19.05.2020

Angemerkt der Woche

Liebe Leserin, lieber Leser,

vor 75 Jahren schwiegen endlich die Waffen, der Zweite Weltkrieg war zu Ende. Vor zwei Wochen ist daran erinnert worden.

Als Redakteur der KirchenZeitung bin ich in den vergangen 30 Jahren vielen begegnet, die diese Zeit selbst erlebt und erlitten haben: Überlebende aus den Vernichtungslagern waren darunter, Menschen in meinem Alter, deren Väter von deutschen Soldaten erschossen, deren Mütter zur Zwangsarbeit verschleppt worden sind. Auf der anderen Seite kenne ich die Folgen dieses Wahnsinns – Flucht und Vertreibung mit all der damit verbundenen Unmenschlichkeit – auch aus der eigenen Familiengeschichte.

Mehr und mehr beschäftigt mich in diesem Zusammenhang die Frage: Wie war es möglich, dass trotz der unfassbaren Verbrechen der Deutschen und trotz der Rache, die später an vielen – oft Unbeteiligten – geübt worden ist, Versöhnung möglich gewesen ist? Auslöser war unter anderem eine Entdeckung im Museum des Grenzdurchgangslagers in Friedland vor einigen Wochen: Die Geschichte einer Puppe, die eine Polin einem kleinen Mädchen geschenkt hat, ist für mich ein Symbol der Menschlichkeit und Sie können diese Geschichte auf dieser Seite lesen. Auch von anderen Beispielen auf dem oft schwierigen Weg der Versöhnung werde ich in den nächsten Ausgaben berichten.

Ich freue mich, wenn Sie mir von Ihrer eigenen Erfahrung erzählen: Waren Sie dabei, als die katholische Jugend in den Sechzigerjahren erste Kontakte mit Polen aufnahm? Waren Sie in einem von Holländern und Briten für Nachkriegskinder organisierten Zeltlager? Oder Kontakte geknüpft mit dem „Erzfeind Frankreich“, um eine Städtepartnerschaft zu gründen? Haben Sie die Hand gereicht? Oder haben Sie die ausgestreckte Hand entgegen genommen?
Ich bin überzeugt, dass Geschichten von Versöhnung und Verständigung erzählt werden müssen. Auch heute noch.

Ihr

Stefan Branahl