16.05.2018

Angemerkt der Woche

Liebe Leserin, lieber Leser,

vor rund dreißig Jahren stand ein 11-jähriger Junge mir gegenüber und rief: „Das da muss weg.“ Er deutete über meine Schulter an die Wand auf ein Kreuz. Ort des Geschehens: eine „Katholische Öffentliche Bücherei“. Ich hatte Büchereidienst, kümmerte mich an diesem Tag um die Ausleihe. Und mein einziger Gast war eben dieser Knabe. Ob er und seine Familie einer Religion angehörten und welcher, weiß ich nicht.

Wenn also in Bayern und anderswo mal wieder über sinnige oder unsinnige Plätze für Kreuze debattiert wird, fällt mir unweigerlich meine Begegnung von damals ein. Im ersten Moment war ich sprachlos. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich stempelte das Rückgabedatum in die Bücher, die der Junge mit nach Hause nehmen wollte, und habe vermutlich versucht zu erklären, warum das Kreuz ganz bestimmt nicht abgehängt wird.

Bis heute beschäftigt mich, warum nur jemand auf den Gedanken kommt, einer christlichen Einrichtung, die an der Eingangstür und auf etlichen Plakaten deutlich konfessionell benannt ist, das Kreuz an der Wand abzusprechen.

Ja, ich weiß, 11-Jährige sind noch Kinder – können aber meist schon ganz gut selbst denken, stehen dabei aber gleichzeitig unter enormem Einfluss von Erwachsenen wie Eltern, Lehrer, Verwandte, Freunde.

Wieviel Liebe oder Hass, wieviel Toleranz und Nächstenliebe, ja wieviel Feindesliebe geben Sie und ich eigentlich den nächsten Generationen um uns herum mit? Bewusst oder auch unbewusst? Ich finde, das sind Fragen, auf die immer wieder neu Antworten gesucht werden müssen. Ob ein Kreuz an der Wand hängt oder nicht: unser Handeln zählt.

Eine gute Woche wünscht Ihnen

Johannes Broermann

Johannes Broermann ist Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in den Dekanaten Göttingen und Untereichsfeld.