16.11.2016

Themenwoche "Mein Gott"

"Gottes Wort ist nichts fürs Museum"

Sie hat ihren Glauben durchwacht, durchbetet, durchdacht: Regina Groot Bramel, eine Profi-Gottsucherin im Porträt.

Regina Groot Bramel
Foto: Johannes Becher

Regina Groot Bramel, Jahrgang 1960, ist Mutter vieler Kinder und Pflegekinder, Sozialpädagogin, Religionslehrerin und Reittherapeutin. Sie lebt mit ihrer Familie und vielen Tieren in der ländlichen Idylle des hessischen Mittelgebirges. Dort verwirklicht sich ihr Kindheitstraum von einem Haus, in dem Platz ist für Alt und Jung, Verwandte und Freunde. – So stellt der Verlag Patmos sie in ihrem neuen Buch „Blickkontakt“ vor. Neugierig geworden auf diese Frau? 

Es geht unter die Haut – wenn sie in einem ihrer Texte von der jungen Mutter erzählt, die Abschied nehmen muss von ihrem toten Sohn. 20 Jahre später muss sie sein Kindergrab abräumen und erinnert sich an die Tage der Tränen: „Ich habe zum ersten Mal eine Ahnung davon gekommen, was gemeint sein kann, wenn es im Glaubensbekenntnis heißt, ‚dass du hinabgestiegen bist in das Reich des Todes‘. Du hast mich da ganz unten gefunden und besucht, als ich in der Welt der Lebenden mit niemandem reden konnte, hast mir zugehört, obwohl ich immer nur das Gleiche gedreht und gewendet habe. Du hast meine ersten Schritte gestützt, als ich mich langsam nach oben traute.“

Da ist nichts Blauäugiges. Dieser Glaube ist zuerst durchwacht. Dann durchbetet. Zuletzt gewiss auch durchdacht. Warum sie so voller Gottvertrauen lebt? „Ich habe schon als Kind gewusst, dass Gott nicht der ist, der seinen Sohn opfert. Der das blutige Kreuzesopfer braucht. Sondern: dass er uns als Söhne und Töchter angenommen hat. Dass Versöhnung mit Gott so gemeint ist: als Adoption. Mein Gott ist menschlich. Das ist der Gott, der gerne im Stall ist; der schon im Stall geboren ist. Ein Gott, der kein geschädigtes Leben wegwirft; der die Dinge nicht richtet, sondern herrichtet und heilt. Mein großer Bruder Jesus. Das ist mein Gott. Und der Gott, der die ganze Welt erschaffen hat – vor allen Dingen die Pferde.“

 

Die "Beiköche Gottes"

Im Glauben an diesen Gott hat sie gemeinsam mit ihrem Mann vor vielen Jahren entschieden, anderen Geschöpfen, „die niemand wollte“, ein Zuhause zu geben. Sie und ihr Mann als „Beiköche Gottes!“. Sie erleben, wie verletzt die Seelen von Kindern sein können. Wie unendlich viel Liebe, Zuwendung und Geduld es braucht, bis zusammenwächst, was fortan zusammengehören soll.   

Und wie geht das, „den Glauben weitergeben“? Rituale sind wichtig, sagt sie. „Na klar beten wir! Sonst wäre es ja schlecht.“ Selbstverständlicher kann es nicht klingen. Und überzeugter. Natürlich gebe es Phasen, in denen der Zugang bei den heranwachsenden Kindern nicht so leicht da sei. Dann helfen die Rituale: Vor oder nach dem Sonntagsgottesdienst wird am Tisch über die Bibeltexte gesprochen. Biblische Geschichten begleiten das Nachtgebet der Kinder. Die „Gute Nachricht“, sagt Regina Groot Bramel, „ist eine Geschichte in Fortsetzungen“. Letztlich, geht es aber nicht um große und viele Worte: „Ja, es ist gut, dass man einer Sache Worte gibt. Aber in erster Linie geht es ja ums Tun. Ums Mitleben. Seite an Seite etwas tun. Und den Kindern zeigen, wie es geht.“ 

Ihren Schöpfer erfährt sie in seiner Schöpfung: „Natur ist ein Ort von Gott.“ Klar, dass für ihre Gottesbeziehung die Liebe zu Tieren eine Rolle spielt: „Mein Gott liebt den Stall. Er ist schon dort geboren.“ Die Therapeutin hat oft erfahren, dass wenn tröstende Worte fehlen, der Atem eines Tieres und das Streicheln des Fells helfen können. Schicksal? Greift Gott ein? „Er schickt ein Pferd vorbei“, sagt sie.

Ihr Glaube ist pragmatisch, nicht dogmatisch. Sie braucht keinen Katechismus, um von ihrem Gott zu erzählen. Dreifaltigkeit? „Ich habe keine Probleme mit der Dreifaltigkeit: Für mich ist Gott, der Schöpfer überall um mich herum. Gott ist als Mensch – Jesus – sowieso an meiner Seite. Und es ist auch nicht 

schwer mit dem Heiligen Geist: Das sind ja all die guten Gedanken, die wir bekommen.“

Sie hat die Lizenz zum Predigen. Sie braucht keine vatikanische Erlaubnis dazu. Sie erzählt einfach – von dem Gott, der ihr zur Seite stand, als sie durch den Tränenvorhang die Sonne nicht mehr sehen konnte. Und weil sie zutiefst daran glaubt, dass dieser Gott mit den Menschen unterwegs ist und ihnen auch heute etwas zu sagen hat, sagt sie: „Das Wort Gottes gehört nicht ins Museum. Bringen wir es in unsere Herzen, auf unsere Lippen und unter die Leute!“

Von Johannes Becher

Gottesbild: Regina Groot Bramel from Andrea Kolhoff Kirchenbote on Vimeo.