13.10.2021

Angemerkt der Woche

Liebe Leserin, lieber Leser,

vergangene Woche hatte ich das unerwartete Vergnügen, mir im Hildesheimer Bahnhof an Gleis 3 für eine knappe Stunde die Beine zu vertreten. Als ich so meinen Gedanken nachhing, bemerkte ich auf dem Boden an einigen Stellen Markierungen, die mit roter Farbe auf den Boden gesprüht waren. Hier soll wohl in nächster Zeit die Pflasterung ausgebessert werden, weil sie sich geringfügig in der Höhe verschoben hat. Hoppla, das könnte eine Stolperfalle sein, hat sich wohl ein aufmerksamer Bahnsteig-Kontrolleur gedacht und den Missstand zwecks Reparatur auf die To-do-Liste gesetzt.

Ich berichte Ihnen das, weil hinter meinem Rücken ein Bautrupp bereits an anderer Stelle aktiv war. Zu behaupten, hier wurde am  Limit geschuftet, wäre zu optimistisch ausgedrückt. Ich beobachtete über einen längeren Zeitraum einen Mann, der mit einer Gießkanne eine Flüssigkeit auf einer offensichtlich noch einzupassenden Bodenplatte goss, die anschließend von einem Kollegen mit einem Besen höchst präzise verteilt wurde. Ein dritter drehte sich geduldig eine Zigarette, ein vierter war neben dem Baustellen-Radio in die Hocke gegangen und suchte einen besseren Empfang. Arbeiter fünf und sechs hielten sich unauffällig im Hintergrund, schienen das Geschehen aber aufmerksam im Blick zu haben. Ich war Zeuge eines zutiefst meditativen Augenblicks.

Sollte demnächst die Ausbesserung der markierten Pflasterung längere Zeit in Anspruch nehmen, weiß ich, dass die Bahn Steine nicht nur mit Respekt behandelt – sie werden offenbar auch pädagogisch betreut.

Ihnen ein gemächliches Wochenende.

Stefan Branahl