22.04.2015

Ein Blogger und Politikberater hat im Internet eine heftige Debatte über Ton und Sprache der Sonntagspredigten ausgelöst

Hat die Kirche ein Sprachproblem?

Mit einer deftigen Kritik an der Sprache vieler Sonntagspredigten hat der Kölner Blogger und Politikberater Erik Flügge eine hitzige Debatte losgetreten. In etlichen Kommentaren hagelte es Kritik. Doch es gab auch viel Zustimmung; sogar von Theologen…

Erik Flügge weiß, wie er Aufmerksamkeit erzeugen kann. Mit deutlichen Worten und drastischen Sprachbildern. Das hat der 1986 württembergischen Backnang geborene Politikberater offenbar schon früh gelernt. Und genau das ist seinem Internetblog auch beeindruckend nachzulesen. Unter dem provokanten Titel „Die Kirche verreckt an ihrer Sprache“, fordert er Theologen, Priester und Geistliche auf, endlich zeitgemäßer und authentischer zu predigen. „Macht es wie der Chef. Jesus hat sich doch auch Mühe gegeben, irgendwie verständlich zu sein.“ Und weiter. „Sprecht doch einfach über Gott, wie ihr beim Bier sprecht.“ Stattdessen aber werde in den meisten Kirchen eine Art „Zombie-Sprache“ gesprochen. „Es ist so oft so furchtbar. Verschrobene, gefühlsduselnde Wortbilder reiht ihr aneinander und wundert euch, warum das niemand hören will. Ständig diese in den Achtzigern hängen gebliebenen Fragen nach dem Sein und dem Sinn, nach dem wer ich bin und werden könnte, wenn ich denn zuließe, dass ich werde, was ich schon längst war.“

Fernseh-Pfarrer Wolfgang Beck: "Pauschal und undifferenziert"

"Ein echter Hingucker" urteilte Domradio

Das Echo auf Flügges Beitrag kam prompt, und es kam mit Macht. Die katholische Nachrichtenagentur (KNA) widmete dem Geschehen schnell einen Beitrag, der ebenso zügig auch in etlichen Internet-Medien – etwa von Welt Online – aufgenommen wurde. Da hat einer offenbar „einen Nerv getroffen“ kommentierte das angesehene, katholische Domradio. Der Beitrag Flügges sei ein echter „Hingucker“ mit „tausenden Klicks, massenhaft  Kommentaren“, so der Kölner Sender weiter, der vor allem im Internet viele Zuhörer hat. Rasch wurde Flügge zum Interview gebeten, wo der Mann sogar noch nachlegte. „Es gibt, glaube ich, keine Sendung im deutschen Fernsehen, in der langsamer gesprochen wird als beim Wort zum Sonntag.“ Das saß.

Bereits in Flügges Blog hatte sich der katholische Pfarrer Dr. Wolfgang Beck über die Kritik Flügges echauffiert. „Naja, ziemlich pauschal und undifferenziert. Mit exakt den gleichen Worten ließen sich politische Reden und politische Berater abqualifizieren. Typische “Hau-Drauf-Rhetorik”, um Klischees zu bedienen“, urteilte der Pfarrer, der häufiger selbst das Wort zum Sonntag spricht. Doch von anderen Lesern kam Zustimmung. Gerd Voß etwa monierte. „Und es stimmt ja, dass die Rhetorik in den Predigten seltsam ist. Diese typischen Kettendinger, bei denen das letzte Wort eines Satzes immer das erste des nächsten ist: ‚Wir sind heute als Gemeinde versammelt. Versammelt, um Gott zu begegnen. Gott, der uns das Leben gab. Das Leben in seiner ganzen Vielfalt. Vielfalt, die sich in Toleranz übt.“

Der Politikberater hat selbst einstmals Theologie studiert

Foto: Erik Flügge (privat)
Der Politikberater und Bloger Erik Flügge (Foto: privat)

Auch wann Flügges Sprache drastisch, an einigen Stellen sicher grenzwertig ist, so weiß der Mann doch ganz offensichtlich wovon er spricht. Flügge hat einst selbst katholische Theologie studiert. Heute ist er Geschäftsführer der „Squirrel & Nuts Gesellschaft für strategische Beratung mbH“, berät Spitzenpolitiker und Parteien bei der Kommunikation und Städte und Gemeinden bei der Entwicklung von sogenannten Partizipationsprojekten. Zudem unterrichtet an der Universität Tübingen Schulpädagogik und an der Hochschule Krefeld Kommunikation & Präsentation. Im Interview mit dem Domradio sagte er, dass er selbst jahrelang in der kirchlichen Jugendarbeit tätig war. Auch weiß er sehr wohl, dass in der Feier der Eucharistie durchaus eine mystische Verklärung erwünscht sei. Aber eben nicht bei der Predigt. Die solle bitteschön so lebensnah wie möglich sein. Eben nicht weltfremd. Hier habe vor allem der Protestantismus, bei dem die gesamte Glaubensvermittlung sprachbasiert sei, ein echtes Problem. Zudem kennt Flügge auch einige Priester persönlich. „Wenn man mit euch ein Bier trinkt, dann klingt ihr ganz normal. Sobald ihr in einer Kirche in offizieller Funktion sprecht, wird’s plötzlich scheiße“, schreibt er.

Ihr Webreporter Andreas Kaiser