11.07.2016

Gisela Wichern aus Sittensen hat sich der Ikonenmalerei verschrieben

Gemalte Fenster zum Himmel

Es ist eine besondere Leidenschaft, der sich Gisela Wichern verschrieben hat: sie malt seit vielen Jahren Ikonen. „Das entschleunigt und wirkt tief in der Seele“, sagt die 57-Jährige.

Millimeterarbeit: Dank der Lupe ist es möglich, die Konturen ganz genau zu treffen. Gisela Wichern braucht zum Schreiben ihrer Ikonen vor allem eine sehr ruhige Hand. Foto: Martina Albert

Unter dem Dach ihres Hauses in der niedersächsischen Gemeinde Sittensen in der Nordheide hat Gisela Wichern ihr Atelier eingerichtet. Die Regale sind vollgepackt mit Pinseln, Farbpigmenten und Fachliteratur. Auf Staffeleien stehen ihre neuesten Werke, auf einem großen Tisch liegen drei in Tücher eingeschlagene Ikonen. Sie sind im letzten Stadium vor der Fertigstellung: Sie trocknen bis zu sechs Monate. Denn die Farben, mit denen die Ikonen gemalt werden, sind mit Eigelb gebunden und brauchen entsprechend lange um restlos zu trocknen. Am Ende wird die Ikone mit Leinöl versiegelt. Ebenfalls auf dem Tisch liegt ein neues Werk – noch sind nur Konturen der Figur und erste Farben zu sehen. Es wird eine Muttergottes-Ikone.

Arbeit zieht sich bis zu zwei Monate hin

Behutsam mischt Gisela Wichern, die gelernte technische Zeichnerin ist, einen rötlichen Farbton aus Farbpigmenten, Eigelb und etwas Essigessenz und beginnt, Pinselstrich für Pinselstrich an der Ikone zu arbeiten. Bis zu zwei Monate arbeitet sie an einem Exemplar. Stunden schreibt sie sich ganz bewusst nicht auf. „Ich schreibe ja auch nicht auf, wie lange ich bete“, sagt sie. Denn das Ikonenmalen oder wie es ganz klassisch heißt, Ikonen schreiben – das ist ein meditativer, spiritueller Prozess. „Es ist eine Form des Gebets“, sagt Gisela Wichern. Denn Ikonen sind der Idee nach das geschriebene Wort Gottes im Bild. „Ikonen sind Fenster zum Himmel – nicht ich schaue die Ikone an, sondern die Ikone schaut mich an“, berichtet die 57-Jährige.

Am Arbeitstisch von Gisela Wichern sind schon viele Ikonen entstanden. Foto: Martina Albert

Und so versteht Gisela Wichern das Schaffen einer Ikone auch nicht als Kunst, sondern als Handwerk. Denn sie werden nicht frei gestaltet, sondern nach ganz klaren Vorlagen. „Gerade das hat auch seinen Reiz, ich selbst nehme meine Vorstellungen zurück und lasse das Bild, so wie es gedacht ist, langsam entstehen. “ Vor vielen Jahren ist Gisela Wichern zur Ikonenmalerei gekommen. Schon als junge Frau fühlte sie sich zur Spiritualität hingezogen, las Bücher und Zeitschriften zum Thema. Als sie Ende der 80er-Jahre einen Artikel über eine Ikonenmalerin in Hamburg findet, ist sie fasziniert. Aber erst einige Jahre später macht sie einen einwöchigen Ikonenmalkurs in Gnadenthal bei der Christusbruderschaft. Ihr Mann hütet in dieser Zeit die drei kleinen Kinder zu Hause. „Da habe ich gemerkt, wieviel mir das bedeutet“, erinnert sie sich. Sie macht weitere Kurse. Solange, bis eine ältere Malerin zu ihr sagt: „Hören Sie auf Kurse zu machen, malen Sie.“ Gisela Wichern hält sich an den Ratschlag, hat seitdem über 80 Ikonen geschaffen. Regelmäßig stellt sie sie aus, verkauft immer wieder Exemplare, arbeitet auch auf Bestellung. Als Malerin arbeitet sie jedoch nicht nur an Ikonen, sondern schafft auch an andere Bilder – meist mit Mischtechnik.

Gisela Wichern trennt ein Ei. Das Eigelb wird mit Essigessenz und Farbpigmenten vermischt. Foto: Martina Albert

In ihrem Atelier bewahrt sie die fertigen Ikonen und andere Gemälde auf. Aufgehängt ist im Haus nur eine einzige: ein Christophorus hängt im Wohnzimmer. „Ikonen sind sehr präsent. Das kann auf Menschen die sich nicht so damit beschäftigen, etwas erdrückend wirken“, weiß sie. „Ikonen sind ja auch keine Dekorationsobjekte, sondern Gebets- und Meditationshilfe.“

Farbpigmente, Pinsel in jeder Form und Stärke –  so sieht der Arbeitsplatz einer Ikonenmalerin aus. Foto: Martina Albert

„Die Dunkelheit wird bewältigt“

Der Vorgang des Ikonenmalens ist immer gleich. Auf eine vorbereitete entharzte Holztafel werden mehrere Schichten Kreide aufgetragen, in die mit einer Reißnadel die Konturen geritzt werden. Danach wird die Grundierung für die Vergoldung vorbereitet und schließlich das hauchdünne Blattgold aufgetragen und poliert. Im Anschluss beginnt Gisela Wichern die dunkelsten Farben aufzutragen, schafft Hintergründe und arbeitet sich in die hellen Bereiche hinein. „Dieser Prozess nennt sich ,die Dunkelheit wird bewältigt’“, erklärt sie. Ganz zum Schluss kommt die dargestellte Person an die Reihe. Erst die Gewänder, dann das Gesicht. „Man nähert sich langsam an. Das ist oft ein intensiver Prozess. Man begegnet in ihm der Person, die man abbildet“, sagt sie.

Was entsteht, sind Ikonen mit Strahlkraft und Ausdruck.  „Sicher wird man mit der Zeit handwerklich besser, aber letztlich ist Ikonenmalerei eine Herzenssache und keine Angelegenheit der Perfektion“, betont Gisela Wichern. Denn Ikonen sollen stärken, Kraft geben und „das Fenster zum Himmel öffnen“. Dass Ikonen etwas statisch wirken, hat den Sinn, den Betrachter selbst zur Ruhe zu führen. Ihre erste Ikone hat Gisela Wichern vor vielen Jahren an die Eltern ihres herzkranken Patenkindes verschenkt – als ein Stück Trost vom Himmel.

Martina Albert

 

Wer mehr über Gisela Wichern und ihre Arbeit erfahren will, erreicht sie über ihre Homepage www.fenster-zum-himmel.de