07.11.2013

Experiment Soul Side Linden in Hannover

Ein Abschied – kein Schlusspunkt

Eine „Kirche der Suchenden“ im Stadtteil sollte Soul Side Linden sein. Hier wurde genäht, zeitgenössische Kunst gezeigt und über Gott und die Welt geredet. Jetzt zieht in die Räume ein Kirche²-Projektbüro ein.

Annette Reus hat das Projekt „Soul Side Linden“ mit aufgebaut. Im Stadtteil Linden hat sie Menschen angesprochen und für dieses „bunte und junge“ Angebot der katholischen Kirche im Stadtteil Linden geworben.     Foto: Archiv

„Das ist kein Schlusspunkt“, stellt Schwester Helena Erler klar. „Das Projekt geht einfach in die nächste Phase über.“ Erst einmal wurde jedoch ein Abschied gefeiert: Nach fünf Jahren schloss die „Soul Side Linden“ ihre Türen. In die Räume des alten Backsteinhauses in Hannover-Linden werden 2014 neue Nutzer einziehen: Ein ökumenisches Kirche²-Projektbüro wird hier daran arbeiten, dass die Ideen des Kongresses im Bistum und in der evangelischen Landeskirche weiter Früchte tragen.

Experiment ist nicht gescheitert

Bei der Soul Side-Abschiedsfeier erklärte Regens Christian Henneke, wie eng beide Projekte, Soul Side Linden und Kirche², zusammenhängen: Seit langer Zeit ist es sein Anliegen, nach dem Vorbild der freikirchlichen Gemeinschaft „Willow Creek“ Suchende zu erreichen und Gläubige aus ihnen zu machen. Die Soul Side war das erste Experiment des Bistums mit einer solchen „Kirche der Suchenden“. In Pfarrer Wolfgang Beck fand Hennecke einen Partner, der das Projekt in seiner Gemeinde andocken ließ. Doch die personelle Ausstattung und Begleitung durch das Bistum blieben prekär, räumte Hennecke selbstkritisch ein: Annette Reus stemmte das Projekt jahrelang allein, erst später unterstützt von Schwester Helena und mehreren Praktikanten.

Zuletzt übernahm ein ehrenamtliches Team das Ruder. „Zu dritt, neben unserer Berufstätigkeit, können wir das so nicht aufrechterhalten“, bedauert Elisabeth Kusche. Die 37-Jährige ist seit mehr als zwei Jahren bei Soul Side engagiert. Sie hat hier die Gestaltung der Gebetszeiten „Soul Night“ und „Zeit des Meisters“ für sich entdeckt. Für sie eine der schönsten Erinnerungen an Soul Side: „Es gab keine Vorgaben und keine Regeln. Wir konnten einfach ausprobieren.“ Zum Beispiel, was passiert, wenn man Passanten im links-alternativen Linden-Nord auf der Straße fragt, ob sie vielleicht ein Anliegen haben, für das man beten soll. „Manche konnten damit nichts anfangen, aber viele waren  offen und sagten: Ich kann nicht beten, da ist es gut, wenn ihr das macht“, erinnert sich Elisabeth Kusche. Viele Kirchenferne waren es allerdings nicht, die Soul Side an sich band.

Es gibt aber auch kritische Stimmen

Aber wer Kirche einmal jünger, bunter und kreativer erleben wollte, wurde hier fündig. „Es hat sich kein Team von Verrückten gefunden, die die Soul Side auf Dauer tragen“, erklärt Christian Hennecke und wird nachdenklich: „Verrückte kann man nicht machen. Ich frage mich, ob Aufbrüche dadurch entstehen, dass sie zentral geplant und finanziert werden – oder müsste es nicht eher umgekehrt sein?“

Bei der Abschiedsfeier wurden auch kritische Stimmen laut. Es gibt nicht nur ganz oder gar nicht, verrückt oder gleichgültig, das wurde deutlich: Für einige Teilnehmerinnen ist Soul Side einfach ein spirituelles Zuhause – vielleicht nicht die ganz große Herzensangelegenheit, aber ein lieb gewonnener Ort geworden. „Warum ist das Projekt einfach so beendet worden, ohne uns zu informieren?“ „Wie sollen wir uns jetzt für künftiges Engagement motivieren?“, wurde gefragt. Räume, setzen Pfarrer Wolfgang Beck und Schwester Helena Erler dem entgegen, können auch eine Bürde sein, denn sie binden viel Arbeitskraft. „Entscheidend ist, dass jetzt einige Leute die Soul-Side-Idee im Herzen tragen“, ist Schwester Helena überzeugt. Pfarrer Beck wies darauf hin, dass das Projekt die Gremien der Gemeinde St. Godehard bereits zu eigenen Aktivitäten inspiriert hat – und lud zu einem Treffen für Interessierte ein, die die Spiritualität der Soul Side weitertragen wollen.

Annedore Beelte