20.06.2014

1200 Jahre Bistum Hildesheim - das 20. Jahrhundert

Eine lebendige „Kirche des Volkes“

Anfang des 20. Jahrhunderts stand im Bistum noch der kontinuierliche Ausbau kirchlicher Einrichtungen im Mittelpunkt. Das Motto damals: „Viele kleine Kirchen und viele einzelne Seelsorgestellen“. Das ändert sich mit den Jahren.  

Bischof Norbert Trelle und Domdechant Hans-Georg Koitz haben Anfang 2010 die Pforten des Domes geschlossen. Es folgte eine umfangreiche Sanierung, die am 15. August beendet sein wird.

Im Blick auf den rasanten Anstieg der Katholikenzahl im Bistum Hildesheim von rund 120 000 im Jahr 1890 auf knapp 210 000 zu Beginn des Ersten Weltkriegs setzte Bischof Adolf Bertram (1906–1914) den durch seinen Amtsvorgänger Bischof Sommerwerck eingeschlagenen Weg eines kontinuierlichen Ausbaues kirchlicher Einrichtungen fort – unter anderem in Hannover, Gehrden, Sarstedt und Lüchow. Er erreichte zudem für die Katholiken im braunschweigischen Teil des Bistums eine deutliche Verbesserung der kirchlichen Rahmenbedingungen.

In der Weimarer Republik kam es im Bistum Hildesheim – wie in der katholischen Kirche Deutschlands insgesamt – zu einer „innerkirchlichen Gewichtsverlagerung“ von den Vereinen und Verbänden hin zu den Pfarrgemeinden. Konrad Algermissen, „Vordenker“ der pastoralen Theorie und Praxis im Bistum Hildesheim, umschrieb dies 1929 so: „Die Pfarrgemeinde muss wieder überall Pfarrfamilie werden... Deshalb muss gerade für die Diaspora die Losung heißen: viele kleine Kirchen und viele einzelne Seelsorgestellen.“

Nach der Zerstörung des Hildesheimer Domes 1945 wurde die Bischofskirche in den Nachkriegsjahren in mühevoller Arbeit wieder aufgebaut und 1960 eingeweiht.

In der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erfuhr auch das Bistum erhebliche Beeinträchtigungen: Katholische Vereine wurden verboten, katholische Schulen aufgelöst, katholische Verlage geschlossen und selbst der kirchliche Alltag in vielfältiger Weise behindert. Dabei wurde Bischof Joseph Godehard Machens (1934–1956) rasch zu einem mutigen Verteidiger der kirchlichen Rechte gegen die zahllosen Übergriffe von Partei und Staatsgewalt, so vor allem gegen die Schließung der katholischen Volksschulen.

Besondere Probleme erwuchsen dem Bistum Hildesheim zwischen 1933 und 1945 im sogenannten Aufbaugebiet um das heutige Wolfsburg und Salzgitter: Der bis dahin agrarisch geprägte Raum wandelte sich zu einem industriellen Ballungszentrum, in dem der Bau neuer Kirchen vonseiten des Staates allerdings nicht gestattet wurde: Die Nationalsozialisten planten Wolfsburg als „Stadt ohne Gott“.

Zu den zahllosen Frauen und Männern, welche die Willkür und Brutalität des NS-Staates in besonderer Weise erfahren mussten, gehörten Pfarrer Christoph Hackethal und Pfarrer Joseph Müller. Hackethal wurde am 18. April 1941 in seinem Pfarrhaus in Bad Harzburg verhaftet und kam ins Konzentrationslager Dachau, wo er am 25. August 1942 verstarb. Seine Urne wurde auf dem Friedhof Strangriede in Hannover beigesetzt. Pfarrer Müller wurde am 17. August 1943 zum ersten Mal von der Hildesheimer Gestapo verhört: Er habe in einem seelsorglichen Gespräch Reichskanzler Hitler und Generalfeldmarschall Göring mit den beiden an der Seite Jesu gekreuzigten Schwerverbrechern verglichen. Am 28. Juli 1944 wurde Pfarrer Müller durch den Volksgerichtshof zum Tod verurteilt und am 11. September 1944 hingerichtet. Sein Grab befindet sich bei der St.-Cosmas-und-Damian-Kirche in Groß Düngen.

Der Dom – ein Trümmerhaufen

Der Zweite Weltkrieg endete in einer Katastrophe: Millionen Menschen kamen ums Leben, Millionen mussten ihre Heimat verlassen oder verloren ihren gesamten Besitz, zahllose Städte versanken in Schutt und Asche. Zu den besonders zerstörten Städten Deutschlands gehörte auch die Bischofsstadt Hildesheim, die am 22. März 1945 durch einen 22-minütigen Bombenangriff vernichtet wurde. Domdechant Stolte notierte dazu: „Von dem alten Hildesheim steht nichts mehr. Der Dom? Ein einziger Trümmerhaufen…“

Bischof Joseph Godehard Machens verteidigt kirchliche Rechte gegenüber den Nationalsozialisten.

Vielleicht noch schwieriger als der Wiederaufbau des Domes und anderer Kirchen waren die Reaktivierung des Gemeindelebens und die Lösung neuer Probleme – beispielsweise der Integration zigtausender katholischer Flüchtlinge und Vertriebener aus den deutschen Ostgebieten. Durch diesen Massenexodus stieg die Zahl der Katholiken im Bistum Hildesheim von 263 800 im Jahr 1938 auf 669 500 im Jahr 1950 – was wiederum die Einrichtung zahlreicher neuer Kirchengemeinden notwendig machte: Gab es 1946 in Hildesheim 179 Pfarreien, Kuratien und Pfarrvikarien, so stieg ihre Zahl bis 1954 auf 331.

Gewissermaßen wirkkräftiges Symbol für den Neuanfang des Bistums Hildesheim waren das Lager Friedland, die zentrale „Drehscheibe“ für Millionen Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgefangene, sowie die Jugendbegegnungsstätte Wohldenberg, wo Jugendliche aus dem gesamten Bistum zusammenkamen und eine „junge“ Kirche erfahren konnten.

Von nachhaltiger Bedeutung für die Entwicklung des Bistums Hildesheim wurde die Wahl von Heinrich Maria Janssen zum Bischof von Hildesheim im Jahr 1957. Erster Höhepunkt seines 25-jährigen Episkopats war die Neuweihe des Hildesheimer Mariendoms nach gut zehnjähriger Bauzeit am 27. März 1960. Zahlreiche Wallfahrten aus dem gesamten Bistum führten in diesem Jahr Gläubige nach Hildesheim: der Dom als „Kraftzentrum“ des Bistums Hildesheim.

1962 fand in Hannover zum zweiten Mal nach 1924 ein Deutscher Katholikentag statt. Zu seinen besonderen gottesdienstlichen Feiern gehörten ein Kindergottesdienst mit über 30 000 Teilnehmern und ein Sühnegottesdienst im ehemaligen Konzent­rationslager Bergen-Belsen mit Weihbischof Heinrich Pachowiak. Am Rande des Katholikentags kam es zu wichtigen ökumenischen Gesprächen zwischen dem Jesuiten Augustin Kardinal Bea, Leiter des Sekretariats für die Einheit der Christen beim Heiligen Stuhl, und dem hannoverschen Landesbischof Hanns Lilje, zugleich leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands.

Laien haben Stimmrecht bei der Diözesansynode

1962 findet in Hannover zum zweiten Mal der Katholikentag statt. Höhepunkt ist der Gottesdienst auf dem Schützenplatz.

Es gehörte zu den besonderen Fähigkeiten Bischof Janssens, auch schwierigste theologische Überlegungen in verständlicher Form zu kommunizieren – weswegen er auch direkt nach Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils für 1968/69 eine Diözesansynode einberief, in der es um die „Übersetzung“ der römischen Beschlüsse in die Realität des Diasporabistums Hildesheim ging. An ihr nahmen erstmals auch Laien – Männer und Frauen – stimmberechtigt teil.

Strukturelle Rahmensicherheit für die insgesamt positive Entwicklung des Bistums Hildesheim gab das „Konkordat zwischen dem Hl. Stuhl und dem Land Niedersachsen“ von 1965, das vor allem die lange umstrittene Frage katholischer Schulen löste. Darin wurden auch eine leichte Modifizierung der Bistumsgrenzen sowie die Übertragung der Eigentumsrechte am Dom und an seinen umliegenden Gebäuden vom Land auf das Bistum vereinbart.

Als „Mann der Praxis“ lag Bischof Heinrich Maria Janssen der bereits von seinem Vorgänger begonnene Auf- und Ausbau eines möglichst engmaschigen Netzes von kirchlichen und caritativen Einrichtungen besonders am Herzen: Rund 300 Kirchen konnten in seiner Amtszeit fertiggestellt werden, dazu noch eine Vielzahl an Kindergärten, Beratungsstellen, Altenheimen und sozial-caritativen Einrichtungen – das Bistum Hildesheim bekam ein völlig neues Gesicht. „Gottesdienst soll dort gefeiert werden, wo der Mensch lebt und wohnt. Dort muss sich die Gemeinde versammeln“, betonte Janssen immer wieder.
Am 13. November 1983 wurde im Hildesheimer Dom der bisherige Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz  Josef Homeyer zum neuen Bischof von Hildesheim geweiht. Von einer tiefen persönlichen Frömmigkeit getragen, forderte er die Diözesanen immer wieder zu einem „radikalen Kurswechsel“ auf, weswegen er etwa in seinem ersten Hirtenbrief zur österlichen Bußzeit schrieb: „Viele Menschen sind von ihren täglichen Geschäften und den damit verbundenen Sorgen und Freuden so eingefangen worden, dass sie allmählich die Glaubenspraxis, das persönliche Gebet, den sonntäglichen Gottesdienst aufgegeben haben und dann bald die Glaubensüberzeugung verlieren. ... Stellen wir uns dem Wort und dem Wirken Jesu, dem Sohn des lebendigen Gottes! Er gibt sich nur dem zu erkennen, der sich auf ihn einlässt.“

Eine große Bereicherung erfuhr das Bistum Hildesheim im Mai 1988 durch die Neugründung eines Benediktinerinnenpriorats in Marienrode und durch die Gründung des „Forschungsinstituts für Philosophie“ im selben Jahr in Hannover. Ein mutiger Blick nach vorne gelang der Diözesansynode 1989/90: „Aus der ‚Kirche für das Volk‘ muss mehr und mehr eine lebendige ‚Kirche des Volkes‘ werden, in der jeder und jede einzelne seine/ ihre Berufung wahrnimmt und sich verantwortlich beteiligt weiß am Schicksal dieser Kirche, damit sie ihre Sendung zu allen Menschen erfüllen kann...“

Die Neuaufstellung ist in vollem Gange

Vor dem Hintergrund der gesamtgesellschaftlichen „Umorientierungen“ bedurfte auch das Bistum Hildesheim spätestens ab Anfang der 1990er-Jahre grundlegender Veränderungen, um gegenwarts- und zukunftsfähig zu bleiben beziehungsweise zu werden, weswegen Bischof Homeyer am 15. Dezember 2003 – nach intensiven innerdiözesanen Beratungen – das Grundsatzpapier „Eckpunkte 2020. Kurz- und mittelfristige Strukturplanung für die Diözese Hildesheim“ in Kraft setzte.

Seit 2006 ist das Bistum Hildesheim unter der Leitung von Bischof Norbert Trelle mit seiner „Neuaufstellung“ befasst. Von erheblicher Bedeutung ist dabei die Fusionierung von Pfarreien – weil nicht mehr alle Kirchen, Einrichtungen und Gebäude unterhalten werden können (und müssen), nicht mehr für jede Pfarrei ein eigener Pfarrer zur Verfügung steht und nur so die Charismen der Gläubigen sich wirklich in die „Kirche vor Ort“ einbringen lassen. Dabei müssen die Gemeinden ihren je eigenen Weg suchen und finden: „Lokale Kirchenentwicklung“ ist gerade in einem so großen und so unterschiedlichen Bistum wie der Diözese Hildesheim von immenser Relevanz. Bischof Trelle hat hierzu mit Blick auf Erfahrungen aus fünf Pilotgemeinden im September 2013 geschrieben: Es sei deutlich geworden, „welche Möglichkeiten lokaler Kirchenentwicklung sich ergeben, wenn den Getauften ihre persönliche Berufung bewusst wird und der Auftrag zur Gestaltung des Reiches Gottes an ihrem Platz, der damit verbunden ist … Die Phase des Erprobens wird auch in den nächsten Jahren fortgesetzt …“.

Thomas Scharf-Wrede

 

Dr. Thomas Scharf-Wrede

Autor dieser Beiträge zur Geschichte des Bistums ist der Leiter des Hildesheimer Bistumsarchivs, Dr. Thomas Scharf-Wrede. Zur Wiederöffnung des Hildesheimer Domes und dem damit einhergehenden Beginn des Bistumsjubiläums erscheint seine „Kleine Hildesheimer Bistumsgeschichte“, der mehr zur Geschichte und Entwicklung des Bistums aus 1200 Jahren zu entnehmen ist.