15.08.2013

Tintenfassmadonna

Die heilige Patientin

Sie gehörte zum Pflichtprogramm der Dombesucher: Täglich verharrten Menschen vor der Tintenfassmadonna in Andacht und Gebet. Die Jahrhunderte sind nicht spurlos an ihr vorübergegangen: Derzeit wird sie in einer Werkstatt der Klosterkammer in Hannover aufwendig restauriert.

Millimeter um Millimeter befreit Restauratorin
Roksana Jachim die Tintenfassmadonna von
alten Farbschichten. Fotos: Stefan Branahl

Der Vergleich wirkt abgedroschen, aber – wenn nicht in diesem Fall – wann trifft er sonst zu? Wie eine Patientin liegt sie in einer Art Operationsraum, wird von Restauratorin Roksana Jachim behandelt. Diese trägt Schutzhandschuhe und einen weißen Kittel. Wenn sie das Skalpell ansetzt, um millimeterweise alte Farbschichten abzutragen, schaut sie durch ein Mikroskop. Die Muttergottes als Privatpatientin.

Geschnitzt aus heimischer Eiche

Immerhin werden auch in diesem Fall keine Kosten gescheut, um die 600 Jahre alte, aus einem einzigen Stück  Eichenholz geschnitzte Figur wieder in einen Zustand zu versetzen, der nach Überzeugung von Experten für einen wichtigen sakralen Kunstschatz des Domes angemessen ist.  Einen beträchtlichen Teil der auf rund 100 000 Euro veranschlagten Restaurierung übernimmt die Münchener Ernst-von-Siemens-Kunststiftung.

Ein echter Meister hat die Tintenfassmadonna geschnitzt – in Lebensgröße aus einem Stamm, der nach wissenschaftlicher Untersuchung aus dem Harzvorland stammt. Das ist mehr oder weniger der einzige lokale Bezug; denn  der Künstler ließ sich von französischen Vorbildern inspirieren. Das Kind mit dem Tintenfass in der Hand lässt unterschiedliche theologische Interpretationen zu.   Hat es sich göttliche Notizen gemacht? Dann wäre einer der früheren Standorte – der Saal, in dem das Domkapitel wichtige Entscheidungen traf – gut gewählt gewesen…

 

Restauratorin Roksana Jachim schaut durch ein
Mikroskop, wenn sie das Skalpell ansetzt, um
millimeterweise alte Farbschichten abzutragen.

Zum Teil unsachgemäß aufgetragene Neuanstriche – fünf sind es insgesamt – haben der Madonna ziemlich zugesetzt, vor allem aber auch ihr Platz im Dom, wo Kerzenruß und Zugluft Spuren hinterließen. All das ist in den vergangenen Monaten von Roksana Jachim in zeitintensiver Feinarbeit beseitigt worden. Am Ende ist sie noch nicht, denn immerhin muss sie sechs Quadratmeter Fläche von den alten Farben freilegen. Mehr als ein paar Zentimeter schafft sie kaum am Tag.

Am Ende soll die Tintenfassmadonna in der Barockfassung des 18. Jahrhunderts in neuem Glanz erstrahlen. Ihren geschützten Platz findet sie nach Abschluss der Domsanierung in der Nähe des Altars. Dort wird sie die Besucher wieder zum stillen Gebet einladen – als Andachtsbild, nicht als museale Antiquität.

Stefan Branahl