18.07.2012

Nachgefragt bei Matthias Brodowy

Effekthascherei für mehr Auflage

Papst Benedikt XVI. hat eine einstweilige Verfügung gegen das Satiremagazin „Titanic“ erzwungen. Damit wurde der Zeitschrift untersagt, die aktuelle Ausgabe weiter zu vertreiben. Das Titelbild wie die Rückseite hatten den Papst mit einem gelben und braunen Fleck auf der Soutane gezeigt. Ist das Satire? Das hat die KiZ den Kabarettisten und Katholiken Matthias Brodowy gefragt.

Herr Brodowy, finden Sie das nun vom Landgericht Hamburg einstweilig einkassierte Titelbild der Titanic witzig? Oder fühlen Sie sich in Ihren religiösen Gefühlen verletzt?

Matthias Brodowy ist Kabarettist und Musiker aus Hannover. Foto: Agentur
Matthias Brodowy ist Kabarettist und Musiker aus Hannover. Foto: Agentur

Ich fühle mich zwar nicht in meinen religiösen Gefühlen verletzt, trotzdem empfinde ich dieses Bild als unanständig. Es ist auch nicht witzig, sondern billige Effekthascherei zur Steigerung einer sinkenden Auflage.

Muss sich nicht auch ein Papst Satire, so kleingeistig sie auch sein mag, gefallen lassen, wie beispielsweise der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes, Michael Konken, meint?

Natürlich muss sich auch der Papst Satire gefallen lassen, nur sollte diese mit Inhalten und einer eigenen Haltung zu tun haben. Außerdem gilt für mich als Satiriker grundsätzlich, dass Kritik in der Sache hart sein kann oder auch sein muss, dabei aber die Würde eines Menschen nicht verletzt werden darf. Und das Titelbild der Titanic ist nach meinem Empfinden würdelos.

Wäre ein solcher Titel denkbar, wenn er einen jüdischen Oberrabbiner oder den Großscheich von Ägypten als religiöses Oberhaupt des sunnitischen Islams zeigen würde?

Ich vermute, dass man da mehr Rücksicht nehmen würde.

Darf Satire alles? Wo wäre für Sie eine Grenze?

Satire darf alles, im Sinne von sie darf sich aller Sachen annehmen. Es darf keine Tabuthemen geben. Ein Tabuthema aufzugreifen und zu benennen ist aber definitiv etwas anderes als ein Tabu zu brechen. Es gilt auch in der Satire immer, die Menschenwürde und den Respekt im Blick zu behalten. Gerade dem Satiriker muss es doch um den Menschen und seine Würde gehen. Zugleich ist eine eigene Haltung unabdingbar. Ich erlebe sehr viel Beliebigkeit. Der Satz „Satire darf alles“ stammt ja von Tucholsky. Und an ihm kann man wohl sehen, wie viel Haltung hinter allem steckte. Das sollten all diejenigen, die sich immer auf ihn berufen, mitbedenken.

Sie haben Kurt Tucholsky angesprochen. Vor „Satire darf alles“ hat er geschrieben: Die Satire bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird. Wie viel Deutlichkeit können Kirche und Religion vertragen?

Die Kirche besteht aus Menschen und dort wo Menschen sind, werden Fehler gemacht. Da muss Kritik deutlich vorgebracht und auch ertragen werden. Es sollte aber um konkrete Inhalte gehen. Dafür erwarte ich wie bei politischen Themen eine ordentliche Recherche. Ich erlebe aber bei Kollegen zu oft billige Witze und Spiel mit Klischees, wenn es um Kirche geht. Aus Unwissenheit heraus kann aber keine gute Satire entstehen. Die Religion an sich, egal ob Christentum oder Islam oder welche auch immer, auch ein atheistischer Humanismus, ist für mich etwas sehr Persönliches und hier möchte ich den Menschen grundsätzlich mit Respekt begegnen.

Fragen: Rüdiger Wala