28.12.2012

Kunstschnitzer

Der Mannl-Macher aus Mähren

Auf seine geschickten Finger schauen lässt sich der tschechische Künstler Josef Komarek. Der letzte Schnitzmeister der Grulicher Mannl, wie die kleinen mährischen Krippenfiguren genannt werden, präsentierte sein Können aus Anlass der Ausstellung „Du bist das Licht, die Völker zu erleuchten“.

Schon als Kind interessierte sich der heute 60-jährige Josef Komarek leidenschaftlich für Schnitzkunst, inzwischen ist er der letzte und einzige Schnitzmeister Grulicher Krippen. Foto: Heike Sieg-Hövelmann
Schon als Kind interessierte sich der
heute 60-jährige Josef Komarek
leidenschaftlich für Schnitzkunst,
inzwischen ist er der letzte und einzige
Schnitzmeister Grulicher Krippen.
Foto: Heike Sieg-Hövelmann

„Ich will aber noch bleiben. Bitte! Nur, bis der König fertig ist“, sagt Jan und schaut mit flehendem Augenaufschlag seine Großmutter an. Die kann dem Blick nicht widerstehen und gibt nach. „Doch dann müssen wir los, deine Eltern warten schon.“ Eigentlich wollte Ursula Johansmann mit ihrem Enkel „auf einen Sprung“ bei der Vorführung vorbeischauen. Doch nun ist der Junge nicht mehr vom Werktisch des Krippenschnitzers loszueisen. Und das, obwohl direkt vor der Tür der Duft von Bratäpfeln, Popkorn und das fröhliche Lachen der Kinder auf dem Osnabrücker Weihnachtsmarkt locken.

Aus einem Holzklotz entstehen die Figuren

Gespannt verfolgt der Achtjährige jeden Handgriff des Meisters und sieht ihn fasziniert an. Denn Josef Komarek besitzt mit seinem markanten Gesicht, den lebendigen Augen, dem graugelockten Haar und imposanten Bart eine starke Ausstrahlung. „Der hat die Figur erst auf ein Papier gemalt“, erklärt der Junge fachmännisch, „und schnitzt sie jetzt aus dem Holzklotz.“ Das ist zwar nicht ganz richtig, tut der Begeisterung aber keinen Abbruch. Denn eine Besonderheit der Grulicher Schnitzerei ist es, dass Körper und Kopf aus einem Stück gedämpften Fichtenholzes geschnitzt werden, während die Arme separat gefertigt und angeleimt werden. Erst dann erfolgt die typische leuch­tende Farbgebung mit mehrfachen Kreideschichten und den traditionellen Farbpigmenten.

Josef Komarek zwinkert seinem jungen treuen Fan zu und winkt Jan näher heran. Obwohl er kaum Deutsch spricht, funktioniert die Kommunikation auch ohne Worte. Der Junge darf die Werkzeuge des Schnitzers eingehend betrachten – den Geißfuß, das Hohleisen, den Schleifstein sowie diverse Messer mit unterschiedlichen Klingen. Und Komarek zeigt ihm den schaurig dreinblickenden Teufel, der neben dem Schornsteinfeger ein weiteres Spezifikum dieser Krippen ist.

„Diese Figuren finden sich sonst nirgendwo“, betont Professor Gerhard Lohmeier, Vorsitzender des Vereins der Krippenfreunde Osnabrück-Emsland. Er hat den Kontakt zu dem tschechischen Gast hergestellt und steht auch an beiden Tagen Interessierten Rede und Antwort. Die Erklärung ergebe sich aus dem Denken der Menschen der damaligen Zeit: Stehe doch der Schornsteinfeger durch seinen Beruf dem Himmel am nächsten, während der Teufel „quasi als sein Gegenspieler am anderen Ende“ zu finden sei. Lohmeier: „Der Charme der Grulicher Krippen liegt aber darin, dass nicht das heilige Land im Mittelpunkt der Darstellung steht, sondern das eigene Dorf als Ort der Geburt Jesu abgebildet ist mit den heimischen Bewohnern wie Metzger Bäcker, Müller, Korbflechter und Musikanten – oft in Trachten.“ Das gebe der Szenerie ein unverwechselbares Lokalkolorit.

Jesuiten bauten die erste Krippe auf

Die Ursprünge der Grulicher Krippen liegen im Umfeld des dortigen Muttergottesberges, der sich in der Barockzeit zu einem bedeutenden Wallfahrtsort entwickelte. In dieser Gegend bauten Jesuiten 1662 zur einfachen Vermittlung der christlichen Weihnachtsgeschichte eine erste Krippe auf. Diese wirkte für Generationen von Schnitzern anregend und lös­te den Grulicher Krippenboom aus. Durch die Wirren des Zweiten Weltkrieges jedoch mit Vertreibung und Flucht sowie durch das sozialistische  Nachkriegsregime, das Krippen nicht als Kunst ansah, wären die Grulicher Mannl  beinahe ausgestorben.

Jan ist natürlich nicht der einzige, den das einmalige Können des 60-Jährigen in Bann zieht. Viele Besucher, die nur auf eine Tasse Kaffee im Forum am Dom Station machen, bleiben stehen, schauen dem Schnitzer über die Schulter oder bestaunen die farbenfrohen Figuren und Krippen. Denn einige fertige Werke hat der Künstler mitgebracht – zur Anschauung und zum Verkauf. An der Kasse sitzt sein Sohn Ales, der den Vater in die Friedensstadt begleitet hat, sehr gut Englisch spricht und alle Anfragen übersetzt. „Schon als Kind fand mein Vater in einer Mülltonne seine erste Grulicher Krippe und seitdem ist er davon beseelt. Dass Krippen einfach weggeworfen wurden, zeigt, wie gering man sie schätzte.“

Josef Komarek war direkt voller Hochachtung und versuchte, die Figuren nachzuschnitzen. Bei seiner unermüdlichen Suche nach mehr Informationen kam er in Kontakt zu Josef Schwarzer, dem damals letzten noch lebenden Grulicher Krippenschnitzer. Als dieser 1985 verstarb, hinterließ er ihm alle Werkzeuge, Farbrezepte und Schnitzmuster. Josef Komarek sieht es als Verpflichtung an, die Krippenkunst seiner Heimat erneut auf den Weg zu bringen. Zum Glück – nicht nur für den kleinen Jan, sondern auch für alle Liebhaber der Grulicher Mannl.

Von Heike Sieg-Hövelmann

 

Ausstellung: Krippenkunst aus verschiedenen Epochen

Bis zum 3. Februar 2013 ist die Ausstellung „Du bist das Licht, die Völker zu erleuchten“ zu sehen. Im Osnabrücker Diözesanmuseum dokumentieren rund 50 Krippen herausragende Beispiele der Krippenkunst. Das Spektrum reicht von frühesten Darstellungen aus dem 17. und 18. Jahrhundert sowie der ältesten noch erhaltenen Krippe aus dem Osnabrücker Land über ausgewählte Werke aus dem In- und Ausland bis hin zur persönlichen Krippe des Bischofs von Osnabrück, Franz-Josef Bode. Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt fünf Euro (ermäßigt: 3,50 Euro). Für Kinder und Jugendliche ist der Besuch kostenlos.