31.03.2021

Angemerkt der Woche

Liebe Leserin, lieber Leser,

wann immer ich unterwegs die Gelegenheit habe, besuche ich Friedhöfe. Ich mag die Grabesruhe selbst mitten in der Stadt, die von Efeu überwucherten Ecken mit den Inschriften auf den verwitterten Steinen.  Kürzlich entdeckte ich bei einer Radtour im Leinetal eine uralte Sandsteinkirche, früher Ziel von Wallfahrern, heute als Trauerkapelle genutzt. 

Einen der schönsten Friedhöfe fand ich vor einigen Jahren in den rumänischen Karpaten im kleinen Dorf Sapinta. Seit Generationen übernimmt es der örtliche Tischler, die Grabkreuze sehr persönlich zu gestalten. Wie schon sein Vater und Großvater zeigt er die Verstorbenen so, wie sie gelebt haben und gestorben sind. Kein Angehöriger redet ihm rein, schon gar nicht ist er an unsere gut bekannte Redewendung gebunden „Über Tote sollst du nur Gutes sagen …“. Da schnitzt er nicht nur den Bauern auf dem Kutschbock, den Wagen voll beladen mit Maiskolben, die Frau an der Spindel oder das Kind beim Hüten der Ziegen. Er schnitzt auch den Trinker, der die Flasche mit dem Pflaumenschnaps auf dem Tisch vor sich hat, die zänkische Alte im Streit mit der Nachbarin oder den Popen, der dem Rock einer Frau hinterher schaut. 

Der Friedhof ist also alles andere als ein trauriger Ort, die Gräber erzählen mal augenzwinkernd, mal derb, aber immer voller Sympathie für die Toten von guten und von schlechten Zeiten. Die Menschen in ihren bunten Kleidern, mit ihren Kopftüchern und schwarzen Hüten bleiben so im Gedächtnis, wie Familie und Nachbarn sie kannten.

Der „lustige Friedhof“ von Sapinta zeigt die Toten mitten im Leben. Für mich ist er etwas Besonderes; denn so in Erinnerung zu bleiben ist auch eine Art von Hoffnung und Auferstehung.

Ihnen gesegnete Ostertage,

Ihr

Stefan Branahl