24.06.2013

Kirchenglocken

In einer Liga mit Notre-Dame

Laut schlägt der Meißelhammer, mit dem ein Arbeiter den Tonpropfen vom Hoch­ofen entfernt. Dann fließt die 1100 Grad heiße Bronze. In der Königlichen Glockengießerei Eijsbouts im niederländischen Asten werden Glocken nicht nur für bedeutende Kirchen gegossen.

Es dauert viele Stunden, bis der Anstich des Hochofens erfolgen kann.

Hier wird beispielsweise auch die „Märtyrer-Glocke“ für die Propsteikirche Herz Jesu in Lübeck gegossen. 27 Gemeindemitglieder hatten sich an einem frühen Freitagmorgen von Lübeck aus auf den Weg in die Niederlande gemacht. Zwischen Venlo und Eindhoven liegt das Örtchen Asten, wo in einem unscheinbaren Fabrikgebäude die 1872 gegründete „Koninklijke Eijsbouts Klokkengieterij“ residiert, die mit gerade einmal 45 Mitarbeitern Weltmarktführer in Sachen Kirchenglocken und Glockenspiele ist.

„Wir spielen in einer Liga mit Notre-Dame in Paris“, scherzt Propst Franz Mecklenfeld bei der Ankunft am frühen Nachmittag. In der Tat wurde erst vor wenigen Monaten eine Glocke für den Südturm von Notre-Dame de Paris in Asten gegossen. Rund sechs Tonnen wiegt die „Marie“, die dort zum neuen Geläut gehört und die klangliche Verbindung zwischen der großen „Emmanuel“ und den kleineren Glocken herstellen soll. Aber es geht noch größer: 25 Tonnen wiegt die Glocke, die die Firma für die Olympischen Spiele in London goss. Und auf 36,7 Tonnen kommt ein Exemplar, das nach Japan ging.

Die alten Glocken wurden zu Kanonenkugeln

Vergleichsweise bescheiden sind da die rund 1200 und 1500 Kilo schweren Glocken, die das Geläut der Propsteikirche in Lübeck vervollständigen sollen, das seit dem Ersten Weltkrieg nur noch aus der Marienglocke besteht. Die zwei fehlenden Glocken waren damals  zur Herstellung von Kanonenkugeln eingeschmolzen worden.

Die Niederländer sind Experten darin, neue Glocken so anzufertigen, dass sie wie ihre historischen Vorbilder klingen. „Lübecker Märtyrer Glocke“ (die kleinere) und „Herz Jesu Glocke“, so lauten die Namen der beiden Exemplare für die Propsteikirche. Bei der späteren Feinabstimmung in Lübeck geht es übrigens nicht nur um den historischen Klang, sondern auch um die Feinabstimmung mit dem benachbarten Lübecker Dom, damit es am Sonntagmorgen keine Dissonanzen gibt. Das harmonische Miteinander in der Ökumene bekommt auf diese Weise eine ganz neue Bedeutung.

Der Guss erfolgt am Freitag, in der Todesstunde Jesu

An diesem Freitag ist es noch nicht ganz 15 Uhr und somit noch nicht ganz die Todesstunde Jesu, die traditionell als Zeitpunkt für den Glockenguss gewählt wird. Doch die Mitarbeiter müssen zur Tat schreiten. Seit sieben Uhr wurde die Bronzelegierung aus 80 Prozent Kupfer und 20 Prozent Zinn erhitzt und die richtige Temperatur ist erreicht. Als sich der Pfropfen des Hochofens löst, strömt die Glockenspeise zunächst in einen großen, mit Schamotte (feuerfestem Stein) ausgekleideten Kessel, der über Schienen und Winden an der Decke bewegt wird. Jetzt fehlt nur noch die Bronze, die da in ihrem Kessel vor sich hin glüht. Es sind nur noch wenige Minuten bis zum Guss.

Immer wieder prüft ein Mitarbeiter den Zustand der Glockenspeise.

Propst Mecklenfeld und die Gemeinde haben inzwischen ein Lied gesungen und der Priester segnet das kommende Ereignis. Glücklicherweise besteht genug Abstand zum offenen Kessel. Denn das Weihwasser könnte zu einer kleinen Explosion im Kessel führen, wie später der stellvertretende Geschäftsführer Joep van Brussel erläutert.

Die Metallspeise ist noch nicht ganz fertig. Ein paar Schaufeln speziellen Sandes werden hinzugefügt, um die Schlacke binden und abschöpfen zu können. Außerdem wird noch ein „geheimer“ Zusatz hinzugefügt, der die chemische Dichte des Metalls erhöht und so die Bronze härter werden lässt. Dann endlich ist es so weit. Der Kessel wird zum Stahlkasten manövriert und langsam, ganz langsam ergießt sich der Inhalt des Kessels in die Gussform. Applaus brandet auf, als das Werk vollbracht ist.

Ein unvergessliches Erlebnis für die Gemeindemitglieder

„Ich bin schwer beeindruckt. Ich wohne fast direkt neben der Kirche und werde die Glocken ständig hören. Ich glaube, das wird mich immer daran erinnern, dass wir hier gewesen sind“, sagt Gemeindemitglied Gabriele Gronemeyer bei der anschließenden Führung durch die Gießerei. Von einer „besonderen Ehre“ spricht PGR-Vorsitzender Matthias Raschke, der sich über sein Elternhaus eng mit den Lübecker Märtyrern verbunden fühlt. „Einzigartig, ganz beeindruckend“, konstatiert auch Heidrun Gesikiewicz. „Ich denke, das ist etwas ganz Singuläres, das in meinem Leben nie wieder passieren wird. Da bin ich ganz, ganz stolz und Gott dankbar, dass ich den Tag heute erleben darf“, sagt sie.

Für Propst Mecklenfeld war es ebenfalls das erste Mal, dass er beim Gießen einer Glocke dabei war. Er zeigt sich bewegt davon, dass die Botschaft der Märtyrer auf diese Weise manifestiert und für viele Menschen zugänglich wird. Der Verlust der Glocken im Ersten Weltkrieg, das Wirken der Märtyrer und nun das Gießen einer Märtyrer-Glocke: „Das ist für mich ein weit gespannter Bogen über die Zeit und die Geschichte hinweg“, so Mecklenfeld.

Wie Glocken gegossen werden, wie man sie stimmt und repariert, all das nehmen die Lübecker als Erinnerung auf ihre lange Reise mit zurück nach Lübeck. So etwas erlebt man wirklich nur einmal. Oder, wie der stets auskunftsbereite Joep van Brussel sagt, als er gefragt wird, wie lange Glocken und Glockenspiele halten: „Das ist das Problem. Zu lange.“

Das erste Anschlagen zu Mariä Himmelfahrt

Rund 75 000 Euro kosten die Anfertigung, der Transport, die Installation und die Wartung der neuen Glocken. An diesem Sonntag werden sie in Herz Jesu erstmals für die Öffentlichkeit zu sehen sein, zwei Tage vor dem offiziellen Gedenktag für die Lübecker Märtyrer. Im Kirchenschiff verbleiben sie bis Mariä Himmelfahrt. Es ist der Tag, an dem sie das erste Mal angeschlagen werden sollen. Anschließend werden sie in den Turm aufgezogen und sollen am Sonntag drauf erstmals die Gläubigen zum Gottesdienst rufen.

Marco Heinen