18.06.2012

Waldbühne Ahmsen zeigt Schauspiel über Heilige

Elisabeth als fromme Rebellin

Die besucherstärkste Amateur-Freilichtbühne in Niedersachsen steht im Emsland – im kleinen Hümmlingdorf Ahmsen. In dieser Spielzeit zeigt das Ensemble ein Stück über die heilige Elisabeth von Thüringen. Am Wochenende ist Premiere.

In der Hauptrolle: Anika Deters
Fotos: Petra Diek-Münchow

Bernd Aalken kennt deshalb kein Pardon. „Anika, die Haare musst du unter die Haube stecken, das war damals so.“ Anika Deters diskutiert nicht lange mit ihrem Regisseur, sondern kämmt ihre langen Locken unter die goldverzierte Kappe. Kurzer Blick in den Spiegel: „Elisabeth“ ist fertig für die nächste Probe. Und die ist an diesem Donnerstagabend, kurz vor der Premiere, höchst wichtig. „Es wird heute schwer, also Ruhe und keine privaten Gespräche mehr“, mahnt Aalken die Spielschar zur vollen Konzentration.

Das gilt besonders für Anika Deters, denn die steht als Hauptfigur in jeder Szene auf der Bühne. In Wachtum ist sie mit ihrer Zwillingsschwester aufgewachsen. Hat nach einem kurzen Ausflug in die Archäologie zuerst als biologisch-technische Assistentin (BTA) gearbeitet und dann Biologie in Oldenburg studiert. Heute arbeitet die 30-Jährige in einem Lebensmittel- und Veterinärlabor in Emstek im Oldenburger Münsterland. Solch wissenschaftliche Arbeit braucht einen Ausgleich – wie die Bühne und das Theaterspiel. „Ich liebe es einfach, in andere Rollen zu schlüpfen“, sagt sie mit fröhlichem Lächeln.

Diese positive Ausstrahlung passt zu der Rolle, findet Bernd Aalken. Anika Deters mag zwar deutlich älter sein als die historische Elisabeth, die schon mit 14 Jahren den thüringischen Landgrafen Ludwig heiratet. Trotzdem sieht der Bentheimer Regisseur die Biologin als ideale Besetzung an – weil sie frisch, aufgeweckt und als selbstbewusste Frau daherkommt.

„Sie hat sich gegen die grausamen Regeln ihrer Zeit gewehrt

Denn Aalken will Elisabeth auf keinen Fall als brave Heilige darstellen. Deshalb schreibt er für Ahmsen eine ganz neue Fassung, die alle Facetten der Geschichte umfasst. Er liest mehrere Biografien über die ungarische Königstochter, erfährt dabei viele Details über ihre glückliche Ehe und ihren selbstlosen Einsatz für Arme, über ihre Vertreibung von der Wartburg nach Ludwigs Tod und ihr frühes Sterben 1231. „Der Stoff hat mich gepackt. Sie hat sich gegen den Hof aufgelehnt, hat Kante gezeigt und sich gegen die grausamen Regeln ihrer Zeit gewehrt“, sagt er mit deutlicher Anerkennung in der Stimme. Und so steht seine Elisabeth als stolze und zugleich tief fromme Rebellin auf der Bühne. Das „Rosenwunder“ hingegen lässt Aalken bewusst offen.

Anika Deters gefällt, wie der Regisseur ihre Rolle angelegt hat. Im Elternhaus katholisch geprägt, kennt die früher in der Katholischen Landjugendbewegung aktive Wachtumerin die Heilige – hat sich jetzt aber neu kundig gemacht. Denn oft muss sie erklären, dass sie nicht die englische „Queen“ oder die österreichische „Sissi“ verkörpert. Elisabeth ist ihre erste große Hauptrolle. Viel Erfahrung hat sie dafür gesammelt, in vielen Stücken seit dem Start in Ahmsen im Jahr 1993 als „Dunkeltroll“ in „Ronja Räubertochter“.

Dieses Mal muss sie für 50 Probentage und 15 Aufführungen richtig viel lernen. „Seit Mitte April bin ich fast jeden zweiten Abend hier“, erzählt sie. Wird die Fahrerei, das Büffeln, die lange Zeit nicht manchmal zu viel? Sie schüttelt lächelnd den Kopf. „Ahmsen gehört zu mir. Das ist meine zweite Familie, meine Freunde wissen das.“ Und so akzeptiert sie jede Korrektur, jede x-te Wiederholung, die Bernd Aalken mit einem energischen „Mehr Ausdruck bitte!“ einfordert. Schließlich zählt nur das Ergebnis. „Wenn es den Leuten gefällt, gefällt es auch mir.“

Petra Diek-Münchow

 

 

Wissenswertes über die Waldbühne Ahmsen

Bildunterschrift

Das 340-Einwohner-Dorf Ahmsen liegt im östlichen Emsland, die Freilichtbühne dort an der Straße „Zur Waldbühne 21“. Bei einigen Navigationsgeräten muss man „Lähden“ als Ort eingeben.

Die Waldbühne setzt seit 1948 konsequent auf religiöse Theaterstücke. Ein Maristenpater führte bei den ersten Schauspielen Regie. Seit 1951 gibt es eigene Nachmittage für Frauen mit Gottesdienst, Referat und Theater. Zu diesen „Frauenkundgebungen“ kommen über 4000 Gäste. Seit 1964 zeigt Ahmsen  auch ein Märchenstück.

Vor und hinter den Kulissen engagieren sich über 200 Männer und Frauen ehrenamtlich für die Waldbühne. Viele Laienschauspieler stammen aus Ahmsen, andere reisen für Proben und Aufführungen aus dem ganzen Emsland und Nachbarregionen an.

Die Waldbühne zieht jedes Jahr etwa 40 000 Gäste an. In Niedersachsen zählt Ahmsen damit immer zu den besucherstärksten Amateur-Freilichtbühnen, 2008 stand sie bundesweit an der Spitze.
Noch nie ist eine Aufführung ausgefallen, denn der Zuschauerraum ist mit 2000 Plätzen komplett überdacht.

In dieser Spielzeit zeigt die Waldbühne an 15 Terminen vom 24. Juni bis 26. August ein Stück über Elisabeth von Thüringen. Für Familien mit Kindern erzählt die Bühne bis Mitte September das Grimm‘sche Märchen von „Schneewittchen“.

Die Karten kosten zwischen fünf und neun Euro, beim Märchen gibt es eine Familienkarte zu 19 Euro. Weitere Infos unter www.waldbuehne-ahmsen.de, Telefon (nur am Vormittag) 0 59 64/10 27