17.03.2014

Ist Fasten nur gut für Körper und Gewissen oder führt es auch zu Gott?

Gott und die Schokolade

Die Fastenzeit ist längst raus aus der katholischen Miefecke. Fasten ist nicht länger eine leibfeindliche Bußübung, sondern ein gesundheitsorientiertes Wellness-Programm, ein moderner „Lifestyle“.

Verführerisch lecker: Auf Schokolade und andere Süßigkeiten wird in der Fastenzeit häufig verzichtet. Foto: imago/Jochen Tack

Und Fasten ist politisch korrekt, zumal, wenn nicht nur auf Nahrung und Genussmittel verzichtet wird. Autofasten, Handyfasten, Fernsehfasten, Plastikfasten, Stromfasten – kaum ein Lebensbereich ist ausgenommen. Es ist ja auch etwas dran an der Konsumkritik. So riet der Berliner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, in den sieben Wochen vor Ostern zu erkennen, „dass die Sorge nur um unser eigenes Wohlergehen auch nicht wirklich glücklich macht“.

Der Misereor-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel erklärte, die Fastenaktion wolle „auf den Zusammenhang zwischen den Ursachen des weltweiten Hungers und unserem Lebensstil und Konsumverhalten aufmerksam machen“. Und ein anglikanischer Geistlicher kündigte an, während der gesamten 40 Tage nur von Wasser und Fruchtsaft leben zu wollen – aus Protest gegen die wachsende Armut in Großbritannien. In einem Interview mit der BBC forderte er auf, sich seinem Protest anzuschließen: „Ich hoffe, dass andere mitmachen und für einen Tag, eine Woche oder so lange sie fasten können, in Solidarität mit der halben Million hungriger Briten.“

Komme ich durch Chips-Verzicht Gott näher?

Alles richtig. Aber ist Fasten und Verzicht wirklich nicht mehr als Konsumkritik und Solidarität? Was hat der Verzicht auf Chips und Schokolade, auf Verpackungsmüll, Stromfresser und Feierabendbier mit Gott zu tun und mit dem Versuch, in der „Österlichen Bußzeit“ Gott wieder näherzukommen?
„Gott durch Verzicht  näherkommen, ist so eine Sache“, sagt Pater Michael Plattig, Leiter des  Instituts für Spiritualität an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Münster. „Wenn ich auf etwas verzichte, was mir schaden kann, dann nehme ich eher meine Verantwortung für mich selbst wahr, die ich von Gott bekommen habe.“

Für ihn geht es gerade bei den „Kleinigkeiten“ wie Alkohol oder Schokolade darum, eigene Abhängigkeiten zu erkennen. „Ich will als Christ einzig abhängig sein von Gott, das kann ich durch einen Verzicht erkennen, gerade wenn er schwerfällt.“ Und auch dann, wenn es keine ernsten Abhängigkeiten sind. „Johannes vom Kreuz hat gesagt: ‚Egal ob ein Vogel mit einem Bindfaden oder mit einem Schiffstau angebunden ist: Er ist angebunden!‘“ Deshalb diene fasten, so Plattig, der Freiheit.

Gefahr: Alibiverzicht

Von Verzicht als Buße oder Sühne hält Plattig dagegen wenig. „Früher hat das eine Rolle gespielt. Aber das ist schwierig, wenn es keinen inhaltlichen Zusammenhang gibt zwischen dem, wo ich schuldig geworden bin und dem Verzicht. Das wird dann schnell zum Alibiverzicht.“ Auch verzichten, um Gott ein Opfer zu bringen, kann es für ihn nicht sein. „Ich habe was davon, nicht Gott“, betont der Karmeliterpater. „Andererseits hängen Glaube und Leben, Selbsterkenntnis und Gottes-erkenntnis eng zu sammen.“ Und so kann dann eben doch auch der „kleine Verzicht“ frei machen für den großen Gott.

Von Susanne Haverkamp