21.03.2012

Nicht mit theoretischem Wissen überfordern

Kindern den Druck nehmen

Einschulung mit fünf, das Abitur mit 18 und der Bachelor nach fünf Semestern – noch vor ihrem 25. Geburtstag  sind die Kinder von heute die Experten von morgen. Schöne neue Wissenswelt. Aber müssen Kinder immer mehr und schneller lernen? Fachleute raten zur „Entschleunigung“.


 

 
Auch beim Spiel „Mensch ärgere dich nicht" kann ein Kind viel lernen: Selbstbeherrschung, Aufmerksamkeit, Gemeinschaft, Frustrationstoleranz. Foto: fotolia

 

„Wird mein Kind hier auch ordentlich auf die Schule vorbereitet?“ Magda Ehmke kennt Eltern, die dies zum Ende der Kitazeit mit bangem Blick fragen. Die Leiterin des katholischen Bildungswerkes in Bremen nimmt die Sorgen sehr ernst, wenn sie in den Kindergärten Elternabende zum Thema „Wie Kinder lernen“ anbietet. Sie beruhigt: „Kinder bringen alle Instrumente zum Lernen mit auf die Welt. Wir müssen ihnen helfen, sie gut zu nutzen.“

Druck vom Topf nehmen. Das scheint ihr wichtig in einer Zeit, da der globale Wettstreit um Wissen und Wohlstand den Alltag vieler Menschen zum Kochen bringt.  Magda Ehmke weist gerne auf die „Basics“ hin, die Grundlagen der Lernforschung, die übrigens durch Erkenntnisse der modernen Hirnbiologie gestützt werden. Demnach führen im Wesentlichen drei Wege ins Kinderhirn: Beziehung, Vorbild und das gesprochene Wort. Mit diesen Instrumenten erarbeiten sich Kinder von Geburt an ihre Neugier auf die Welt, wie drei Beispiele illustrieren: Ein Baby erkennt die Mutter und lächelt zurück (Beziehung), ein Kleinkind immitiert Vaters brummelige Haltung am Schreibtisch (Vorbild), ein Schulkind kann einer spannenden Geschichte schon aufmerksam folgen (Wort). 

Empathie – wichtigste Grundlage fürs Lernen

Dieser Dreiklang begleitet uns ein Lebens lang. Beziehungen und Vorbilder helfen Kindern nicht nur, die Welt zu entschlüsseln. Sie halten die Neugier auf Dauer aufrecht. Beziehungssicherheit schult auch die Fähigkeit zu empfinden, wie andere sich fühlen. „Empathie“ lautet eine der wichtigsten Grundlagen fürs Lernen. Sie ermöglicht uns, den Wissenserwerb überhaupt als erstrebenswert zu betrachten.

„Die Familie ist und bleibt dabei das wichtigste Lernfeld“, betont Magda Ehmke. Dabei ist nicht entscheidend, wie viel Eltern wissen, sondern welche Botschaften sie aussenden. „Ehrgeiz ist nichts Schlechtes“, meint sie, „aber sie darf Zuneigung nicht ersetzen. Wir überschätzen oft die Bedeutung dessen, was wir sagen und unterschätzen den Stellenwert unseres Verhaltens.“

Ehmke bremst und fordert zugleich. So könne ein gemeinsames Mensch-Ärger-Dich-Nicht-Spiel einem Kind mehr Kompentenz vermitteln als ein Vortrag übers Stillsitzen in der Schule. Wessen Figur kurz vorm Ziel geschlagen wird, der kann das feine Wort Selbstbeherrschung nachher emotional buchstabieren. Ein Lernerfolg. Denn neben Ausdauer und Selbstwirksamkeit lautet eine weitere Grundlage des Lernens „Frustrationstoleranz“.

Mit dem Wissen umgehen lernen

Weitere Beispiele liegen auf der Hand: Ein Besuch auf dem Erdbeerfeld mit anschließendem Marmeladekochen hat verdammt viel mit Biologie und Physik zu tun. Ein gemeinsames Abenteuer im Wald hilft, Lösungsstrategien zu entwickeln und zu verinnerlichen. Der Neurologe und Psychotherapeuth Eckhard Schiffer aus Quakenbrück sieht das ähnlich. Er hat prinzipiell nichts gegen Computer in der Grundschule, hält sie aber für wenig hilfreich: Kinder erleben seiner Ansicht nach heute zu viele virtuelle und zu wenig konkrete Sinneserfahrungen. Dadurch leidet der für Lernen und Gesundheit absolut unabdingbare Dreiklang aus Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit. Ohne diese mit allen Sinnen erfahrene „Köhärenz“ – das Gefühl angenommen und am rechten Ort zur rechten Zeit zu sein – steigt die Wahrscheinlichkeit von Entwicklungs- und Lernstörungen, mahnt er.

„Sicher müssen wir in unserer Wissensgesellschaft immer mehr Informationen aufnehmen und verarbeiten. Das heißt aber nicht, dass Kinder heute immer mehr und schneller Fakten pauken müssen“, meint auch  Johanna Schockemöhle, die an der Universität Vechta Projekte zum regionalen und nachhaltigen Lernen entwickelt. Kinder müssten vielmehr lernen, wie sie sich Wissen aneignen und wie sie damit umgehen können: „Das ist die zentrale Herausforderung der modernen Wissengesellschaft – für jeden einzelnen.“ Der Lerndruck darf nicht dazu führen,  nur „Bulimie-Wissen“ zu vermitteln. Also Fakten, die für Prüfungen schnell aufgenommen und genauso schnell wieder vergessen werden. „Wissen verpufft nutzlos, wenn es später nicht zur Anwendung gelangt.“

Magda Ehmke macht Eltern Mut zur „Entschleunigung“. Geteilte Zeit ist in einer beschleunigten Wissengesellschaft doppelte Zeit. Und für Kinder zählen gelebte Beziehungen weit mehr als frühzeitige Einblicke in Quantenphysik oder chinesische Vokabeln: Sie garantieren, dass sie nicht nur Wissen anhäufen, sondern wirklich fürs Leben lernen.

Peter Beutgen