahl der Katholiken von knapp 7000 im Jahr 1867 auf über 40 000 im Jahr 1910 an. Bis zum Ersten Weltkrieg entstanden sechs neue Kirchen – eine davon war St. Marien. Maßgeblich beteiligt daran war Dr. Ludwig Windthorst. Der Führer der Zentrumspartei genoss  im katholischen Deutschland überaus großes Ansehen. Ohne ihn wäre diese in unmittelbarer Nähe zu den Continental-Werken und anderen Industrieunternehmen im prosperierenden Norden Hannovers gelegene Kirche wohl kaum so rasch, so groß und so schön gebaut worden.

Strikte Gesetze für Katholiken in Braunschweig

Im Zusammenhang vor allem mit den wirtschaftlichen Veränderungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg die Zahl der Katholiken auch im Herzogtum Braunschweig deutlich von 7000 auf 26 504 an, wobei ihr prozentualer Anteil an der Gesamtbevölkerung mit 3 bis 5 Prozent dennoch äußerst gering blieb. Ihre individuellen Rechte und Pflichten sowie die Rahmenbedingungen katholisch-kirchlicher Existenz überhaupt definierte das sogenannte Katholikengesetz von 1867, das äußerst rigide Bestimmungen hinsichtlich der in dieser extremen Diasporasituation ungemein zahlreichen konfessionsverschiedenen Ehen und Familien, der Einrichtung und des Unterhalts katholischer Schulen, der Vornahme kirchlicher Amtshandlungen durch auswärtige Priester, der dauerhaften Anstellung von Geistlichen und der Errichtung neuer Gottesdienststationen enthielt.

Uelzen dagegen erhielt 1899 einen eigenen Seelsorger – für die 400 ortsansässigen Katholiken sowie weitere rund 300 in der Landwirtschaft tätige Saisonarbeiter. Dem Seelsorger gelang 1902 der Ankauf eines Grundstücks für den Bau einer neuen Kirche, an deren Realisierung sich neben dem Bonifatiusverein auch die Stadt Uelzen und einige Landwirte der Region beteiligten: So mancher Saisonarbeiter hatte sein Wiederkommen nämlich von der Existenz einer katholischen Kirche abhängig gemacht ...

Thomas Scharf-Wrede