18.11.2011

Mädchenchor nimmt CD auf

Melodien für Millionen

Wie Popstars – so fühlen sich die Sängerinnen der Mädchenkantorei bei den Aufnahmen zu ihrer CD. Mit ihr hat sich ein großer Wunsch für den Chor erfüllt.

Klingende Kirche: Die Mädchenkantorei probt in der St. Michaeliskirche für die Aufnahmen ihrer CD.	Foto: Ina Funk
Klingende Kirche: Die Mädchenkantorei probt in der St. Michaeliskirche für die Aufnahmen ihrer CD. Foto: Ina Funk

Hildesheim. „Eigentlich ist Nele schuld“, erinnert sich Chorleiter Stefan Mahr. Die Mädchen wollten unbedingt eine CD aufnehmen. „Das machen wir erst, wenn ihr gut genug seid“, sagte Mahr damals und Nele brummte: „Na dann wird es ja nie was!“ – Seitdem ist ein halbes Jahr vergangen. Nun stehen die Mädchen tatsächlich vor den Mikrofonen. Der Aufnahmeort: die St. Michaeliskirche in Hildesheim.

Doch wieso singt ein katholischer Chor in einer evangelischen Kirche? „Unser Dom wird derzeit saniert. St. Michaelis ist akustisch sehr gut. Dadurch wird die CD ein ökumenisches Projekt“, sagt Domkantor Mahr. Die Einnahmen aus dem Verkauf der CD wird der Chor für die Domsanierung spenden.

„Singt doch bitte mal wie kleine Vögelchen“

Die 40 Sängerinnen, darunter vier Jungs, stehen im Halbkreis auf einer Empore. Einige tragen dicke Schals und Pullover. Es ist kühl in der Michaeliskirche. Daher müssen alle Körper und Stimme erwärmen: Sie schütteln Arme und Beine aus, springen auf der Stelle. Dann „sucht sich jeder ein ‚m’ und lässt es durch den Kopf wandern, mal laut, mal leise“, fordert Mahr. In der Kirche summt es wie in einem Bienenstock.

In der Zwischenzeit haben die Tontechniker die Mikrofone aufgestellt. Zum Einstellen des richtigen Klanges singt der Chor Lieder, aber „bitte so perfekt, als wäre es schon die richtige Aufnahme“, fordert Mahr und prophezeit: „Die Aufnahmen werden das Anspruchsvollste, was ihr je gemacht habt.“ 

Bereits nach wenigen Takten unterbricht er den Gesang: „Ich kann einzelne beim Singen atmen hören. Ich will aber nur den gesamten Chor hören, als wenn ihr ein Instrument wäret.“ Mahr schaut in die Runde und ergänzt: „Wir brauchen vor und nach jedem Stück absolute Ruhe, die Mikrofone zeichnen alles auf und die Kirche hallt nach. Verkneift euch Husten und Räuspern, schluckt es einfach runter“, bittet er.

Ein neuer Versuch. „Nein, nein, nein“, schreit der 39-jährige Chorleiter, stoppt erneut den Gesang. „Soprane: Könnt ihr mal singen wie kleine liebliche Vögelchen? Noch klingt ihr wie dicke Albatrosse“, bemängelt er. „Und ihr müsst das ‚sana’ und ‚sanctus’ mit spitzen Mündern singen, als ob ihr Franzosen wärt“, sagt er leicht näselnd mit französischem Dialekt und eben gespitztem Mund. Die Mädchen lachen. „Stellt euch vor, ihr patscht mit dem Ton, den ihr singt, auf die Erde. Ganz laut. Und dann springt er vom Boden ab und schwebt ein bisschen darüber.“ Der Chor nickt, versucht alles umzusetzen.

Zeit zum Blödeln und Zeit zum Arbeiten

Nach zwei Stunden dann endlich die ersehnte Pause. Leise, aber schnell strömen die Mädchen hinaus ins Freie. Mahr schlendert hinterher und berichtet, dass er bereits seit elf Jahren mit dem Mädchenchor arbeitet. „Inzwischen fühle ich mich fast wie der Chor-Papi“, sagt er und lacht. Sicherlich ist es nicht leicht, einen so großen Chor zu leiten. Der gebürtige Franke zuckt die Schultern. „Es gibt bei mir Zeit zum Blödeln und Zeit zum Arbeiten. Das wissen die Mädchen. Ich habe sie alle im Griff, weil sie sich entschlossen haben, gute Sachen abzuliefern. Letztlich kommt der Spaß auch von den guten Ergebnissen.“

Isabel und Leonie kommen auf ihn zu. Sie grinsen. Doch ihre Augen wirken leicht müde. „Singen ist hartes Brot, ich habe euch gewarnt. Legt euch ‘ne Stunde hin“, sagt er. Beide Mädchen nicken. Leonie (17) singt bereits seit zehn Jahren im Chor. Sie weiß, was ihr und der Stimme gut tut: „ Viel trinken, am besten Wasser oder heißen Tee, nur nichts Klebrig-süßes. Außerdem hab ich immer Hustenbonbons dabei.“ Und was hilft gegen die Aufregung? Isabel antwortet: „Ich bin entspannt, wie die meisten. Es gibt kein Publikum und dadurch können wir alles wiederholen, was nicht gut geklappt hat. Das würde bei Konzerten nicht gehen.“ Überhaupt herrscht nach Meinung der beiden gute Stimmung im Chor, trotz der großen Altersspanne von zehn bis 19 Jahren.

Mahr steht inzwischen an der Tür, winkt die Sängerinnen hinein. Es geht weiter. Insgesamt fünf bis sechs Stunden, an drei Tagen in Folge, singt der Chor. Mahr hat 20 Lieder für die CD ausgewählt: liturgische Musik des 19. und 20. Jahrhunderts, die zum Teil mit Orgel und Klavier begleitet wird.
Am Ende sind nicht nur die Tontechniker von dem Ergebnis begeistert, auch Mahr: „Ich bin beeindruckt, wie zuverlässig der Chor gearbeitet hat. Eigentlich habe ich es auch nicht anders erwartet.“

 

Ina Funk

 

Hinweis:

Die CD ist für 10 Euro erhältlich sowie im Domladen, bei der Bernward Medien GmbH, Domhof 24 in Hildesheim, oder im Internet: www.domsanierung-shop.de