11.07.2014

1200 Jahre Bistum Hildesheim - Thema Gastarbeiter

Mit Hilfe aus dem Vatikan

„Venite a lavorare alla Volkswagen“ – „Komm zum Arbeiten zu Volkswagen“. 1962 begann der Konzern gezielt „lavaratori ospiti“, Gastarbeiter aus Italien anzuwerben. Sie machten Wolfsburg italienisch – und die katholische Gemeinde gleich mit. Und der Vatikan hat einiges dazu beigetragen.

Damals: Mit Folklore, Küche, aber auch mit Tradition und Glaube prägt die Italienische Mission das Chris­tenleben in Wolfsburg. Foto: Archiv

Pizza, Pasta, Lasagne, Gesang und Tanz: Die Gemeindefeste von St. Christophorus in Wolfsburg haben stets eine italienische Note. Die Fronleichnam-Prozession ziert auch eine italienische Fahne. Kein Wunder, ist doch die Missione cattolica italiana seit 1962 nicht aus Wolfsburg wegzudenken. Mehr noch, bereits zu den Zeiten, als die Nationalsozia­listen 1938 die „Stadt des KdF-Wagens“ und das dazugehörige Werk errichten ließen, sorgte sich ein italienischer Priester um seine katholischen Landsleute. Zwischenzeitlich waren 7000 sogenannte „baraccati“ – weil in Baracken lebende Italiener – am Aufbau der Stadt beteiligt.

13 Quadratmeter, ein Zimmer, vier Männer

Als Italiener in Baracken leben – das wiederholte sich in den 1960er-Jahren. Als einer der ersten bezog Rocco Artale 1962 dort ein Zimmer. 13 Quadratmeter. Zusammen mit drei weiteren ‚Gastarbeitern‘. Das Gelände war eingezäunt, mit Stacheldraht obendrauf. Ausweiskontrolle am Eingang. 48 Baracken für jeweils 68 Männer.

Ein Jahr zuvor hatte Artale, der 1940 in einem kleinen Dorf in den Abruzzen nahe Pescara geboren wurde, zum ersten Mal in Deutschland gearbeitet: „In einer Zuckerfabrik in Groß Munzel bei Hannover.“ Zwei Tage waren er und ein Freund per Zug unterwegs, um von der Anwerbestelle des deutschen Arbeitsamtes für Gastarbeiter in Verona zum Arbeitsort zu gelangen. „Wir hatten einen Vertrag für ein Dreivierteljahr“, erinnert sich Artale. Der Aufenthalt war genau geregelt, Arbeitszeit von sechs bis 18 Uhr – und nur nicht Groß Munzel verlassen: „Dazu hätten wir eine Genehmigung gebraucht.“
Dann der Wechsel nach Wolfsburg – mit einem Umweg über Verona: „Wir mussten erst ausreisen und uns wieder bewerben.“ Aber das ging etwas anders als im Jahr zuvor.

Hier kommt der Vatikan ins Spiel. Ende 1961 hat der Generaldirektor von Volkswagen, Heinrich Nordhoff, mit einem Programm zu Anwerbung von ausschließlich italienischen Gastarbeitern begonnen. Der bekennende und praktizierende Katholik schrieb an den Vatikan und fragte an, ob es mit Unterstützung der Kirche möglich wäre, 3000 Arbeiter zu gewinnen. Der Vatikan reagierte prompt. Der Heilige Stuhl ließ mitteilen, dass es über die Associazioni Cristiane Lavoratori Italiani (kurz ACLI, die Christliche Vereinigung der italienischen Arbeitnehmer) möglich sei, „die von Ihnen gewünschten italinienischen Jungarbeiter zu erhalten“.

Heute: Kommunionkinder der Italienischen Mission bei der gemeinsamen Prozession zu Fronleichnam. Mit Fahne. Foto: privat

Volkswagen kann so durch die Hilfe des Vatikans in den Pfarreien vor allem Süditaliens für die Arbeit im Automobilwerk werben – und schon mal Arbeitssuchende auswählen. Zwar ist eine direkte Anwerbung durch ein Unternehmen ausdrücklich untersagt. Doch auch hier gelingt dem Unternehmen ein Kniff. Die ausgesuchten Arbeiter werden zu ärztlichen Tauglichkeitsprüfung nach Verona geschickt und dann namentlich angefordert.

Gleichzeitig richtet der Vatikan 1962 eine Italienische Katholische Mission in Wolfsburg ein, die auf diesem Weg zur größten italienischen Stadt nördlich der Alpen wird. Heilige Messen in der Landessprache werden gefeiert, gleichzeitig wird ein Freizeitangebot für die Männer in den Baracken eingerichtet. Volkswagen baut zwei große Hallen, eine mit Bar, Spielautomaten und Kickertischen, eine andere mit einem Kino. Das Kino wird von der Mission betrieben. „Und der Priester der Mission wurde zum Ansprechpartner für alles“, berichtet Artale: für Probleme in der Unterkunft oder Schwierigkeiten bei der Arbeit. 

Artale selbst beginnt Autositzschienen am Fließband zu montieren – und sich für seine italienischen Kollegen einzusetzen. Er lernt seine Frau kennen, die Schwester eines deutschen Arbeitskollegen, und gründet eine Familie. Artale engagiert sich bei der IG Metall, wird Mitglied des Betriebsrates. 1974 wechselt er als Gewerkschaftssekretär zur IG Metall. Schon damals war für ihn klar: „Ich bin vom Gastarbeiter zum ausländischen Arbeitnehmer geworden – zurück geht es nicht mehr.“  

Ein Weg, den viele Italiener beschreiten. Familien ziehen nach, neue werden gegründet, dazu kommt die Bildung von italienischen Vereinen.  Doch Artale setzt auf mehr: „Wir wollten Mitbürger der Stadt werden.“ Schon früh warb er für ein kommunales Wahlrecht für Ausländer: 1996 wurde es zumindest für Bürger der Europäischen Union möglich. „Wir sind immer mehr zusammengewachsen“, sagt Artale. Es gibt zahlreiche zweisprachige Gruppen in Kindertagesstätten – gerade das katholische „St. Christophorushaus“ ist hier Vorreiter – und eine deutsch-italienische Schule.

Von der Baracke zum Ehrenbürger: Rocco Artale hat das Zusammenleben von Deutschen und Italienern in Wolfsburg geprägt. Foto: Wala

Artale hat Anteil an dieser Entwicklung – als Gewerkschafter und als Gründer des Ausländerbeirates ebenso wie als Mitglied des Stadtrates. Nun engagiert er sich als Vorsitzender des Seniorenbeirates. Einer seiner Schwerpunkte: „Wir brauchen eine Pflege, die sensibel ist für die Kultur, aus der ein alter Mensch stammt.“

Vor zwei Jahren wurde Artale für diese Verdienste zum 18. Ehrenbürger der Stadt ernannt – als erster Italiener. Denn einen deutschen Pass hat er bis heute nicht: „Warum auch, ich bin Italiener durch und durch.“ Übriges: Erster Ehrenbürger der Stadt war Heinrich Nordhoff, der VW-Generaldirektor, der Männer wie Artale nach Wolfsburg holte. Auch ein Zeichen dafür, dass Europa mehr und mehr zusammenwächst.

Rüdiger Wala