29.08.2013

Tag des offenen Denkmals am 8. September rückt unbequeme Denkmale in den Mittelpunkt

Jenseits des Guten und Schönen

Am zweiten Sonntag im September öffnen historische Bauten und Stätten, darunter auch viele, die sonst nicht oder nur teilweise zugänglich sind, ihre Türen und laden zu Streifzügen in die Vergangenheit ein.

Das Dokumentationszentrum Bergen-Belsen gehört zu den unbequemen Denkmalen, die beim Tag des offenen Denkmals 2013 in den Mittelpunkt gestellt werden. Foto: Branahl
Hohe Betonmauern begrenzen den „Steinernen Weg“. Das Dokumentationszentrum Bergen Belsen gehört zu den unbequemen Denkmalen, die in diesem Jahr in den Mittelpunkt gestellt werden. Foto: Stefan Branahl

„Geschichte zum Anfassen“ bietet der Tag des offenen Denkmals den Besuchern in einmaliger Weise. In jedem Jahr richten die Veranstalter mit einem Schwerpunktthema das Augenmerk auf ganz bestimmte Denkmale. Das Motto in diesem Jahr lautet „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?“ Zu diesen Denkmalen gehört auch die Gedenkstätte Bergen-Belsen auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers. Ihr wissenschaftlicher Leiter ist Dr. Thomas Rahe.

Was versteht man unter unbequemen Denkmalen?

Das sind zum einen welche, die im Kontext zu unbequemen Geschichtsereignissen stehen. In unserem Fall hier in Bergen-Belsen ist es die nationalsozialistische Verfolgungsgeschichte mit ihren Konzentrationslagern. Zu den unbequemen Denkmalen gehören aber genauso Gebäude und Einrichtungen der Stasi aus der Zeit der DDR oder Überreste der Grenzanlagen, die an die innerdeutsche Grenze erinnern. Auch Heime, Anstalten für psychisch Kranke, Gefängnisse und Kriegerdenkmale sind hier zu nennen.

Warum ist es wichtig, einmal diese Bauten in den Blick zu nehmen?

Auch sie sind Kulturgüter, Zeugnisse unserer Geschichte – allerdings einer eher ungeliebten Seite. Aber sie gehören genauso dazu wie Schlösser, Villen, schöne Gärten und Parkanlagen. Nur, die schönen zu besuchen ist  angenehmer. Man schaut sich lieber alte Gemälde an oder unterhält sich lieber über die Anlage von Beeten als über Massengräber, wie wir sie hier auf dem Gelände des ehemaligen KZs Bergen-Belsen haben.

Reste eines Stacheldrahtzauns des Lagergeländes Bergen-Belsen sind im Boden des Dokumentationszentrums eingebracht.
Reste eines Stacheldraht­zauns des Lagergeländes sind im Boden des Dokumentationszentrums ein­gebracht. Auch das ist ein Denkmal im Sinne von „Geschichte zum Anfassen“.

Wobei das Gelände der Gedenkstätte eher einer ruhigen und idyllischen Heidelandschaft gleicht?

Das ist auch so ein bisschen unser Problem. Wir haben hier keine Wachtürme, Zäune oder Baracken mehr stehen. Die haben die Befreier des KZs, die britischen Truppen, 1945 – wegen der hier herrschenden Typhus-Epidemie – alle beseitigt. Aber wir haben hunderte von Interviews mit Überlebenden des Lagers aufgezeichnet. Und diese authentischen Berichte, zusammen mit den Fotos, die bei der Befreiung des Lagers entstanden sind, spiegeln vielleicht besser wider, was Menschen unter der Nazi-Herrschaft erdulden mussten, als eine nachgebaute Baracke.

Bergen-Belsen war aber nicht nur ein KZ. Was war es noch?

Es gab hier eigentlich drei verschiedene Formen von Lagern. Vom KZ hat wohl jeder schon gehört und viele wissen, dass sich hier vorher ein Kriegsgefangenenlager befunden hat. Aber kaum einer weiß, dass von 1945 bis 1950 in Gebäuden der Kasernen auf dem benachbarten Truppenübungsplatz über 10.000 Menschen im DP-Camp untergebracht waren. DP steht für „displaced persons“, also „nicht hier beheimatete Personen“, die kriegsbedingt nach Deutschland gekommen waren – verschleppt, als Kriegsgefangene, ehemalige Zwangsarbeiter oder Überlebende der Konzentrationslager. Viele waren heimatlos und saßen hier fest, da es zunächst keine Auswanderungsmöglichkeiten für sie gab. Später sind viele osteuropäische Juden nach Palästina, nach Israel ausgereist oder nach Amerika.

Dr. Thomas Rahe, wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen
Dr. Thomas Rahe ist wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Foto: Deppe

Was ist von diesem DP-Camp heute noch erhalten?

Erstaunlich viel. Das liegt vor allem daran, dass hier bis 1950 Menschen gewohnt haben, die nicht wussten, wo sie hin sollten, die hier zum Teil mehrere Jahre zu Hause waren, geheiratet haben und Kinder bekommen haben. Noch heute kommen Besucher in die Gedenkstätte und zeigen uns ihren Pass. Dort steht als Geburtsort Bergen-Belsen und sie selber bezeichnen sich als „Belsen Kids“, als „Belsen Kinder“.
Im Rahmen des Programms zum Tag des offenen Denkmals bieten wir erstmals auch Führungen zum DP-Camp an. Das ist sonst nicht möglich, da diese Gebäude auf dem Areal des noch heute aktiv genutzten Truppen­übungsplatzes stehen – im militärischen Sperrgebiet.

Welchen Stellenwert haben unbequeme Denkmale wie Bergen-Belsen für die junge Generation?

Dadurch, dass im KZ Bergen-Belsen auch viele Kinder inhaftiert waren und sogar hier geboren wurden – das KZ war als Familien-KZ geplant, um die Insassen gegen gefangene Deutsche im Ausland auszutauschen – werden wir noch eine längere Zeit Augenzeugen haben, die über ihre Erlebnisse berichten können. Aber letztendlich werden die Zeitzeugen immer weniger. Gerade da können die unbequemen Denkmale Stolpersteine gegen das „Vergessen“ sein. Unsere aufgezeichneten Interviews können zwar nicht die persönliche Begegnung, das persönliche Gespräch mit Menschen ersetzen, die das alles hier miterlebt haben, aber die Filmdokumente vermitteln, besser als es Bücher können, dass hier konkrete Menschen betroffen waren und Schreckliches erlebt haben.
Wir in der Gedenkstätte müssen immer wieder neu überlegen, wie wir unserem Auftrag gerecht werden, die Anlage zu erhalten, die Erinnerung wachzuhalten und den Besuchern die Informationen zu diesem Gelände und seiner Geschichte zu vermitteln. Und dabei kann ein Tag wie der des offenen Denkmals behilflich sein.

Fragen: Edmund Deppe

Informationen im Internet: www.tag-des-offenen-denkmals.de