07.02.2014

Ergebnisse der Fragebogen-Aktion des Vatikans zu Ehe und Familie im Bistum Hildesheim

Große Differenz zwischen Lehre und Leben

Zur Vatikan-Umfrage sind im Bistum insgesamt 360 ausführliche Antworten eingegangen - von Gläubigen, die der Kirche verbunden sind. Deutlich wird eine Diskrepanz zwischen dem Leben der Menschen und der kirchlichen Lehre – vor allem beim Thema Sexualmoral.

Ein großer Fragenkomplex befasste sich mit der Weitergabe des Glaubens. Der überwiegende Teil der Antwortenden erklärte, dass er seine Einstellungen und die heutige Lebensweise der eigenen Familie verdankt. Die Familie ist auch für die Weitergabe der kirchlichen Lehre zum Thema Ehe und Familie ausschlaggebend (252 Antworten). Des Weiteren wurden hier vor allem Religionsunterricht (171), Medien (115) und Seelsorger (114) genannt.

Die meisten fühlen sich auch in der Pflicht, ihren Glauben weiterzugeben, und sie tun das gern und gut (193 Antworten). Zwei Drittel haben nach eigenen Aussagen passende Formen des Gebetes in der Familie gefunden. Nur gut die Hälfte (52 Prozent) weist darauf hin, dass sie Unterstützung von der Gemeinde oder von kirchlichen Gruppen für ihre Bemühungen bekommen hat, in der Familie gemeinsam über Gott zu sprechen oder zu beten.

Gänzlich nach den Grundlagen der kirchlichen Lehre leben nur gut 20 Prozent. Vor allem die Sexualmoral findet wenig Zustimmung. Die „unerlaubten Methoden“ zur Geburtenregelung haben viele (259 Nennungen) verwendet. Weil sie es nicht als Sünde empfinden, bleiben sie auch nicht der Eucharistie fern. In diesem Zusammenhang wird vielfach auf die eigene Gewissensentscheidung und die „verantwortete Elternschaft“ verwiesen, denen ja in den kirchlichen Lehrschreiben eine hohe Bedeutung zugemessen wird.

Dem Beispiel Jesu folgen

Wichtig für Partnerschaft und Ehe sind den Rückmeldungen zufolge die gegenseitige Liebe, die Übernahme von Verantwortung füreinander und die Dauerhaftigkeit. Das Zusammenleben eines Paares vor der Ehe wird von vielen als „normal“ empfunden. Beim Thema wiederverheiratete Geschiedene wünschen sich die meisten einen barmherzigeren Umgang – und die Zulassung zum Empfang der Eucharistie. Begründet wird dies mit den Beispielen von Vergebung und Nicht-Verurteilung durch Jesus Christus selbst.

Bezüglich gleichgeschlechtlicher Partnerschaften sind die Meinungen geteilt. Die eine Hälfte unterstützt und akzeptiert die ablehnende Haltung der Kirche zur Frage einer offiziellen Anerkennung dieser Lebensgemeinschaften, die andere Hälfte ist damit nicht einverstanden und findet sie „falsch“. Als Ehe versteht die überwiegende Zahl der Gläubigen jedoch nur die Paarbeziehung von Mann und Frau (209). Eine Segnung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften durch die Kirche kann sich ein Großteil dennoch vorstellen, ein Adoptionsrecht für diese Paare wird allerdings verneint.

„Sehr theoretisch, nicht immer verständlich; aber sehr schön, dass die Kirche die Gläubigen fragt. Weiter so“, lautete zum Beispiel eine der generellen Rückmeldungen zu der Fragebogen-Aktion. Bemängelt wurde allerdings der enge Zeitraum zum Antworten.

Grundlage für weitere seelsorgliche Begleitung

Das Bistum hatte den vom Familienbund der Katholiken aus Bayern überarbeiteten Fragebogen im Internet zur Verfügung gestellt. Der überwiegende Teil der Rückmeldungen kam von Katholiken im Alter zwischen 40 bis 59 Jahren (160 Personen). Die Altersspanne reicht von 18 bis 89 Jahren. Der Anteil von Männern und Frauen hält sich dabei etwa die Waage (167 Frauen, 161 Männer). Geantwortet haben überwiegend Personen, die verheiratet sind und Kinder haben.

Im Bistum Hildesheim dienen die Ergebnisse als wichtige Grundlage für die Überlegungen zur seelsorglichen Begleitung und Unterstützung von Ehen und Familien.

Thomas Pohlmann

 

Dokumentation der Umfrage-Ergebnisse im Bistum Hildesheim (3.3 MB)

 

Die Diskrepanz ist uns Seelsorgern nicht neu

Leben und Lehre fallen weit auseinander: Das ist auch im Bistum Hildesheim das zentrale Ergebnis der „Familienumfrage“. Was bedeutet das für die Seelsorger in den Gemeinden? Die KiZ hat bei Propst Bernd Galluschke nachgefragt. Er ist Moderator des Priesterrates, der wesentliche Ergebnisse der Umfrage bereits auf seiner letzten Sitzung diskutieren konnte.

Der Moderator des Priesterrates,
Propst Bernd Galluschke, Sieht in der
Umfrage eine große Chance.
Foto: Archiv

„Diese Diskrepanz ist uns Seelsorgern nicht neu“, sagt der 57-Jährige. Aber die Umfrage biete eine große Chance, gerade das Thema Sexualität aus der kirchlichen Tabuzone herauszuholen: „Wenn Menschen Verständnis erleben, dann sind die Türen von Verstand und Herz offen, dann kann man vieles wirklich ehrlich besprechen.“ Auch die gewachsene Wahrheit.

Den Vorwurf, die Kirche sei weltfremd und rückständig, weist Galluschke zurück: „Im Gegenteil – die Frage ist, woher und weshalb solche Klassifizierungen vorgenommen werden.“ Könnte es nicht vielmehr sein, dass solche Vorwürfe immer dann entstehen, wenn Institutionen mit Traditionen leben und diese auch ernst nehmen? „Gerade unser Papst ist ja nun das krasse Gegenbeispiel für weltfremd und die Umfrage dokumentiert ja genau sein Interesse an der Welt“, findet der Seelsorger von St. Cyriakus in Duderstadt. Kritiker der Kirche werden erleben, dass nach der Umfrage und der folgenden Synode in Rom die kirchliche Welt anders aussehen wird: „Da bin ich sicher.“ Galluschke verbindet damit noch eine weitere Hoffnung: „Vielleicht werden ja wirklich bei der Synode auch Laien beteiligt, was ein großartiges Zeichen von Aufbruch wäre.“

Die Ergebnisse überraschen Galluschke nicht – allenfalls die seiner Ansicht nach geringe Zahl der Rückmeldung. Aber ermutigend sei, dass die Weitergabe des Glaubens und der Wert von Ehe und Familie hoch angesetzt sind: „Wir haben jetzt dokumentiert, was unsere Katholiken denken und wie sie handeln.“

Der Fragebogen dürfe keine Aktion ohne Konsequenzen sein, ebenso wenig wie der Dialogprozess auf Bistumsebene und bundesweit: „Wir brauchen den Mut zu einem offenen Prozess.“ Papst Franziskus habe mit viel Weitsicht diesen Dialog erneut angestoßen, wohl wissend, was dabei für Ergebnisse herauskommen werden: „Daran kann man nicht einfach so vorübergehen, sondern muss die Antworten ernst nehmen und verstehen, sonst ist der Vorwurf der Weltfremdheit nachher noch schlimmer und vielleicht berechtigter als früher.“

Immer wieder wird in der Umfrage die Hoffnung auf eine barmherzigere Kirche deutlich. Das wünscht sich auch Galluschke: „Ich kann da nur den Heiligen Vater zitieren: Mir steht es nicht zu, über Entscheidungen von Menschen zu urteilen!“ Aber Barmherzigkeit heiße nicht, alles gut heißen und der Beliebigkeit Raum geben. Barmherzigkeit im Sinne Jesu bedeute, den Menschen lieben, seine Taten aber durchaus anzufragen.   

Rüdiger Wala