25.09.2012

Gebetsabend "Nightfever"

Mit jedem Teelicht wird es heller

Die Monstranz mit dem Allerheiligsten auf dem Altar, die Kirche im Kerzenlicht erhellt und bis Mitternacht geöffnet, eine Schola singt Anbetungslieder – beim ersten „Nightfever“-Abend in Norddeutschland in Osnabrück gab es viele Überraschungen.

Stilles Gebet: Eine junge Frau hat eine Kerze angezündet und schreibt jetzt ein Gebetsanliegen auf einen Zettel. In der Osnabrücker Kirche St. Johann fand der erste „Nightfever“-Abend in Norddeutschland statt. Foto: Thomas Osterfeld
Stilles Gebet: Eine junge Frau hat eine Kerze angezündet
und schreibt jetzt ein Gebetsanliegen auf einen Zettel.
In der Osnabrücker Kirche St. Johann fand
der erste „Nightfever“-Abend in Norddeutschland
statt. Foto: Thomas Osterfeld

„Darf ich Sie einladen, in die Kirche zu kommen?“ Rund um die Pfarrkirche St. Johann in der Osnabrücker City stehen kleine Gruppen junger Leute und sprechen Passanten an. In der Hand haben sie ein Teelicht, im Gesicht ein Lächeln. Sie wissen nicht, was ihr Gegenüber denkt, wie es reagieren wird. Ein Pärchen hört zu. „Was können wir denn in der Kirche machen?“, fragt die junge Frau. „Ihr könnt Gott begegnen, lasst euch einfach überraschen.“

„Da hätte ich jetzt auch noch länger sitzen können“

Das tun die beiden dann auch. Mit der Kerze in der Hand gehen sie ganz nach vorne, stellen das Teelicht wie viele andere auch vor den Altarstufen ab, nehmen einen Bibelvers mit. 20 Minuten später stehen sie wieder vor der Tür, bedanken sich für diese Gelegenheit. „Wir sind katholisch, gehen aber nicht so oft in die Kirche“, sagt der junge Mann. Und seine Partnerin ergänzt: „Da hätte ich jetzt auch länger noch sitzen bleiben können.“

So geht es an diesem Abend weiter: Passanten werden angesprochen, viele nehmen die Gelegenheit wahr. Auch wenn manche nicht so recht wissen, wie ihnen geschieht. Eine Gruppe Jugendlicher steht jetzt unschlüssig im Eingangsbereich. Einer von ihnen wagt sich vor, bringt seine Kerze durch den Mittelgang nach vorne, kommt schulterzuckend zurück, als wolle er seinen Freunden sagen: War gar nichts dabei. „Kommt doch mit“, flüstert er. Aber keiner der Begleiter traut sich, schließlich wenden sich alle der Tür zu. Keine zwei Minuten hat die Szene gedauert.

Jedes Teelicht sorgt für etwas mehr Licht in der Kirche. Auf den Stufen vor dem Altar flackern die Kerzen, davor knien Menschen und beten. Wer will, kann aus einer kleinen Box einen Bibelvers ziehen – oder in einer anderen Schachtel einen Zettel mit einem Gebetsanliegen hinterlassen. Am Ende des Abends werden die Organisatoren ein unvermutetes Problem bekommen: Die Kerzen sind aufgebraucht. 1100 Stück hatten sie mitgebracht.

„Ich konnte mein Anliegen vorbringen“

Unter den Besuchern in der Kirche sind längst nicht nur junge Leute. Auch ein älterer Mann hat eine Weile in der Bank gekniet. Jetzt geht er wieder los, weil er sich mit seiner Frau in der Stadt trifft. „Sie wollte lieber auf den Flohmarkt“, sagt er, „aber vielleicht kommen wir gleich noch einmal vorbei.“ Das Licht, die Musik – das alles habe ihn sehr bewegt. „Ich konnte mein Anliegen vorbringen“, sagt er und deutet an, seine Frau sei sehr krank. Kurz darauf werden die beiden zurückkehren.

Einladung vor der Kirche: Mit einem Teelicht werden Passanten auf den Gebetsabend aufmerksam gemacht. Foto: Thomas Osterfeld
Einladung vor der Kirche: Mit einem Teelicht werden
Passanten auf den Gebetsabend aufmerksam
gemacht. Foto: Thomas Osterfeld

Der Gebetsabend hat schon mit der Vorabendmesse begonnen, viele Gläubige sind gleich in der Kirche geblieben. Sie sind Teil eines Versuchs, denn niemand weiß, was der Abend bringen wird. Die Verantwortlichen wollen „Nightfever“ in Osnabrück ausprobieren, wohl wissend, dass die Gebetsabende seit 2005 in ganz Deutschland Anklang finden. Damals, beim Weltjugendtag in Köln, erlebte Christian Wienhues zum ersten Mal einen sogenannten Barmherzigkeitsabend der geistlichen Gemeinschaft Emmanuel, geprägt von all den Elementen, die „Nightfever“ heute ausmachen. Lange hatte der Student, der aus Hagen am Teutoburger Wald stammt, den Wunsch, ein „Nightfever“ auch einmal in Osnabrück anzubieten. Es sei ein „niederschwelliges Angebot“, sagt er, denn es könne jeder so lange in der Kirche bleiben, wie er will. „Alles, was die Besucher brauchen, ist ein offenes Herz.“

Für den Gebetsabend ist ein größeres Team zuständig. Sechs Leute trafen sich zur Vorbereitung, an diesem Abend werden sie unterstützt von Jugendlichen, die „Nightfever“ schon andernorts mitgemacht haben. Ursula Kaiping aus Osnabrück hat die meis­te Zeit im Eingangsbereich verbracht. „Viele der Besucher waren wohl schon lange nicht mehr in einer Kirche“, sagt sie. „Manche wussten erst gar nicht, was sie tun sollen.“ Dafür habe sie auch miterlebt, in welcher Stimmung die Besucher die Kirche wieder verließen. „Vielen hat man angesehen, dass sie wirklich bewegt waren, manche hatten auch Tränen in den Augen. Das sind dann die Momente, in denen ich spüre, dass ,Nightfever‘ wirklich ankommt“, sagt die 21-Jährige.

Eine Überraschung hat der Abend auch für Dietmar Hage­­­­mann parat, den Kaplan in St. ­­­Johann: „Ich hätte nicht gedacht, dass es so ruhig bleibt“, sagt er. Seine Bedenken kommen nicht von ungefähr: Gleich in der Nähe des Gotteshauses lassen sich oft junge Leute mit Bierflaschen nieder. Aber heute Abend wahrt jeder Gast die Würde des Kirchenraums.

„Seht ihr, war doch gar nicht so schlimm“

Auch ein junger Mann, der offenbar angetrunken ist, reiht sich artig ein. Und auch auf ihn wirkt die Atmosphäre ganz offensichtlich: Zaghaft applaudiert er der Schola, in der Stille ist später ein Schniefen zu hören – er weint.Auch ein kleiner Junge ist berührt von dem Aufenthalt in der Kirche und äußert das auf seine Art. Hüpfend folgt der Knirps seinen Eltern, als sie die Kirche verlassen, und beschwichtigt sie: „Seht ihr, war doch gar nicht so schlimm. Und es hat ja auch nicht lange gedauert.“
 

Von Matthias Petersen

 

Tipp:

Die Citykirche Sankt Michael in Göttingen lädt zu "Nightfever" am Freitag, 5. Oktober. Um 18.30 Uhr wird eine Hl. Messe gefeiert, anschließend ist bis 22 Uhr Gebet, Gesang, Gespräch in der Kirche (Kurze Straße 13, Göttingen).

Informationen über weitere Termine und Veranstaltungsorte im Internet: www.nightfever-online.de

 

Nachgefragt bei Katharina Fassler-Maloney

Katharina Fassler-Maloney hat 2005 „Night-fever“ gegründet. Heute lebt sie in Gehrden.

Katharina Fassler-Maloney hat
2005 „Night-fever“ gegründet.
Heute lebt  sie in Gehrden.

Sie haben 2005 „Nightfever“ gegründet. Was war der Anlass?

Der Weltjugendtag in Köln. Ich hatte am Samstagabend bei der Vigilfeier auf dem Marienfeld im Chor gesungen und die Eucharis­tische Anbetung miterlebt. Ich habe mir gewünscht, dass sich das fortsetzt. Mit anderen aus dem Chor zusammen haben wir überlegt, was wir machen können. So kam der Stein ins Rollen und die Form hat sich schnell etabliert.

Worauf kommt es bei einem „Nightfever“-Abend an?

Im Grunde geht es um zwei Aspekte: Auf der Straße werden Passanten angesprochen und eingeladen, in die Kirche zu kommen. Hier erwartet sie die Eucharistische Anbetung. Das alles wird eingebettet in eine schöne Atmosphäre – die Kirche ist durch Kerzenschein erhellt, es werden meditative Lieder gesungen, zwischendurch herrscht auch mal Stille. Die Menschen werden eingeladen, eine Kerze anzuzünden, eine Fürbitte aufzuschreiben, einen Bibelspruch mitzunehmen, sich segnen zu lassen oder auch – für die „Fortgeschrittenen“ – zu beichten.

Was passiert, wenn jemand die Kirche nach seinem Besuch wieder verlässt?

Was in diesem Moment im Herzen des Einzelnen passiert, geht uns nichts an, deshalb wahren wir von uns aus die Distanz. Wir vertrauen dabei auf das Wirken Gottes. Wenn aber jemand von sich aus das Gespräch sucht, hören wir ihm gerne zu und laden ihn – wenn er das wünscht – zu anderen Angeboten ein.

Interview: Matthias Petersen