05.09.2013

Kommentar

Mal was Neues wagen

Von Roland Juchem

„Wenn die Menschen das Evangelium nicht mehr kennen, ist das nicht deren Problem, sondern unseres.“ So formuliert ein evangelischer Missionsexperte einen Grundgedanken hinter dem Bestreben, im säkularisierten Europa ganz neue Wege der Mission zu gehen. Einer dieser Wege sind „fresh expressions of church“ – „neue Formen, Kirche zu bilden“ –, wie das seit zehn Jahren die Kirche von England macht.

Protestantische oder freikirchliche Christen tun sich leichter, neue Ausdrucksformen von Kirche, neue Arten von Gemeinschaften zu bilden. „Wichtig ist, ein Ort zu sein, an dem jemand ganz Neues kommen kann, der einen Kaffee kriegt, der gute Leute trifft, der gute Botschaften hört und der einen Platz angeboten bekommt, der zu ihm passt“, fasst ein methodistischer Pastor sein Anliegen zusammen.

Je individueller unsere westlichen Gesellschaften mit ihren Netzwerken und Milieus werden, desto individueller müssen wohl Gemeinschaften sein, damit Menschen sich dort wohlfühlen, bevor sie sich mit einer so unsicheren Frage wie der nach Gott befassen, und ob ihnen der christliche Glaube dazu etwas Sinniges sagen kann. Deshalb sind solche Kirchenpflanzungen oft „Kirchen für Anfänger“, ohne dass das abwertend gemeint ist. Fachleute erinnern an die Katechumenen der antiken Kirche.

Die anglikanische Kirche, mit Bischöfen und Diözesen ähnlich traditionell strukturiert wie die katholische, denkt hier theologisch radikal: Gott nahm die Form eines Menschen an, um den Menschen nahe zu sein. Deswegen ist entscheidend,, dass diese Botschaft glaubhaft weitergegeben wird, und diesem Ziel muss die Kirche ihre Form unterordnen.

Die katholische Kirche tut sich da schwerer. Stärker als andere ist sie bestimmt durch ihre Form und ihr Verständnis von Kirche. Liturgie, Sakramente, kirchliches Amt – all das ist ihr wichtiger als anderen. Bei aller Offenheit für „neue Ausdrucksformen von Kirche“ wird sie davon so schnell nicht absehen können. Andererseits hat sie gegenüber anderen Konfessionen den Vorteil, eine erkennbar einzige Kirche, eine weltweite Gemeinschaft zu sein.

Damit das Evangelium überzeugender vermittelt werden kann, müssen beide Stärken zusammenkommen: Einheit der Gemeinschaft und Vielfalt der Formen. Es scheint aber ein gewisser Leidensdruck nötig, um neue Wege zu wagen, eventuell neue Fehler zu machen, statt alte zu wiederholen. „Not ist durch nichts zu ersetzen“, unken manche Vordenker. Entscheidend ist dann aber die Zuversicht: Wir können Neues pflanzen. Das Wachstum aber liegt in Gottes Hand.