30.01.2015

Stille Anbetung bis Mitternacht vor dem Allerheiligsten findet Zulauf

Die Nähe Gottes spüren

Die Stillen Anbetung vor dem ausgesetzten Altarssakrament findet am Kirchort St. Franziskus der Gemeinde Heilig Geist in Hannover-Vahrenheide Zulauf. Etwa die Hälfte der Teilnehmer sind junge Leute. Manche kommen von weit her. Wie kommt das zustande?

Jeden Freitagabend versammeln sich vor allem junge Menschen in der Theresienkapelle der Kirche St. Franziskus in Hannover zur stillen Anbetung.  Fotos: Nestmann

Es ist Freitagabend 19 Uhr. Auf dem Boden vor dem kleinen Altar in der Theresienkapelle der Kirche St. Franziskus steht eine Reihe bunter Glasschalen mit brennenden Kerzen. Den Boden unter den Stühlen bedeckt ein Teppich. Manche der Besucher knien, andere sitzen im Schneidersitz, manche der Hereinkommenden fallen vor der ausgestellen Monstranz mit dem Leib Christi auf die Knie und berühren mit der Stirn den Boden. Eine Frau – sie ist extra aus Hildesheim angereist – hat eine Muttergottes-Statue mitgebracht. Diese stellt sie zwischen die Kerzenschalen vor dem Altar. Die herrschende Stille wird plötzlich durch Gesang unterbrochen. Begleitet wird er durch zwei Gitarristen. Ein Keyboard setzt ein.  

Offene Form mit Kommen und Gehen

Die Feier dauert von 19 bis 24 Uhr. Was die Stille Anbetung und den Lobpreis in der Theresienkapelle kennzeichnet, ist die sehr offene Form. Phasen der Stille werden unterbrochen durch Lobpreislieder, das Beten einer Novene, des Kreuzweges oder des Rosenkranzes. Zwischendurch gönnen sich einige Teilnehmer eine Pause – für einen Spaziergang oder eine Stärkung mit Kaffee, Mineralwasser, Saft und Keksen, andere verharren die ganze Zeit in der Kapelle. Andere wiederum kommen erst später dazu. So ist die Feier geprägt durch ein ständiges — wenn auch leises — Kommen und Gehen.

Die Zahl der Teilnehmer liegt mittlerweile bei etwa 20, obwohl die Veranstaltungen nicht im Pfarrbrief vermerkt ist. Manche Teilnehmer kommen aus Garbsen, Hildesheim oder Salzgitter. Gehört haben sie von der Stillen Anbetung durch Mund-zu-Mund-Propaganda. „Wer so etwas sucht, der findet uns“, sagt Sebastian Felis (22). Der Student der Elektrotechnik gehört zur Gruppe der Jungen Erwachsenen in St. Franziskus und ist einer der Initiatoren. 

Gesucht wurde etwas Neues in Richtung Lobpreis und Anbetung. Doch was? Auf die Idee kamen sie durch den aus Medjugorje stammenden Kroaten Maco Vasilj (45). Er hatte neue Formen des Lobpreises junger Menschen in Süddeutschland und Wien kennengelernt. „Night Fever“ (Nachtfieber) heißen diese Lobpreisnächte dort.

„Anfangs“, sagt Sebastian Felis, „habe ich mit den anderen Teilnehmern sogar die ganze Nacht bis zum frühen Morgen gebetet und gesungen. Aber danach waren wir dann doch zu sehr geschafft.“ Mit der jetzigen Dauer und Form, so findet Sebastian Felis, „haben wir genau das richtige Maß gefunden.“

Anbetung stärkt und schenkt neue Ideen

Etwa die Hälfte der Teilnehmer ist zwischen 20 und 30 Jahren alt. Der 28-jährige Michael Schyja ist Einzelhandelskaufmann im Computerbereich und kommt extra aus Salzgitter. „Die Stille Anbetung gibt mir eine Bestärkung im Guten und schenkt neue Ideen“, sagt Schyja. Die Spiritualität von Medjugorje und  der Gemeinschaft Totus Tuus sowie Erlebnisse in Taizé prägen nicht nur Schyja. Früher sei für ihn die Anbetung des ausgesetzten Altarssakramentes zu trocken und zu langweilig gewesen. Erst allmählich habe er hingefunden. „Aber ich muss in meiner Beziehung zu Gott auch Trockenphasen durchstehen. Danach erfahre ich durch Gott wieder etwas Neues. Ich bin ein begrenzter Mensch in dieser Welt. Ich muss etwas sehen können. Und Christus kommt mir nahe in der geweihten Hostie, damit ich ihn sehen kann. In nichts anderem als der geweihten Hostie kommt er mir so nahe“, erklärt Schyja.

Der Kroate Maco Vasilj (45) hat die offene Form der Anbetungsfeier als „Night Fever“ in Wien und Süddeutschland kennengelernt.

Für Sebastian Felis ist die Begegnung mit dem Zeitlosen das Besondere an der Stillen Anbetung: „In der Welt verändert sich doch alles sehr schnell. Liebe ohne Beziehung zu Gott ist ganz schnell verschwunden. Gott aber bleibt.“ In der geweihten Hostie komme Christus ihm entgegen. „Natürlich sehe ich das andere Schöne auf der Welt auch. Aber das ist eben mehr, es ist mehr als ein paar neue Akkorde mit meiner Gitarre zu spielen oder mich in irgendein Freizeit-Ramba­zamba zu begeben. Diese direkte Begegnung mit dem Ewigen und Unvergänglichen bekomme ich nirgendwo sonst“, sagt Felis.

Julia Stepniowski (21) kann es gar nicht beschreiben, was genau sie bei der Stillen Anbetung fühlt: „Ich bin rundum sehr glücklich, ganz erfüllt. Es ist noch mehr als das, aber ich habe keine Worte dafür“. Wenn mehrere Menschen mehrere Stunden gemeinsam Christus anschauen, ihn preisen und zu ihm beten, entstehe eine besondere Atmosphäre. „Die kann man nicht beschreiben, aber man kann sie deutlich spüren“, betont Stepniowski.

Die offene Form und die späte Tageszeit der Anbetung spricht Menschen an, die zu den üblichen Andachten gar nicht kommen können. Wie Michael Schyja haben auch andere Menschen einen Arbeitstag, der erst spät endet. Zur Stillen Anbetung in der Theresienkapelle von St. Franziskus aber schaffen sie es. Hier können die Gestressten zu sich selbst und zu Christus finden. Das schätzen auch Anna Naczyk (28), tätig im Kosmetikservice, und Joanna Machnik (36), die als Hauswirtschafterin in einer Kantine arbeitet. „Ich brauche das. Die Luft ist erfüllt. Bei der Stillen Anbetung erfahre ich jeden Freitagabend die Anwesenheit Gottes. Darauf will ich keine Woche mehr verzichten“, sagt Anna Naczyk.

Tillo Nestmann