14.04.2016

Ein diplomatisches Meisterstück

Gemeinsam für Flüchtlinge

Was bewirkt das Treffen von Papst Franziskus und dem Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I., am Samstag auf Lesbos? Es geht nicht nur um ein Zeichen für die Flüchtlinge. Ein Hintergrundbericht.

Für Patriarch Bartholomaios geht es am Samstag auf Lesbos nicht nur um Flüchtlinge oder die Freundschaft zu Papst Franziskus. Es geht um die Rechte und die Anerkennung des Ökumenischen Patriarchats. Foto: kna-bild

Der Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I., hatte sich schon länger darum bemüht, eine Begegnung mit dem Papst noch vor dem Orthodoxen Konzil im Juni auf Kreta sicherzustellen. Es gab sogar Vermutungen, dass ein Blitzbesuch von Franziskus beim Konzil selbst angepeilt werden könnte. Diese Bemühungen intensivierten sich nach dem historischen Zusammentreffen von Franziskus mit dem russischen Patriarchen Kyrill I. Mitte Februar in Havanna. 

Dem Vernehmen nach ging die jetzige Initiative von Franziskus mit seinem persönlichen Schreiben aus, in dem er Bartholomaios I. über den Kirchengipfel auf Kuba informierte. Weder der Phanar in Istanbul noch der Vatikan wollten den Eindruck entstehen lassen, dass die neue Achse vom ersten Rom zum "Dritten Rom", Moskau, auf Kosten der sehr guten, bis auf Johannes XXIII. (1958-1963) zurückgehenden engen Beziehung zum Ökumenischen Patriarchat ginge. 

Ende März schlug der Ökumenische Patriarch dem Papst den gemeinsamen Besuch eines Lagers auf der griechischen Insel Lesbos vor, eine Agape mit den Flüchtlingen und ein Totengedenken für die vielen Opfer der heimlichen Überfahrt von der türkischen Küste. 
 

Humanitärer Akt  und Zeichen von Freundschaft

Bei diesem humanitären Akt will Bartholomaios I. allerdings nicht nur seine - durch keinerlei Störversuche aus Moskau zu erschütternde - ökumenische Verbundenheit und persönliche Freundschaft mit Franziskus unter Beweis stellen. Auf Lesbos unterstreicht er zugleich die Zugehörigkeit dieser und anderer Inseln sowie von ganz Nordgriechenland zum Ökumenischen Patriarchat. 

Der Hintergrund: Die Kirche von Griechenland hatte sich erst mit der staatlichen Unabhängigkeit vom türkischen Sultan auch vom Patriarchat im damaligen Stambul getrennt. 1863 und 1882 fielen ihr bei der Ausdehnung des griechischen Territoriums weitere Bistümer von Konstantinopel zu. 

Erst der große Gebietszuwachs Griechenlands vor und im Zuge des Ersten Weltkriegs wurde kirchlich nicht mehr mitvollzogen. Da das Ökumenische Patriarchat in der Türkei bis 1923/24 fast all seine Gläubigen durch Massaker oder Vertreibung einbüßte, sollte es nicht weiter geschwächt werden. Ihm blieben zwar daher seine letzten Bistümer auf griechischem Boden - doch wurde die Kirche von Griechenland mit ihrer Verwaltung beauftragt. 
 

In der Praxis kam das einem Zusammenschluss gleich - bis Patriarch Bartholomaios I. seit den 1990er Jahren wieder auf seine Rechte zu pochen begann. Das führte unter dem Athener Erzbischof Christodoulos schon einmal bis zum Abbruch der kirchlichen Gemeinschaft zwischen Patriarchat und griechischer Nationalkirche. Neue Spannungen stellten sich zuletzt mit dem zuvor lange konstantinopelfreundlichen Erzbischof Hieronymos Liapis ein. Dieser nahm deswegen im Januar nicht an dem orthodoxen Gipfeltreffen in Chambesy zur Vorbereitung des Konzils teil.

 

Hieronymus kommt mit nach Lesbos - und erntet auch Kritik

Nun aber kommt der Athener Erzbischof mit nach Lesbos. Er nahm die Einladung von Bartholomaios I. an - und bekräftigt damit dessen kirchliche Zuständigkeit für die Insel. Zugleich wird ein neues Einvernehmen zwischen dem Patriarchen und Hieronymos demonstriert. 

Dieses diplomatische Meisterstück des Phanar findet natürlich in Griechenland nicht bei allen Beifall. Der auch sonst für antiökumenische und auch antisemitische Einlassungen bekannte Metropolit Seraphim von Piräus wettert gegen die Zustimmung der griechischen Kirchenleitung zu der "Flüchtlingsshow mit dem römischen Erzoberketzer Franziskus". 

Der "nationalorthodoxe" Metropolit von Argolis auf dem östlichen Peloponnes, Nektarios Antonopoulos, will sein Bistum gleich überhaupt gegen jede "Überfremdung und Islamisierung durch Migranten und Terroristen" abschotten. In Griechenlands ultraorthodoxem Lager werden so Gehässigkeiten und Formalitäten über das Anliegen der Solidarität mit Flüchtlingen gestellt.

kna