19.03.2014

100 Jahre Kirche St. Agnes in Lüchow

Die selbstbewusste Minderheit

Ein evangelischer Freiherr als Geldgeber für eine katholische Kirche, ein Pfarrer, der sich mit einer Pistole bewaffnet, eine Heilige mit nur einem Arm. Um St. Agnes in Lüchow ranken sich viele Geschichten. Erbaut wurde die Kirche 1914.

Eine Fronleichnamsprozession durch Lüchow in den frühen 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Das Foto gehört zu den wenigen historischen Bildern aus dem Pfarrarchiv von St. Agnes.

Katholische Christen gelten im Wendland noch heute als Exoten. Vor 150 Jahren, als die ersten von ihnen in das Gebiet zwischen Lüneburg und Elbe kamen, musste man sie sozusagen mit der Lupe suchen. In einem inzwischen schon historischen Geschichtsband über das Bistum Hildesheim notierte seinerzeit der Chronist: „An der Ostgrenze der Provinz Hannover, nahe bei Salzwedel, als letzter Außenort des weiten Pfarrbezirks Lüneburg, liegt das Städtchen Lüchow. Die 1864 dorthin gelangte Familie Düker (aus der Nähe von Hildesheim), die durch kirchliche Treue und religiösen Eifer allen voranleuchtete, hat das Verdienst, daß dortselbst für die wenigen Katholiken von Lüchow und Wustrow ein zuerst nur seltener, dann periodischer Gottesdienst eingerichtet wurde, bis 1912 in Lüchow ein Bauplatz angekauft und 1913 ein Gotteshaus erbaut wurde, das am 22. März 1914 als St.-Agneskirche benediciert wurde.“

3000 Mark kamen vom Freiherrn

Dass die Kosten von damals 29 500 Mark zusammenkamen, ist nicht zuletzt einem Freiherrn von Frege-Welzin zu verdanken. Er, der Protestant, hatte eine Katholikin geheiratet. Um nach ihrem Tod ihr Andenken zu wahren, stiftete er für den Kirchbau – damals auf freiem Feld – immerhin 3000 Mark mit der Auflage, das Gotteshaus solle den Namen seiner Frau tragen, nämlich Agnes.

Zum Jubiläum herausgeputzt: St. Agnes in Lüchow.

Gebaut wurde St. Agnes vor allem für die Zugezogenen: Katholiken, unter ihnen vor allem auch Franzosen und Italiener, arbeiteten als Soldaten, Offiziere oder Musiker an den Ämtern und Schlössern der Herzöge von Lüneburg. Heute zählen immerhin 2600 katholische Christen zur Gemeinde, die zu den flächenmäßig größten im ganzen Bistum zählt. Zugezogen sind auch von ihnen viele aus den Ballungsgebieten Deutschlands wie Berlin, München oder dem Rheinland. „Wer ins Wendland kommt, sucht vor allem die Ruhe und Abgeschiedenheit“, sagt Pfarrer Hans-Günter Sorge, der die Gemeinde für einige Jahre betreut hat. Zumindest was die Statistik angeht, dürfte die Zahl allerdings in Zukunft beträchtlich sinken: Für das vergangene Jahr stehen 5 Taufen 22 Austritten und 24 Beerdigungen gegenüber. „Da bekommt man eine Vorstellung, wie es hier in zehn Jahren aussehen dürfte“, sagt Sorge.

Trotzdem: Die Katholiken haben auch als Minderheit ihr Selbstbewusstsein. Zwar sei die Seelsorge von den großen Entfernungen geprägt. Aber wer zum Sonntagsgottesdienst kommt, der bleibt auch anschließend noch beieinander, tauscht sich aus, freut sich über das Wiedersehen, beobachtet der Seelsorger. Immer wieder gibt es Aufbrüche – ob es die spontan gegründete Musikgruppe ist oder die stetig gewachsene Zahl an Messdienern. Eine Idee von Sorge hat eingeschlagen: Seit einiger Zeit klebt an Autos vieler katholischer Christen im Wendland ein Aufkleber mit dem alten christlichen Symbol eines Fisches. „Da sieht man auf den ersten Blick, wer dazugehört“, sagt Sorge.

Auf dem Dachboden entdeckt: Die Agnes-Statue hat wieder einen Ehrenplatz.

Für das Jubiläum herausgeputzt wurde in den vergangenen Wochen die Kirche St. Agnes vor allem durch den neuen Anstrich. Einen Ehrenplatz vor dem Altar hat eine Statue der Namenspatronin, die Sorge vor einiger Zeit auf dem Dachboden gefunden hat. Auffällig: Ihr fehlt der linke Arm – ebenso wie einer Agnes-Figur aus Japan, die ihren Arm beim Abwurf der Atombombe auf Nagasaki verlor und heute als Mahnung im New Yorker Hauptgebäude der Vereinten Nationen steht.

Zu erläutern wäre jetzt noch die Geschichte vom Pfarrer mit dem Revolver: Die Waffe hatte Sorge ebenfalls entdeckt – versteckt im Fußboden der Sakristei. Der frühere Seelsorger von Lüchow hatte sie sich als Selbstverteidigung zugelegt, weil vor hundert Jahren ein furchtbarer Mord die Gegend in Angst und Schrecken versetzt hatte.

Am Sonntag feiert der Bischof mit der Gemeinde

Manche Anekdote aus der Vergangenheit, aber auch durchaus optimistische Blicke in die Zukunft wird es am Sonntag, 23. März, geben. Dann wird das Kirchweihjubiläum offiziell gefeiert – zusammen mit Bischof Norbert Trelle. Das Pontifikalamt beginnt um 16 Uhr. Ein weiterer wichtiger Termin für St. Agnes ist der 11. Mai: Dann begrüßt die Gemeinde ihren neuen Seelsorger, Jahn Maczuga. Weitere wichtige Termine: Am 29. Mai wird eine Ausstellung von Leo Krystofiak zum Thema „Bilder und Glaube“ eröffnet. Und am 12. Juli kommt Bruder Paulus Terwitte zu einer Autorenlesung nach Lüchow.

Stefan Branahl