17.10.2012

Kardinal Lehmann über das Konzil

Es gab gute Gründe, sich zu ändern

Kardinal Karl Lehmann, Bischof von Mainz, sagt, er sei "Sohn, Erbe und Verteidiger des Konzils". Vor 50 Jahren, am 11. Oktober 1962, eröffnete Papst Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil. Im Interview äußert sich Kardinal Lehmann über das Kirchenereignis.

 
 

 

Herr Kardinal, von der Kozilszeit sagten Sie einmal, es habe eine Bombenstimmung" geherrscht. Wie war das für Sie?

Die Ankündigung des Konzils traf auf eine positive Grundstimmung. Die wichtigsten Bischöfe, Erzbischöfe, Kardinäle und vor allem die Theologen kamen regelmäßig zur Vorbereitung nach Rom. Hier habe ich sie kennengelernt: Henri de Lubac und Yves Congar, die Kardinäle Julius Döpfner und Franz König. Man erlebte den ganzen Ernst und die Begeisterung des Aufbruchs, auch wenn nicht in allem klar war, wohin es geht. Als Student habe ich für den Konzilsberater Karl Rahner kleine Alltagsdinge gemacht: von Briefmarken kaufen, zum Briefkasten gehen bis zum Abtippen von Texten. All das neben meinem Studium. Rahner musste vormittags zu sehr vielen Sitzungen gehen. Mittags brachte er dann von der theologischen Kommission stoßweise Änderungsanträge mit. Die mussten im Einzelnen beurteilt werden: Welche nimmt man an, welche nicht, welche abgeändert? Es hat auf mich einen riesengroßen Eindruck gemacht, wie diese großen Theologen so selbstlos waren und so loyal, dass sie jahrelang einen großen Teil ihrer wertvollen Zeit ganz selbstverständlich der Kirche zur Verfügung gestellt haben, sich dafür nicht zu schade waren.

Sie haben die Konzilsaula selbst nur einmal betreten. Wie war der Moment, wenn man weiß: Hier wird Geschichte gemacht?

Es war überwältigend, diese rund 3000 Bischöfe versammelt zu sehen. Vor allen Dingen aber, die Freiheit der Diskussion zu erleben. Da waren Leute wie Kardinal Frings, der schon ganz am Anfang unter dem Einfluss von Joseph Ratzinger, aber auch aus eigener Initiative heraus vorgegebene Listen für die Mitglieder und Berater der Kommissionen nicht akzeptiert hat: Wir lassen uns dies nicht einfach vorsetzen, das Konzil selbst entscheidet darüber. Auch gab es Beschwerden über das frühere Verhalten der Glaubenskongregation, z.B. bei Indizierungen gegen Theologen. Da fielen deutliche Worte. Nicht von Revoluzzern, sondern von Leuten, die ungeheuer loyal gewesen sind und aufbegehrt haben aus tiefster Sorge um die Sendung der Kirche.

 

Sie betonen Mut, Offenheit, Freiheit, Aufbruch. Gewinnen heute jene die Oberhand, die Angst vor der Freiheit haben?

Ganz vergleichen mit damals würde ich es nicht, weil sich doch mit dem Konzil vieles durchgesetzt hat, was man nicht zurückdrehen konnte. Man kann heute vieles sagen, was damals nicht so ohne weiteres ging. Auch wenn es nach dem Konzil manche Entwicklungen gibt, die bis zu einem gewissen Grad vorkonziliare Gewohnheiten wieder einführen wollten. Für mich wird das am deutlichsten beim Liturgierecht der Einzelkirchen, dass man bestimmte liturgische Gestaltungen nach Region und Sprachraum mit relativ großer Eigeninitiative regeln konnte. Dies ist in einem neuen Zentralismus von Rom aus in den letzten Jahrzehnten sehr beschnitten worden. Das ist etwas, wogegen man aufbegehren muss.

Manche behaupten ja, mit dem Konzil sei vieles schlimmer geworden?

Man darf die Zeit vor dem Konzil nicht glorifizieren. Durch Umfragen von damals kann man feststellen, dass Religion, Glaube und Kirche bereits vorher einen hohen Ansehensverlust erlitten haben. Persönliches Gebet und etwa die Gottesdienstbesuche sind ziemlich ruckartig zurückgegangen. Dabei fand das Konzil noch in einer ruhigeren Phase statt, was etwa die Selbstverständlichkeit des Gottesverständnisses betrifft. Seit 1968 gab es dann einen Umschwung, der geistig durch das Konzil nicht abgedeckt war. Seither hat sich die Welt in den Angeln gedreht.

50 Jahre zurückgeblickt: Drei wichtige Dinge, die sich durch das Konzil geändert haben …

Das Erste ist sicher ein Erwachen der Kirchen in den Regionen, Kontinenten und Sprachräumen. Das Konzil musste ja konkret eingewurzelt werden in die einzelnen Situationen. Am besten ist das meines Erachtens dort geschehen, wo man es nicht erwartet hätte: in Lateinamerika. Es entstand mit der Schaffung einer handlungsfähigen Gemeinschaft von Bischofskonferenzen in einem Kontinent eine echte teilkirchliche Verantwortung.

Das Zweite ist eine gründliche Reform in etlichen Bereichen, nicht nur in der Liturgie. Sie war über Jahrzehnte still vorbereitet worden durch die liturgische Bewegung, die Bibelbewegung, die ökumenische Bewegung. Für das nachkonziliare Reformwerk selbst kann man Paul VI. nicht genug anerkennen. Er und andere haben gewusst: Wenn eine solche Reform nicht entschieden und zügig vorangebracht wird, zerläuft sie in Rinnsale, die bald austrocknen. Das Dritte ist eine neue Zuwendung der Kirche zur Moderne, zur Welt.

Und drei Irrtümer über das Konzil?

Ich würde das Wort „Irrtümer“ in Anführungszeichen setzen. Aber das Erste, was man etwas verkannt hat, ist: Was kann ein Konzil tun und was nicht? Das Konzil hat zwar viele Dinge angepackt. Aber mit welcher Verbindlichkeit konnte es sich etwa zu Fragen der Gestaltung des politisch-öffentlichen Lebens äußern?
Zudem gab es zum Verhältnis von Lehramt und Theologie, Konzil und Theologie oft falsche Auffassungen. Das Konzil setzt Theologie voraus, betreibt aber nicht Theologie. Die Theologie muss danach Beschlüsse des Konzils aufarbeiten, verfeinern, differenzieren, gelegentlich vielleicht auch korrigieren. Das Konzil hat eine Straße ausgemacht, auf der die Lösung zu finden ist; ich benutze dafür gern das Bild von Leitplanken. Die Richtung ist abgesteckt. Der Weg ist noch breit für die konkrete Spur nach vorne.
Auch hat das Konzil sich bemüht, bei verschiedenen Fragen, der Autorität des Papstes, der Kollegialität der Bischöfe, das Erste Vaticanum miteinzubinden. Und das gilt für viele, viele andere Dinge. Es darf also nicht der Eindruck entstehen: Mit dem Zweiten Vaticanum kam die Morgenröte, alles andere vorher war dunkel und finstre Nacht. In den Jahren 1969/70 gab es eine Stimmung, als wenn jetzt ein ganz neues Zeitalter anfange. Ich erinnere mich an Gespräche mit Kardinal Döpfner, der sehr darunter gelitten hat, wenn es unbedachte, hemdsärmelige Experimente gab: „Ich bin doch jemand, der Freiheit gibt“, sagte er, „warum hauen jetzt so viele über die Stränge?“ Wir waren einfach in den rechten Gebrauch der Freiheit nicht ausreichend eingeübt. So ging es hier und da erst mal nach beiden Seiten in den Straßengraben.

Kardinal Karl Lehmann. Foto: Sascha Braun
Kardinal Karl Lehmann. Foto: Sascha Braun

Manche sagen, in einigen Punkten habe das Konzil mit der Tradition der Kirche gebrochen.

Dies ist auch ein latenter Irrtum, der geschadet hat. Es gilt nur an einigen Stellen. Man muss aber schon ehrlich sagen: Die Texte des 19. Jahrhunderts zur Religionsfreiheit, der „Syllabus errorum“ von 1864 etwa, und die Texte des Zweiten Vaticanums – das ist ein Bruch. Ein Mann wie Ernst Wolfgang Böckenförde, der früh die ersten Kommentare aus rechtsphilosophischer und staatsrechtlicher Sicht geschrieben hat, ein nüchterner Ausleger von Texten, sagt: Die Aussagen des Konzils zur Religionsfreiheit sind fast das Gegenteil, jedenfalls ein Widerspruch zu früher. Andere versuchten mit einer differenzierten, etwas ausgeklügelten Dogmenauslegung zu sagen: Es ist doch dasselbe. Ich setze einen anderen Akzent: Es sind in den Jahren 1864 und dann 1965 ganz andere Umstände gewesen, und es gibt Gründe, warum sich die Haltung der Kirche in diesem Punkt geändert hat.

Welche?

Der Kontext und die Gegner waren ganz andere, die Auseinandersetzungen schärfer. Für den Liberalismus des 19. Jahrhunderts, der praktisch auch die Wahrheitsfrage torpediert hat, bedeutete Religionsfreiheit: Jeder soll nach seiner Fasson selig werden. Dagegen hat das Konzil, vor allem unter dem Einfluss US-amerikanischer Bischöfe und Theologen sehr gezielt, gut argumentierend Religionsfreiheit positiv begründet. Aber es hat nicht mehr die Frage behandelt, wie sich die Gewährung dieser allseitigen Religionsfreiheit für alle Menschen vereinbaren lässt mit dem eigenen Anspruch auf Wahrheit. Und so kam es nachher – etwas anders auch im Blick auf die Ökumene – mehr oder weniger zu dem Schlagabtausch mit den Traditionalisten.

Viele berufen sich auf den Geist des Konzils. Gibt es den?

Den Geist gibt es nur im Buchstaben. Der Geist schwebt nicht über den konkreten Aussagen, wenn er freilich sich mit den Sätzen deckt und erschöpft. In den Texten ist vieles zu einem Konsens gebracht, was vorher oft weit auseinanderlag. Etliche Dinge waren für die Kirche neu, auch wenn es in den Jahrzehnten vorher dazu Anstöße gegeben hat. Zum Beispiel bei der wichtigen Frage nach dem Heil der Nichtchristen. Dazu gibt es Texte in „Lumen gentium“, in „Gaudium et spes“, im Dekret über den Laienapostolat, im Missionsdekret, die wirklich innovatorisch sind gegenüber der durchschnittlichen Theologie vorher. Karl Rahner und andere haben hier Neuland geschaffen, aber vieles lag auch einfach in der Luft.

Der spätere Präfekt der Glaubenskongregation etwa, der kroatische Kardinal Seper, war ein kluger Seelsorger. Er hat aus seiner seelsorglichen Erfahrung in Kroatien heraus gesagt: Was sind das für Leute, die mit der Kirche gebrochen haben und zum Teil Kommunisten wurden? Sind sie alle verdammt? Mein Nachbar ist doch gar kein so übler Mann, auch wenn er nicht in die Kirche geht. Er lebt anständig, setzt sich für andere ein. Daher hat man sich die Frage gestellt: Wird wirklich nur eine kleine Zahl von Menschen gerettet? Aber dies ist natürlich kein automatischer, leichtfertiger
Heilsoptimismus, wie er da und dort vertreten wurde.

Das klingt nach einer Aufgabe des Konzils, die weiter bearbeitet werden muss. Wo sehen Sie weitere?

Ein Beispiel ist die Ökumene. Da gibt es Aussagen, wo gesagt wird: Die Kirche Jesu Christi „subsistiert“ in der römisch-katholischen Kirche, ist also in ihr wahrhaft gegeben. Aber man hat zugleich gesagt, die anderen Kirchen haben gestuft in verschiedener Weise realen Anteil am Kirchesein, nicht nur so, dass der Einzelne gerettet werden kann. Wie sich das aber zueinander verhält, dies diskutieren wir heute noch. Teils sind Dinge extensiv interpretiert worden, teils wurde restriktiv darauf geantwortet. So kam es zu keinem echten Austausch. Auch Fragen aus der Offenbarungskons-titution, die stiefmütterlich rezipiert worden ist, sind offen: Wie steht es um die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift? Wie ist ihre göttliche Inspiration zu verstehen? Zu Ende gedacht sind auch nicht die Ausführungen in „Gaudium et spes“, etwa zur Lehre vom sogenannten Ehezweck. Beide gehören zusammen: Fortpflanzung und gegenseitige Hilfe. Man darf die beiden Sinnbestimmungen nicht gegeneinander ausspielen. Andere Beispiele wären die Kirchenmitgliedschaft oder das Pries-terbild.

Jetzt beginnt ein „Jahr des Glaubens“. Welches Thema sollte die Kirche da besonders beackern?

Ich glaube, dass die Gottesfrage viel, viel tiefer und viel, viel herausfordernder geworden ist, als sie es damals war. Wir haben inzwischen eine ganz außerordentliche Diesseitsmentalität ent-
wickelt. Säkularisierung ist noch ein harmloses Wort dafür. Da ist es außerordentlich schwierig, zur
Frage nach einem Sinn des Lebens zu gelangen, der jenseits unserer Geschichte liegt. Ein Großteil der Menschen, auch wir, leben oft in einem Gefühl, als ob wir mehr oder weniger eine unendliche Offenheit hätten in die Zukunft. Es ist sehr schwer geworden, in richtiger Weise ein Bewusstsein für Transzendenz zu wecken.

Es fehlt das Bewusstsein, dass es mehr gibt als nur das Sichtbare?

Es geht dabei auch um die Frage: Ist nach dem Tod alles aus? Gibt es für meinen persönlichen Glauben die Gewissheit, dass das, was in diesem Leben nicht gelingt, zur Verantwortung gezogen wird? Gibt es Gott? Oder gibt es Gott nicht? Schon die Frage verdampft und verdunstet heute oft.

Oft diskutiert wird ein weiteres Konzil. Wäre es im 21. Jahrhundert nicht besser, wenn sich alle Kirchen zusammentun und gemeinsam überlegen, wie sie die christliche Botschaft vermitteln?

Einerseits könnte in unserer Mediengesellschaft ein solches Ereignis nicht hoch genug geschätzt werden. Auf der anderen Seite ist die Kapazität solcher Versammlungen, wirkliche Lösungen zu formulieren, gering. Schauen Sie, was für ein armseliges Gebilde der Weltkirchenrat geworden ist in seinem Bemühen, die nichtkatholischen Christen zusammenzuführen. Und seit bald 50 Jahren versuchen die Orthodoxen ein panorthodoxes Konzil zu organisieren. Das ist schon quälend. Ein Großereignis mit umfangreichem gesellschaftlichen Echo gelingt nicht immer. Eine andere Ebene, auf der viel zu bewirken wäre, sind die vorhandenen Gremien wie Bischofssynoden. Aber wenn diese etwa drei Wochen lang tagen, kriegt das bei uns auch der interessierte Normalverbraucher kaum mit. Und wenn es weitere zwei Jahre dauert, bis ein Text herauskommt, ist die Aufmerksamkeit vorbei.

Wie müsste denn eine erfolgreiche Synode aussehen?

Wenn wir mit dem Instrument Synode arbeiteten, nähmen zwei oder drei Fragen und 150 bis 200 Delegierte, käme man wahrscheinlich weiter. Dabei wird uns nicht erspart bleiben, dass jeder genau sagt, was er will, und dies auch formuliert wird. Dann geht es darum, ob der Einzelne zustimmen kann. Man muss streng an einem Text arbeiten. Es ist eine beglückende Erfahrung, wenn wir etwas Gemeinsames sagen und auch gemeinsam handeln können.

Zu welchen zwei, drei Themen sollte eine Synode denn tagen?

Mögliche Themen heute wären etwa der Diakonat der Frauen, die Frage nach geschiedenen Wiederverheirateten, unter Umständen eine Öffnung der Ämter unabhängig vom Diakonat der Frau. Das sind Dinge, die könnte man bei einer Synode behandeln. Ob dies bei einer Synode auf römischem Podest oder im deutschen Kontext behandelt wird, ist dann eine zweite Frage. Ohne die ganze Kirche geht es bei einer immer engeren Welt nicht. Noch wichtiger ist die Stärkung unseres Glaubens.

Interview: Ulrich Waschki und Roland Juchem