25.01.2023

Angemerkt der Woche

Liebe Leserin, lieber Leser,

mit festem Vorsatz hatte ich die Buchhandlung in Bremen betreten: Nein, ich kaufe nichts. Nicht ein einziges Buch. Nichts, gar nichts.

Kurz darauf, beim Bezahlen an der Kasse: „Na, wollen Sie mal wieder das Trampen versuchen?“ Angesprochen hat mich ein Herr, mein Alter etwa, an seiner Jacke ein halbes Dutzend Solidaritätssticker angeheftet, in der Hand die aktuelle Ausgabe der „jungen Welt“ (als linientreuer Katholik behalten Sie besser für sich, wenn Sie wissen, was das für eine Zeitung ist).

Ich bin aus doppeltem Grund irritiert. Mit Trampen hat mein neu erworbenes Buch überhaupt nichts zu tun, es geht um Reisen quer durch Europa mit dem Zug. Und überhaupt: Trampen – ist das nicht so was von gestern?

Und schon sind wir mitten im Gespräch. „Manchmal bin ich noch heute per Anhalter unterwegs“, erzählt mir der Unbekannte. „Früher war ich der König der Landstraße. München – Hamburg in sechs Stunden, das war mein Rekord.“ Seine Frau ist inzwischen dazu gekommen. „Vielleicht kaufen wir uns dieses Jahr ein Interrail-Ticket, die gibt’s ja mittlerweile auch für Senioren, mit Rabatt sogar“, sagt sie.  Das Fahrrad wollen sie mitnehmen, und dann ab nach Frankreich. Und schon sind wir beim Thema Radtouren, ich erzähle von der Pilgerfahrt im vergangenen Sommer im Godehardjahr von Niederalteich nach Hildesheim. „Auch eine schöne Strecke“, sagen die beiden. Sie stecken mir eine Visitenkarte zu. „Wir können uns ja mal austauschen …“

Zehn Minuten Gespräch mit zwei Fremden. Von Mensch zu Mensch, einfach so, im Getümmel einer Großstadt. Unbezahlbar. Wer braucht schon Facebook und WhatsApp?

Ihnen eine gute Woche,
Ihr



Stefan Branahl