11.01.2013

Kommentar

Neuer Rassismus

Von Ulrich Waschki

Wissenschaftler warnen vor einer neuen Form von Rassismus in Deutschland: Statt über Volksgruppen, wie etwa „die Türken“ herzuziehen, seien jetzt Vorurteile über „die Muslime“ in Mode. Viele Zeitungsredaktionen im Land werden diese Beobachtung teilen können: Selten erzeugen Themen so viel Leserreaktionen wie Berichte über Muslime und den Islam. Vor allem, wenn es positive Berichte sind. Dann überschreiten manche Briefeschreiber schnell die Grenze zwischen zulässiger Kritik und rassistischer Hetze.

Schon lange stehen der Islam und seine Gläubigen unter einem Generalverdacht. Und nicht erst spätestens seit Thilo Sarrazin ist es gesellschaftlich akzeptiert, wenn in scharfen und undifferenzierten Tönen über „die Muslime“ hergezogen wird. 

Die Gründe dafür sind vielschichtig. Natürlich muss es eine Auseinandersetzung mit dem Islam in Deutschland und der Welt geben. So wie es auch immer wieder Auseinandersetzungen über die Rolle des christlichen Glaubens und des Verhaltens der Kirchen und Christen geben muss. Doch dabei ist Sachlichkeit gefragt. Der Islam ist für uns im noch immer christlich geprägten Deutschland eine recht unbekannte Religion. Man muss nicht den Koran lesen, um über den Islam zu diskutieren. Aber hören und lesen, was Vertreter von Moscheegemeinden, Islamverbänden oder Wissenschaftler sagen, muss man schon, wenn man mitreden will. Und dabei wird auffallen: Die überwiegende Mehrzahl der Muslime verdient keine Vorurteile. Eine Frau mit Kopftuch etwa – ist sie immer gleich unterdrückt? Vielleicht ist sie einfach nur fromm. Kritische Anfragen und Diskussionen sind erlaubt, undifferenziertes Gemecker gehört aber genauso geächtet wie ausländerfeindliche Sprüche.

Doch Muslime können auch selbst etwas gegen wachsende Vorurteile tun: Anders als die christlichen Kirchen kennt der Islam keine festen Organisationsformen. Daher tun sich die Muslime in unserem Land auch schwer damit, sich Gehör zu verschaffen und sich in Debatten einzubringen. Welcher Dachverband spricht denn nun eigentlich für die Muslime? Der Zentralrat der Muslime, der Koordinierungsrat der Muslime, der Islamrat oder die türkisch-islamische Union DITIB? Im eigenen Interesse sollten Muslime in Deutschland sich eine wirkungsvolle und anerkannte Vertretung geben. Eine solche Stimme kann viel gegen Vorurteile und Hetze bewirken – der Zentralrat der Juden ist ein gutes Beispiel dafür. Und wir alle sollten Diskussionen auf Stammtischniveau Einhalt gebieten.