14.06.2013

Bildhauer Ulrich Rückriem

Ein Freigeist mit Widerhaken

Er gehört zu den bedeutendsten Künstlern der Gegenwart: Ulrich Rückriem, Steinbildhauer, Zeichner – und ein spirituell bewusster Philosoph. Der Künstler schafft mit dem neuen Altar für den Hildesheimer Dom gerade sein letztes großes Werk, wie er sagt.

Für den Bildhauer Ulrich Rück­riem sind das Kunstwerk und der Ort, für den er es schafft, untrennbar verbunden. Foto: bph

Er will kein Etikett tragen. „Minimalist” hat man ihn genannt. „Konzeptkünstler”. Dabei ist das Wort „Künstler” schon zuviel, auch wenn er es durch und durch verkörpert. Doch all die Bezeichnungen verfehlen die Wirklichkeit. Ulrich Rückriem ist Mensch. Und vor allem Geist. Spirituell formuliert kann man sagen: Ulrich Rückriem IST. Punkt. So einfach ist das. Und so komplex.

Die Signatur ist ihm eher lästiges Übel

Das, was der ganze Stolz anderer Künstler ist, ist für Rückriem mehr ein lästiges Übel. Die Sig­natur. Die Unterschrift auf dem Werk. Für Sammler, Galeristen und Museen macht sie oft den Wert eines Werkes aus. Komplettiert ihn zumindest. Rückriem hasst es, seine Werke zu signieren. Aber er tut es, zumindest bei den Zeichnungen. Denn der Kunstbetrieb fordert es. Und wer in und von diesem Betrieb leben will, der folgt diesem Marktdiktat.

Doch damit soll jetzt Schluss sein. Rückriem, der in diesem Jahr 75 wird, hat alles erreicht. Die nationalen und internationalen Weihen, von der Documenta in Kassel bis zur Biennale in Venedig. Von der eigenen Skulpturen-Halle in Rommerskirchen-Sinsteden bis zu Ausstellungen in New York, London oder anderen Metropolen der Kunstwelt.

Schlicht und gleichzeitig monumental sind die steinernen Skulpturen von Ulrich Rückriem. Der Altar für den Hildesheimer Dom wird sein letztes großes Werk. Foto: Hans Weingartz

Doch darum ging es ihm nie. Ihm ging und geht es um die Freiheit. Die Freiheit des Objektes und des Ausdruckes. Die Freiheit des Geistes. Immer konsequenter ist er darin geworden, diesen Weg zu gehen. Immer weniger bearbeitet er den nach seinen Angaben 120 Millionen Jahre alten Anröchter Dolomitstein, aus dem er die meisten seiner Werke schafft. Vielmehr ist er ein Brückenbauer, ein Vermittler zwischen Natur und Kunst. Die Essenz des Steines will er sichtbar machen. Den Ursprung zeigen.

So, wie man einen Menschen erst Schicht für Schicht kennen lernt und nie ganz in sein Herz hineinschauen kann, so zeigen auch Rückriems Werke ihren Kern nie auf den ersten Blick und niemals ganz.

Erhaben und schlicht sind die oft monumentalen Skulpturen. Erst im Näherkommen enthüllen sie ihre Struktur. Rückriems Handschrift ist, dass er die Steinblöcke vielfach teilt. Er schneidet, spaltet, fügt zusammen, verdoppelt. Manches wird poliert. Manches erhält eine ornamentale Struktur, aber nur leicht, sich perfekt einfügend in den Stein. Oft bleibt die Oberfläche naturbelassen.

Untrennbar verbunden mit der Skulptur ist der Ort, für den sie geschaffen wird. „Der Ort ist für mich so wichtig wie die Skulptur selbst”, sagt Ulrich Rückriem. Der Steintisch, den er für den Hildesheimer Dom entworfen hat, wird erst zum Altar durch den sakralen Raum, in dem er steht. Und durch die heiligen Handlungen, die an ihm in der Eucharistiefeier vollzogen werden. Andernorts bliebe er ein Tisch. Eine Stele wird erst zum Gedenkstein durch die Erinnerungen an Orte, Ereignisse, Menschen, die mit ihr verknüpft werden.

Taoismus wurde zum Lebensinhalt

Es passt zu der Faszination und Verehrung des Künstlers für die Philosophie und Poesie des Taoismus. Besonders der chinesische Meister Zhuangzi, der 365 bis 290 vor Christus lebte, hat es ihm angetan. Der auch als Zhuang Zhou bekannte Philosoph und Dichter hat einen festen Platz im Leben von Ulrich Rückriem. Immer wieder liest er die Werke. Und auch wenn es ihn in einen Zwiespalt stürzt, gibt er manche der Lehren im Gespräch wieder, illustrieren sie doch seine Auffassung von Kunst und Leben. „Aber eigentlich darf man nicht versuchen, jemanden vom Taoismus zu überzeugen”, erzählt er. Man soll nicht missionieren, ihn anderen nicht aufdrängen. Und daher eigentlich nicht über die Lehren sprechen.
Das passt zu ihm. Am liebsten soll alles für sich wirken. Ulrich Rückriem, 1938 in Düsseldorf geboren, wurde als Kind ins Internat der Spiritaner in Knechtsteden geschickt. Missionar sollte er werden. Doch der sportliche Junge hatte andere Träume. Eine Sportverletzung mit nachfolgender langer Krankheit durchkreuzte alle Pläne, die elterlichen und die eigenen. Ein Lehrer wurde auf die zeichnerische Begabung des Jungen aufmerksam und empfahl den Eltern, ihn eine Steinmetzlehre machen zu lassen. Eine Arbeit, die auch künstlerisch ist – aber eben auch ein Beruf, von dem sich leben ließe.

 

Rückriem machte die Steinmetzlehre und arbeitete eine Zeitlang auch in der Kölner Dombauhütte. Doch schon in dieser Zeit war er frei als Bildhauer tätig und schuf seine eigenen Werke. Auch, als er an den Kölner Werkschulen bei Ludwig Gies studierte. An der Kunstakademie in Düsseldorf hatte man ihn abgelehnt – als er Jahrzehnte später dort eine Professur bekam, bereitete es ihm ein spitzbübisches Vergnügen, genüsslich darauf hinzuweisen.

Nutzlos soll die Kunst sein, sagt der Taoist. Dass er Kunstwerke mit Nutzen wie den Altar schafft, ist ein Widerspruch, der sich nicht lösen lässt für Ulrich Rückriem. Doch bald soll dies ja ein Ende haben. Gerade mache er seine letzten großen Werke, sagt der Künstler. „Sein” Steinbruch in Anröchte bei Soest ist ausgeschöpft, die modernen Maschinen erlauben nicht mehr die Arbeit, wie Rückriem sie tun will. Und den Kunstbetrieb ist er ohnehin schon lange leid.

„Der geistige Mensch ist frei von Werken”, heißt es bei Zhuangzi. Und so hat sich Ulrich Rückriem für die vollkommene Freiheit entschieden. „Alles kommt aus dem Nichts und geht ins Nichts”, sagt er. „Das ist doch sehr befreiend, oder?”

Hildegard Mathies