08.02.2013

Kommentar

Die Moral ist konkret

Von Roland Juchem

Als vorletzte Woche Kardinal Joachim Meisner im Streit über die Vorkommnisse an zwei Kölner Kliniken seine Erklärung über die „Pille danach“ abgab, war das Erstaunen groß: der konservative Kirchenmann plötzlich so aufgeklärt und verständnisvoll? Dabei ist das, was er getan und gesagt hat, gute katholische Tradition – sollte es zumindest sein: sich informieren über neue Erkenntnisse, sie deuten im Licht des Evangeliums, seine Meinung präzisieren und den Einzelfall betrachten.

Denn da wird es schwierig, wie bereits der große Theologe Thomas von Aquin (1225–1274) schrieb: „Je mehr man zu den einzelnen Situationen kommt, desto mehr ist Unbestimmtheit zu erwarten.“ Und 2009 formuliert die Internationale Theologische Kommission des Vatikans: „Je mehr die Ethik sich mit konkreten Situationen befasst, umso mehr muss sie sich auf die Weisheit der Erfahrung berufen, … die sich vom Kontakt mit Frauen und Männern nährt, die sich handelnd engagieren. Nur diese Weisheit der Erfahrung erlaubt, … zu einer Orientierung darüber zu gelangen, wie das Gute hier und jetzt zu vollbringen ist.“

Klar – um wirklich schützen zu können, müssen Gebote deutlich und allgemein formuliert sein: Du sollst nicht töten, du sollst nicht lügen, nicht stehlen … Und es ist wichtig, dass Christen an solche Leben schützenden Gebote erinnern. Aber hehre und klare Prinzipien sind das eine. Konkrete Entscheidungen im Gewirr des Alltags menschlicher Schicksale sind das andere. Beides zusammen macht Ethik aus, beides zusammen führt zur oft facettenreichen Wahrheit.

Das Problem heute ist: Erzählt man öffentlich in Pressekonferenzen und Talkshows von diffizilen Einzelfällen, heißt es: Die Kirche hat ihre Meinung geändert, wirft Positionen über den Haufen. Benennt man aber die allgemeinen Grundsätze, heißt es: Du bist herzlos, abgehoben, weltfremd … Zuschauer, Gesprächsteilnehmer und Moderatoren sollten sich diesen Zusammenhang immer wieder bewusst machen.

Eine christliche Ethik des Herzens hört zu, begleitet, reicht die Hand und bildet sich fort: Die Lehre der Kirche wird weiter „zu vervollkommnen und zu ergänzen sein, da oft von Dingen die Rede ist, die einer ständigen Entwicklung unterworfen sind“, formuliert das II. Vaticanum. Wenn sich die deutschen Bischöfe kommende Woche u.a. mit dem Fall aus Köln befassen, tun sie (hoffentlich) genau das: die Haltung der Kirche im Dialog mit Wissenschaften und den Erfahrungen der Menschen überprüfen – zum Dienst am Menschen, orientiert am Evangelium.