05.10.2016

Engagement für Flüchtlinge und Integration

"Es geht um Menschen!"

Vergangene Woche trafen sich kirchliche Experten in Rom, Berlin und Frankfurt, um über die Flüchtlingskrise und Hilfen zu beraten. Selten gab es in den vergangenen Jahren ein gesellschaftliches Megathema, bei dem die Kirche sich so eindeutig positioniert.

 

Kardinal Reinhard Marx begrüßt Bundeskanzlerin Angela Merkel beim St.-Michaels-Empfang in Berlin. Foto: kna-bild

In Rom beschwört Papst Franziskus die politisch und militärisch Verantwortlichen, die Gewalt in Syrien zu beenden. „Wir scheinen uns in einer ausweglosen Spirale aus Arroganz und Tatenlosigkeit zu befinden“, sagt er bei einer Konferenz von 40 Hilfsorganisationen und Kirchenvertretern aus Nahost, an der auch der UN-Sondergesandte für Syrien, Staffan de Mistura, teilnimmt. Die Massenmigration, so der Papst, wirke sich bis weit über die Grenzen der betroffenen Länder aus.

Parallel beraten in Frankfurt/Main Fachleute beim zweiten „Flüchtlingsgipfel“ der katholischen Kirche über ihre bisherige Arbeit. Schwerpunkte sind Integration und gesellschaftlicher Zusammenhalt. Dabei kritisiert Hamburgs Erzbischof Stefan Heße, der als Beauftragter der Bischofskonferenz eingeladen hat, Symboldebatten etwa um Obergrenzen und Kopftücher. Und er warnt: „Wer die christliche Prägung nur hochhält, um Menschen anderer Kulturen und Religionen fernzuhalten, missbraucht und entwertet das Christentum.“

Zwei Abende zuvor wirft bei einer Podiumsdiskussion in Dresden Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, AfD-Vize Alexander Gauland vor, dass seine Partei „einen Staatsnotstand herbeiredet“. Natürlich funktioniere nicht alles und es gebe überall auch schwarze Schafe, aber: „Ich finde, dass es eigentlich erstaunlich gut läuft.“

 

Katholische Kirche unterstützt Angela Merkels Politik

Gut ein Jahr nach Angela Merkels „Wir schaffen das“ stellt sich Kardinal Reinhard Marx beim Michaelsempfang der katholischen Kirche in Berlin erneut hinter den Satz. Gleichwohl sei man „nach einem Jahr klüger, aber nicht ratlos“. Noch einmal skizzziert er fünf Grundsätze, die aus christlicher Sicht zu beachten sind: 

1. Jeder Schutzsuchende an der Grenze ist menschenwürdig zu behandeln. 2. Jeder verdient ein faires Verfahren. 3. Niemand darf in die Situation von Krieg und Vertreibung zurückgeschickt werden. 4. Alles tun, um den Tod von Flüchtlingen etwa im Mittelmeer zu verhindern. 5. Fluchtursachen bekämpfen. Gleichwohl, räumt Marx ein, müssten die Details der Umsetzung politisch vereinbart werden; das aber ist ein schwieriges Geschäft.

Einen Tag später informiert und berät Marx sich mit Amtsbrüdern aus Frankreich und der Schweiz sowie rund 50 Experten darüber, wie Migration und Integration die kulturelle und religiöse Identität Europas herausfordern. Was bedeutet die Zuwanderung vieler Muslime? Wie verändert sich Demografie? Wie geht friedliches Zusammenleben in einer noch pluraleren Gesellschaft?

Ein Fazit der Woche: Die Kirche nimmt deutlich Partei, stellt sich gegen Ausgrenzung, Abweisung von Flüchtlingen, in Reden und mit Taten. Erzbischof Heße mahnt eine kritische und besonnene Debatte an: „Es geht hier um Menschen.“

Von Roland Juchem