07.07.2012

Nachgefragt: Vatileaks

"Ich hoffe auf Ruhe und Frieden im Vatikan"

Im Vatikan sind „Maulwürfe“ am Werk. Immer mehr geheime Informationen dringen nach außen, die eigentlich nicht oder noch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Prälat Dr. Nikolaus Wyrwoll aus Hildesheim hat sehr gute Kontakte hinein in den Vatikan. Er hat selbst viele Jahre in der Kurie gearbeitet und sitzt noch immer als Berater im Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen.

Vatikankenner: Prälat Dr. Nikolaus Wyrwoll aus Hildesheim. Foto: Deppe
Vatikankenner: Prälat Dr. Nikolaus Wyrwoll aus Hildesheim. Foto: Deppe

Wie beurteilen Sie die Situation zurzeit im Vatikan?

Die Mitarbeiter sind verunsichert und die Stimmung im Vatikan ist angespannt.

Was soll mit diesen indiskreten Veröffentlichungen erreicht werden? Was steckt dahinter?

Das kann keiner so genau sagen. Das muss erst einmal untersucht werden. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass man den Papst treffen möchte. Benedikt XVI. ist mit etlichen seiner Aussagen in die Kritik geraten. Die liberalen und konzilstreuen Kritiker kreiden ihm an, zu offen auf das konservative Lager zuzugehen. Die Konservativen sagen, er würde die traditionelle Lehre der Kirche aufweichen. In diesem Punkt sitzt der Papst zwischen den Stühlen und wird es beiden Seiten nicht Recht machen können. Aber direkt kann man ihn nicht treffen. Dazu werden nun Informationen, benutzt, die ohne irgendeine Einordnung veröffentlicht werden. Das sorgt für Unruhe in der Kirche.

Wenn so etwas in der Politik passieren würde, müsste jemand den Hut nehmen. Wird es im Vatikan personelle Konsequenzen geben?

Sie denken mit Sicherheit an Willy Brandt und den Kanzleramtsspion Guillaume. Ich kann mir vorstellen, dass jemand die Verantwortung übernimmt, wenn entdeckt wird, wo die undichten Stellen sind. Rücktrittsforderungen an den Papst halte ich für absurd. Der Papst hat ein hohes Vertrauen in seine Mitarbeiter. Ich finde es schade, dass dieses Vertrauen missbraucht wurde.

In den letzten Tagen wurde immer öfter gefordert, dass die Strukturen im Vatikan demokratischer werden müssten. Wie sehen Sie das?

So ähnlich hat das schon Papst Paul VI. bei der Umstrukturierung der Kurie 1968 gesagt. Die Kurie im Vatikanstaat ist keine Staatsverwaltung, sondern  ein Umschlagplatz, wo die Ortskirchen weltweit von einander lernen können. Das kann man nicht ohne weiteres mit einer demokratischen Regierung vergleichen, wie wir sie bei uns in Deutschland haben.

Was befürchten Sie für die Kirche durch „Vati-Leaks“?

Diese „Vatikan-Löcher“ haben bereits eines erreicht. Wieder einmal hat die katholische Kirche einen Image-Schaden erlitten. Wieder einmal gab es negative Schlagzeilen. Gerade unter Papst Benedikt ist man im Vatikan um mehr Offenheit und Transparenz bemüht.  Aber nicht alles, was gedacht und einmal kurz zu Papier gebracht wird, ist für die Veröffentlichung geeignet. Das gilt für den Vatikan genauso wie für die Bundesregierung.

Glauben Sie, dass durch solche Veröffentlichungen Schaden entsteht, zum Beispiel für die ökumenischen Gespräche?

Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Wir können das, was jetzt als „geheime Topnews enthüllt“ wird, in unseren Gesprächen einordnen und richtigstellen. Anders ist es in der Außenwirkung. Wenn aus irgendwelchen Papieren – zum Teil völlig aus dem Zusammenhang gerissen – zitiert wird, dann ist das für mich nur schnelle Sensationshascherei. Ich wünsche mir, dass das bald ein Ende hat und die Mitarbeiter im Vatikan wieder in Ruhe und Frieden arbeiten können.

Interview: Edmund Deppe