11.11.2011

Einzigartige Vodou-Ausstellung im Überseemuseum

Götter, Geister und Magie

Vodou, das ist Kultur, Lebensart und Symbol des Widerstands in Haiti – einem Land, in dem die meisten Menschen zugleich Katholiken sind. Eine Ausstellung in Bremen zeigt die lebensbejahende Seite dieser Religion – jenseits aller Hollywood-Klischees.

Eine Besucherin staunt über eine fast lebensgroße Figur der Vodou-
Geheimgesellschaft „Bizango". Foto: Matthias Haase

Die soldatenhaften Bizango wären ein Gruselgarant für jede Geisterbahn. Mit ihren menschlichen Schädeln, den Arm- und Beinstümpfen und den gezückten Waffen legen sie Zeugnis ab von den Schlachten, die sie geschlagen haben. Spiegelfragmente als Schutz vor Feinden funkeln in den Augenhöhlen der fast lebensgroßen Figuren. Münder sind zum Schrei aufgerissen. Stricke und Ketten bändigen die Kraft der Krieger.

Bizango – so heißt eine Vodou-Geheimgesellschaft in Haiti. Ihre Objekte sind normalerweise nur eingeweihten Mitgliedern zugänglich. Sie symbolisieren die blutige Landesgeschichte und die Sklavenaufstände. „Vodou spielte eine große Rolle im Widerstand gegen die Kolonialmacht und ist in Haiti bis heute wichtig im Kampf gegen Unterdrückung“, sagt Wiebke Ahrndt, Direktorin des Bremer Überseemuseums. In einer Sonderschau zeigt das Museum die geheimnisvolle Welt des Vodou mit ihren Göttern, Geistern und Geheimgesellschaften.

Die meisten Haitianer sind Anhänger dieser Religion. Auch wenn 80 Prozent der Einheimischen zugleich an den christlichen Gott glauben. Vodou ist untrennbar mit dem Land verbunden, es umfasst die gesamte Gesellschaft, ist Kultur und Lebensart. „Kein Christ, ob Protestant oder Katholik, hat es in Haiti jemals geschafft, in diesem Maße zur Bevölkerung durchzudringen“, sagt Max Beauvoir. Der Vodou-Priester ist ein gebildeter Mann. Er hat an französischen und amerikanischen Universitäten studiert, arbeitete als Biochemiker – und versteht sich heute als Aufklärer. Denn oft werde die Vodou-Tradition als ein Wirrwarr aus Geheimnissen und Zaubersprüchen dargestellt.

Lebensbejahende Religion mit dunkler Seite

Aufklären möchte auch die Ausstellung im Überseemuseum. Ob Nadelpuppen, Hühnerblut oder Zombies: „Unsere westliche Sicht ist voller Klischees“, sagt Direktorin Ahrndt. Vodou habe durchaus eine dunkle Seite, sei aber insgesamt „eine lebensbejahende Religion mit Moralvorstellungen“. Nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti im vergangenen Jahr beispielsweise halfen Vodouisten nicht nur materiell, sondern auch beim Wiederaufbau des sozialen Netzes.

Die Schau in Bremen zeichnet ein Bild dieser Religion mit ihren afrikanischen, indianischen und christlichen Wurzeln. Vodou als Teil des täglichen Lebens – das vermitteln Gegenstände und die damit zusammenhängenden Rituale: reich verzierte Flaggen, Skulpturen, dekorierte Krüge, Spiegel und Figuren.
 

Katholischer Glaube und Vodou - viele Haitianer sind in beiden zu
Hause. Foto: Thomas Kern

Im Vodou gibt es einen höchsten Gott, Bon Dieu. Darunter befinden sich 401 göttliche Wesen, die Loa, detaillierte Bilder von Gott. Sie verkörpern unterschiedliche kosmische Prinzipien wie etwa Leben und Tod, sind geistige Wesen, besitzen einen individuellen Charakter und werden in Zeremonien angerufen. Sie lassen nach Vodou-Verständnis Rat und Hilfe zuteil werden und erwarten dafür menschliche Hingabe (Opfer) und Respekt. Loa werden oft abgebildet wie christliche Heilige, was daran liegt, dass Vodou über Jahrhunderte von Christen verfolgt wurde.

Der Bremer Propst Martin Schomaker kann durchaus Paral-lelen zwischen Christentum und Vodou erkennen: Opfergaben zum Beispiel oder den Gedanken, dass das Gebet zu Gott aufsteigt. Dennoch, sagt er, bleibe ihm diese Religion fremd – die Zeremonien im Tempel, Gesänge, Tänze und Trance zu Trommelmusik.

Bremer Propst diskutiert mit Vodou-Priesterin

Schomaker war nicht nur in der Ausstellung, er hat sich auch auf eine öffentliche Diskussion über Spiritualität und Glauben eingelassen – mit einer Vodou-Priesterin. Berührungsängste hat Schomaker nicht. Immerhin wurde er schon während seines Studiums in Brasilien mit Kultreligionen konfrontiert. „Verhängnisvoll wäre, wenn wir sie unterdrücken würden“, sagt er und fordert zur Toleranz auf: „Als Christen sollten wir uns für Religionsfreiheit einsetzen und nichts ablehnen, was anderen Gläubigen wahr und heilig ist.“ Vorausgesetzt, deren Praktiken richteten sich nicht gegen die Menschenwürde. In einem Land wie Haiti geht es zugleich um Inkulturation. Dies geschieht, wenn die christliche Botschaft in eine bestimmte Kultur eindringt. Ein Spannungsfeld. „Bei aller Toleranz darf unsere katholische Identität nicht verlorengehen“, betont Schomaker.

Anja Todt

 

Rada-Altar. Foto: Matthias Haase

Was ist Vodou?

Mit Vodou oder auch Vodun, Voodoo, Voudou oder Vaudou werden verschiedenen Religionen in Afrika und Amerika bezeichnet. Der Begriff stammt aus den in Westafrika gesprochenen Gbe-Sprachen. Er wird mit „Hineinsehen in das Unbekannte“ übersetzt, aber auch mit „Gott“ oder „Geist“. Zu den afroamerikanischen Religionen zählen – neben dem haitianischen Vodou – Voodoo in den USA, Santeria auf Kuba, die Maria-Lionza-Religion in Venezuela sowie Candomblé, Macumba und Umbanda in Brasilien.

Der Vodou Haitis resultiert aus der komplexen Besiedlungsgeschichte dieses Landes. Die aus dem Süden Amerikas eingewanderten Taino bildeten vor der Ankunft von Kolumbus 1492 die größte Bevölkerungsgruppe auf der Insel Hispaniola. Ab dem 16. Jahrhundert importierten die Spanier dorthin Sklaven aus Westafrika. Aus den Religionen dieser Sklaven bildete sich der Vodou Haitis heraus – vermischt mit indianischen und katholischen Elementen.

Heute sind über 90 Prozent der Haitianer Vodouisten. Gleichzeitig bekennen sich die meisten von ihnen auch zum Katholizismus. 2003 wurde Vodou Staatsreligion – unter der damaligen Präsidentschaft des katholischen Priesters Jean-Bertrand Aristide.
 

Ausstellung:

„Vodou – Kunst und Kult aus Haiti“ wird im Bremer Überseemuseum, Bahnhofsvorplatz, bis zum 29. April 2012 präsentiert – zum letzten Mal in Europa. Öffnungszeiten: dienstags bis freitags von 9 bis 18 Uhr, samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr. Weitere Informationen, auch zum Begleitprogramm, unter www.uebersee-museum.de