07.11.2018

Angemerkt der Woche

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich gebe zu, es war ein Ausdruck hilfloser Intoleranz. Vergangene Woche habe ich unsere Klingel abgestellt. Durch das Küchenfenster hatte ich gerade gehört, dass sich vor der Tür des Nachbarn eine Horde Kinder versammelt hatte. „Süßes oder Saures“, schrien sie ihm entgegen. Über den weiteren Ablauf bin ich nicht informiert, ich weiß nicht, ob die nervende Bande mit einer gefüllten Tüte von dannen zog. Zumindest kam es nicht zu Ausschreitungen.

Das wäre mir im vergangenen Jahr fast passiert. Bei einem ähnlichen Überfall aus Anlass des Halloween-Tages, der sich bei mir aus gutem Grund noch nicht verfestigt hatte, kramte ich, nachdem ich unvorsichtigerweise die Tür geöffnet hatte und von grässlich angeschmierten Gesichtern vor die ultima ratio gestellt worden war, im Küchenschrank herum auf der Suche nach Süßem, damit ich mir Saures erspare. Die Ecke im Schrank ist in aller Regel nicht sonderlich gefüllt, trotzdem wurde ich fündig und drückte der lungernden Meute in die Hand: einen Schokoriegel, mehrere Hustenbonbons, die restlichen Kekse mit Nougat-Überzug sowie aus der hinteren Ecke die übrig gebliebenen Schoko-Eier mit Zuckerguss vom Osterfest, nach denen sich bisher keiner gerissen hatte.

Ich hatte damals keinen überschwänglichen Dank erwartet, aber dass aus dem Dunkel plötzlich ein Mann in einer Flanellhose mit Militärmuster auftauchte und mir in aggressiver Verachtung das Wort „Pisskopp“ mit auf den Rückzug gab, hat mich nachhaltig irritiert. Jedenfalls war ich erleichtert, als sich die Belagerung auflöste und Richtung Nachbarhaus zog.

Ich bin noch in der Tradition des Martinssingens groß geworden und mich irritieren gewisse Entwicklungen. Außerdem finde ich, dass man nicht jede Mode mitmachen muss. Für nächstes Jahr jedenfalls werde ich mich wappnen.

Ihnen einen schönen Martinstag, Ihr

Stefan Branahl