04.12.2014

Kommentar

Gemeinsame Pause

Zunächst betrifft es vor allem Videotheken und öffentliche Bibliotheken in Hessen. Doch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zur Sonntagsarbeit wird weitreichende Folgen haben. Ein Kommentar von Ulrich Waschki.

Dieses Urteil wird Folgen haben: Das Bundesverwaltungsgericht hat eine Regelung des Landes Hessen zur Sonntagsarbeit in Teilen gekippt. Ein höchstes deutsches Gericht stärkt den Sonntagsschutz. Das ist gut.

Unstrittig ist ja, dass es einige Bereiche gibt, die am Sonntag nicht ruhen können. Polizei und Feuerwehr, Krankenhäuser, öffentlicher Nah- und Fernverkehr etwa. Dann gibt es aber Grenzbereiche. Und die hat das Bundesverwaltungsgericht etwas eingedämmt.

Videotheken etwa müssen sonntags nicht geöffnet haben, weil man sich eben auch am Samstag mit Filmen versorgen kann. Das Ausleihen von Filmen ist kein „an diesen Tagen besonders hervortretendes Bedürfnis“ für das die grundsätzlich vorgesehene Sonntagsruhe durchbrochen werden darf. Nach dem Richterspruch werden andere Bundesländer ihre entsprechenden Regelungen überprüfen müssen.

Wer schon einmal regelmäßig an Sonntagen arbeiten musste und dafür Freizeit in der Woche bekam, weiß: Die Qualität des freien Sonntags ist eine andere als die eines Wochentages. Am Sonntag ruht die Gesellschaft. Eine gemeinsame Pause, die in der Regel nicht mit Arbeit oder Konsum angefüllt werden kann. Zeit für die Familie, Freunde, den Verein, das Nichtstun – und auch für den Kirchgang.

Allerdings: Die religiöse Begründung für den freien Sonntag ist schon lange nicht mehr konsensfähig. Da muss man nur an Fronleichnam oder Allerheiligen in manche Regionen schauen: Wenn am „Westfalentag“ zum Beispiel die katholischen Münsterländer aus Nordrhein-Westfalen den Kirchgang gegen den Einkaufsbummel in Niedersachsen eintauschen.

In einer Gesellschaft, in der alles immer schneller, immer hektischer zugeht, in dem Produktion und Konsum das Leben bestimmen, ist eine kollektive Zwangspause gesund. Durchatmen. Gemeinsam. Ohne für den freien Tag kämpfen zu müssen. Gut, dass Oberste Richter das genauso sehen.

Man darf sich aber keinen Illusionen hingeben. Bei vielen sinkt das Verständnis für solch scheinbar antiquierte Vorgaben.  Muss doch jeder selbst entscheiden können, was er am Sonntag macht, heißt es oft. Gleichzeitig wächst der Druck auf den freien Sonntag. Im Internethandel gibt es schon jetzt keine Pause.

Callcenter zum Beispiel können auch im Ausland betrieben werden. Und jede Ausnahme vom Sonntagsschutz – verkaufsoffene Sonntage, Bäderregelungen, Brötchen- und Blumenhandel – bereitet der nächsten Lockerung den Weg.