15.08.2014

Bischof Norbert Trelle im Interview

Es wärmt mir Herz und Sinne

Gut viereinhalb Jahre war er Deutschlands größte Kirchenbaustelle, jetzt wird der Hildesheimer Mariendom nach umfangreicher Sanierung feierlich wiedereröffnet. Bischof Norbert Trelle spricht im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Hildesheim über das nötige Fingerspitzengefühl für kirchliche Bauprojekte und Weite und Transparenz als Leitworte kirchlichen Handelns.

 

Als Sie Anfang 2010 symbolisch die Bernwardstür am Dom schließen wollten, herrschte nicht nur klirrende Kälte, sondern auch eine gewisse Wehmut. Wie sind Ihre Gefühle kurz vor der Wiedereröffnung am 15. August?

Um Ihren "Klima-Hinweis" aufzunehmen: Es wärmt mir Herz und Sinne, wenn ich nach viereinhalbjähriger Bauzeit mit vielen Gläubigen unseres Bistums und zahlreichen Ehrengästen endlich wieder die Liturgie in unserem altehrwürdigen Dom feiern kann. Mit einem Wort: Große Freude bei allen!

Worauf freuen Sie sich am meisten?

Der renovierte Dom wird in eindrucksvoller Weise eine Weite, Helligkeit und Transparenz vermitteln, die den Besucher freundlich empfängt. Diese Atmosphäre der Weite, des freundlichen Entgegenkommens, der Offenheit auf Gott und die Menschen hin wird immer die Signatur der Seelsorge sein. Darum freue ich mich darauf, mit den vielen hochengagierten Menschen in unseren Pfarrgemeinden dieses angedeutete Bildprogramm des renovierten Domes in die alltägliche Seelsorge unseres Bistums zu übertragen. Mit Blick auf das berühmte tausendjährige Bronzeportal des heiligen Bernward formuliert: «Porta patet, magis cor!» - «Das Tor steht offen, noch mehr das Herz!»

Spüren Sie nach den Irritationen um die Bauvorhaben im Bistum Limburg eine erhöhte Sensibilität bei kostenintensiven Projekten wie der Hildesheimer Domsanierung?

Schon lange bevor die Vorgänge in Limburg bekannt wurden, sind wir im Bistum Hildesheim offen mit der Domsanierung und deren voraussichtlichen Kosten umgegangen. Wir werden dies auch in Zukunft tun, wenn große Investitionen anstehen. Die Menschen verlangen vollkommen zu Recht, dass die Kirche verantwortungsvoll mit dem Geld umgeht, das sie ihr zur Verfügung stellen.

Nicht nur der Dom, auch die Umgebung inklusive des fast fertigen Dommuseums ist kaum wiederzuerkennen. Wie kann der äußerlichen Erneuerung auch eine innere Erneuerung der Kirche im Bistum Hildesheim folgen?

Erneuerung geschieht ständig in der Kirche und gehört zu ihrem Wesen. Wir haben in unserem Bistum vor über drei Jahren unter dem Leitwort "Lokale Kirchenentwicklung" einen pastoralen Erneuerungsprozess angestoßen. Wir schauen konkret in die Gemeinden, wie die Kirche vor Ort ein je eigenes Profil gewinnen kann, vor allem auf dem Hintergrund der Zusammenlegung von Pfarrgemeinden in den zurückliegenden Jahren. Mancher Frust war entstanden, ihn galt es zu überwinden. Aufgabe wird es auch in Zukunft sein, die Chancen, die in den neu entstandenen, größer gewordenen Pfarreien  liegen, wahrzunehmen, Begabungen und Stärken aller Getauften neu zu nutzen, aber auch mutig genug zu sein, Lücken ohne Murren offen zu lassen, wenn man sie derzeit nicht schließen kann.

Dass das Bistum aus Kostengründen die Schließung vieler Kirchen und zugleich die millionenteure Domsanierung ankündigte, sorgte 2008 für Unmut. Wie erleben Sie die Stimmung kurz vor der Wiedereröffnung?

Der Dom ist die Kathedrale des Bistums. Darüber hinaus ist er mit seiner bedeutenden Architektur und Ausstattung aber auch ein Monument der Kunst und daher von der Unesco vor Jahren als "Weltkulturerbe" der Menschheit ausgezeichnet worden. Ihn für kommende Generationen zu erhalten, ist daher eine große Verantwortung, der sich das Domkapitel und der Bischof immer verpflichtet wussten. Eine Grundsanierung war daher unabweisbar notwendig. Dass diese nur mit viel Geld zu realisieren war, war allen von vornherein klar. Der zeitliche Zusammenhang mit der Schließung von Kirchen in unserem Bistum hat natürlich Unmut und manch heftige Diskussion ausgelöst. Davon ist aber fast nichts mehr zu spüren. Je näher die Wiedereröffnung heranrückt, desto größer ist bei den Menschen die Vorfreude.

Die 1.200-Jahrfeiern des Bistums Hildesheim tragen das Leitwort "Ein heiliges Experiment". Was bedeutet das für Sie?

Das Motto für unser Bistumsjubiläum hilft uns, unverkrampft auf unsere Geschichte zu blicken: auf beeindruckende Lebenszeugnisse vieler Menschen und die großartigen Kunstschätze, die von 1.200 Jahren Glaubensgeschichte erzählen; aber auch auf die Versäumnisse und Fehlentwicklungen in unserer Geschichte. Mit offenen Augen sehen wir, dass es vielleicht zu keiner Zeit anders war als heute - wir experimentieren. Es ist ein Prozess des gemeinsamen Lernens, die Suche nach dem Heiligen in dieser Welt. Insbesondere die bereits erwähnte Lokale Kirchenentwicklung setzt hier an. Wo alles sich wandelt, forschen wir nach dem Bleibenden.

Inwiefern entspricht der "neue" Mariendom Ihrer Vision eines Kirchenraums für das 21. Jahrhundert?

Sehr oft habe ich erlebt, dass Menschen «ihren» Platz in einer Kirche suchen und diesen gern immer wieder einnehmen. Vielleicht ist dieses Phänomen ein Ausdruck der Individualität unserer Zeit. Der Dom bietet viele solcher Orte, an denen der einzelne Ruhe und Geborgenheit finden wird. Diese zeitgemäße Gestaltung verbindet sich mit dem Reichtum unserer Tradition: Die Art und Weise, wie die großartigen romanischen Kunstschätze nun angeordnet sind, geben dem Raum große Klarheit und bieten den Menschen, die auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens sind, eine Antwort an: die Hoffnung auf Christus. Seinen höchsten Zweck erfüllt der Raum jedoch dann, wenn er - wie es das Zweite Vatikanische Konzil fordert - dazu dient, dass sich die Gläubigen darin versammeln, um Gottesdienst zu feiern. Kurzum: Der Raum des Domes dient der Liturgie und ist zugleich ein Verweis darauf, dass uns der Himmel offensteht.

kna