10.06.2013

Werkstattbesuch bei einer Restauratorin

Nichts währt ewig

Mit einem Skalpell bearbeitet Kirsten Lehne den gro­ßen Bilderrahmen. Die vor Jahrzehnten an einigen Stellen aufgetragene Bronze ist stark eingedunkelt. Deshalb soll sie wieder runter von der originalen Vergoldung. Das dauert ewig – wie vieles, was Restauratoren bearbeiten.

Kirsten Lehne hat die Gemälde restauriert und bearbeitet jetzt die Rahmen.

Die kleine Werkstatt von „Butt Res­taurierungen“ in dem alten Fab­rikgebäude in Lübeck wird von Tageslichtlampen hell erleuchtet. Es riecht nach Farbe. Kleine Gemälde hängen an den Wänden. Es sieht aus wie in einem Künstleratelier. Aber die Künstler hier schaffen nichts Neues und was sie tun, ist präzises Handwerk. Ihr Geschäft ist es, Kunstwerke aus alter Zeit für die Zukunft fit zu machen: reinigen, schadhafte Stellen ausbessern, konservieren, vereinzelt Ergänzungen vornehmen, wo der Zahn der Zeit nagte. Nur dort, wo wirklich etwas fehlt, fügen Restauratoren hinzu. Retuschieren nennen sie das.

Diplom-Restauratorin Kirsten Lehne, die auf „Gemälde und Holz mit gefasster Oberfläche“ spezialisiert ist, hat viele Wochen mit den großen Gemälden aus der Herz-Jesu-Kirche zugebracht. Ignatius von Loyola und der heilige Franz Xaver, die Motive des Lübecker Barockmalers Burchard Wulff (1620 – 1701), waren kaum noch zu erkennen, so sehr hatte sich der Firnis der Bilder über die Jahre vor allem durch den Ruß der Kerzen und den Weihrauch eingedunkelt.

Ein Auf und Ab bei der Temperatur ist schädlich

Nun strahlen die Gewänder wieder hell und leuchtend. Als Kirsten Lehne mit der Arbeit anfing, musste zunächst einmal das richtige Lösungsmittel gefunden werden, um die Partikel abzulösen. „Man braucht schon seine Zeit, um die Löslichkeit von Farbe und Firnis auszuprobieren“, erzählt sie. Organische Lösungsmittel wie Aceton, Ethylacetat oder Ethanol kommen dabei zum Einsatz. Tritt man ganz nahe an die Gemälde heran, sieht man, dass die Farbe von einem sehr feinen Netz kleiner Sprünge und Risse überzogen ist. Die Restauratoren sprechen vom „Craquelé“ was aus dem Französischen von „rissig“ oder „gesprungen“ abgeleitet ist. Es entsteht dadurch, dass sich die Leinwand (bei anderen Bildern auch das Holz) durch Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen ausdehnt und zusammenzieht. Die aufgetragene Farbe kann diese minimalen Bewegungen nicht ohne Weiteres mitmachen und wird dadurch rissig; im schlimmsten Fall platzt sie sogar ab. Im Fall der Wulff-Gemälde haben die Risse zu einem Netz kleinster schüsselähnlicher Flächen geführt. Mal eben mit einem in Lösungsmittel getränkten Lappen darüberzuwischen, würde das Kunstwerk beschädigen. Stattdessen wird Fläche für Fläche mit einem getränkten Wattestäbchen bearbeitet, was viel Geduld und Sorgfalt erfordert.

Auch der im Zuge einer früheren Restaurierung aufgetragene stark vergilbte Firnis musste entfernt werden. Der Firnis ist eine Art transparenter Schutzfilm, den die Maler in der Regel selbst auftragen, um ihr Werk vor Umwelteinflüssen zu schützen.

Nur wenn nichts mehr geht, wird der Künstler imitiert

Der heiligen Franz Xaver: Zustand vor der Restaurierung.

Als diese Arbeitsschritte erledigt waren, ging Lehne daran, stark schadhafte Stellen, wo die Farbe tatsächlich abgeplatzt war, auszubessern. Dafür wird ganz dünn eine Kittmasse aufgetragen. Hier sind später auch die Fähigkeiten der Restauratoren gefragt, Fehlendes zu ergänzen, den Künstler quasi zu imitieren. Die besondere Schwierigkeit bestand bei den Gemälden darin, dass die Leinwände auf der Rückseite schon einmal mit einer zweiten Leinwand, einer sogenannten Doublierung, verstärkt und in Wachs getränkt wurden. Üblicherweise hätte Lehne mit einem Leim-Kreide-Kitt gearbeitet, doch in diesem Fall entschied sie sich für einen Wachskitt, damit der auf dem Untergrund auch Halt findet. Zuvor hatte sie an einer anderen Stelle des Gemäldes einen Silikonabdruck von der Oberfläche genommen, den sie nun in den Kitt drückt. Schließlich soll die erneuerte Stelle die gleichen kleinen Schüsseln aufweisen wie das gesamte Gemälde, weil eine blanke Fläche sonst auffiele. Auf dieser Kittung hat Kirsten Lehne dann gemalt, so wie sie sich es bei dem Barockmaler Burchard Wulff abgeschaut hatte.

Inzwischen bringt sie die Rahmen wieder auf Vordermann. Die Bronze war vor Jahren zum Ausbessern verwendet worden und wird nun durch Ölfarben mit Perlglanzpigmenten ersetzt. Die schimmern wie Gold, sind sehr alterungsbeständig und nicht so teuer wie das Edelmetall. Dennoch kann es sein, dass auch die überarbeiteten Stellen in einigen Jahrzehnten wieder sichtbar werden. Denn die rund 350 Jahre, die die Bilder alt sind, die haben sie auf alle Zeit den neueren Materialien voraus.

Der heiligen Franz Xaver: Zustand nach der Restaurierung.

„Wir arbeiten nicht für die Ewigkeit“, sagt Maire Müller-Andrae, die eine Madonna restauriert, die in der Herz-Jesu-Kirche gefunden worden war. Die Dip­lom-Restauratorin für Gemälde und Skulpturen hat eine nicht ganz einfache Patientin. Denn die Madonna wurde in der Vergangenheit mehrfach neu gefasst, wie es im Jargon heißt. Es bedeutet, dass die ursprüngliche Bemalung wegen ihres desolaten Zustands einfach von einem anderen Künstler übermalt wurde. Genau so etwas macht Müller-Andrae nicht. „Die meisten Leute denken, wir machen immer alles neu und malen die Objekte neu an. Doch das ist falsch. Wir erhalten und konservieren das Original und versuchen das Aussehen wieder herzustellen, wie es einmal war“, sagt sie. Nur dort, wo die Substanz zu stark geschädigt oder nicht mehr vorhanden ist, werden aus ästhetischen Gründen Korrekturen vorgenommen. „Das ist ein wichtiger Grundsatz. Und, dass alles, was wir tun, reversibel sein muss.“ Denn in 20 oder 30 Jahren muss ja vielleicht ein anderer Restaurator wieder ran.

Restauratoren wissen: Kirchen sind keine Museen

Gerade Kunst, die in Kirchen verwahrt wird, ist mitunter negativen Einflüssen ausgesetzt. Grund sind die starken Temperaturschwankungen, die dann entstehen, wenn die Gebäude nur für die Gottesdienste aufgeheizt werden und dann wieder abkühlen. Aber auch die Außenluft, die durch das Öffnen der Türen ins Gebäude dringt, wirkt sich negativ aus, vor allem, weil damit hohe Schwankungen der Luftfeuchtigkeit verbunden sind. Ein schwitzender Tourist, der im Sommer mal rasch in die kühle Kirche geht, um die Kunst dort zu bestaunen, beschädigt damit die Schätze an den Wänden – ob er will oder nicht. Nun ist eine Kirche eben kein Museum, das wissen auch die Restauratoren. „Da muss man einen Kompromiss finden. Wichtig ist, der Gemeinde zu erklären, was gut – und was weniger gut ist“, so Britta Butt, Kunsthistorikerin und Geschäftsführerin des kleinen Unternehmens. „Wir empfehlen immer, einen Wartungsvertrag abzuschließen. Das heißt, einmal im Jahr kommt eine Mitarbeiterin vorbei und sieht sich alles an. Entstandene Schäden können dann gegebenenfalls frühzeitig erkannt und mit vergleichsweise geringem Aufwand behoben werden“, sagt sie.

Die Kosten lassen sich nur am Einzelfall beziffern

Über Geld reden Restauratoren nicht gern. Zu groß seien die Unterschiede und Erfordernisse bei jedem einzelnen Kunstwerk. Wo bei einem Bild vielleicht schon 200 Euro ausreichen können, um es zu reinigen und zu konservieren, sind es bei einem anderen Bild schnell ein paar Tausend Euro. Nein, die Frage nach dem „Was kostet das?“ lasse sich seriös nur am konkreten Fall beantworten, sagt die Geschäftsführerin.

Maire Müller-Andrae restauriert eine kleine Madonna aus der Herz-Jesu-Kirche in Lübeck. Fotos: Heinen/butt restaurierungen

Wer sich wochenlang mit einem Kunstwerk beschäftigt, entwickelt übrigens eine besondere Zuneigung für das Objekt, ganz unabhängig von dessen künstlerischem Wert. Wobei die Restaurierung des von Bernt Notke geschaffenen Triumphkreuzes und des Lettners im Lübecker Dom schon ein ganz besonderer Höhepunkt für die Mitarbeiterinnen von „Butt Restaurierungen“ war. Doch auch einfache Dinge vergessen die Mitarbeiterinnen nicht. Maire Müller-Andrae: „Ich hatte mal einen Gips-Affen auf dem Tisch. Das war ein ganz ungewöhnliches Objekt. Der war putzig.“