23.01.2014

125 Jahre Künsterkolonie Worpswede

Noch immer lockt das Teufelsmoor Künstler an

„Mythos und Moderne“ lautet das Motto, unter dem das niedersächsische Worpswede in diesem Jahr die Gründung seiner Künstlerkolonie vor 125 Jahren feiert. Bis heute hat sich das „Weltdorf“ eine inspirierende Aura bewahrt.

„Ein Sommerabend“, das bekannte Bild des Künstlers Heinrich Vogeler, entstand auf der Terrasse des Barkenhoffs, der zu Beginn der Künstlerkolonie ein beliebter Treffpunkt für die Maler und Dichter war. Fotos: Stefan Branahl

Mitte des 19. Jahrhunderts kannte niemand das Bauerndorf Worpswede im Teufelsmoor bei Bremen: ein ärmlicher Ort unter weitem Himmel. Das änderte sich ab 1889, als drei junge Maler den Flecken in seiner urtümlichen Landschaft entdeckten, Fritz Mackensen, Hans am Ende und Otto Modersohn. Sie waren so fasziniert, dass sie vor 125 Jahren die heute wohl bekannteste deutsche Künstlerkolonie gründeten. Das Jubiläum soll ab Februar mit einem opulenten Ausstellungsprogramm gefeiert werden, auch mit Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus.

Neben Mackensen, am Ende und Modersohn gehörten bald auch Paula Becker und Heinrich Vogeler zu den ersten Künstlern, die sich in Worpswede niederließen. Die norddeutsche Landschaft und das schlichte Leben auf dem Land inspirierten auch Dichter wie Rainer Maria Rilke und dessen spätere Ehefrau, die Bildhauerin und Malerin Clara Westhoff.

Pilgerstätte für Sinnsucher

„Wie viele andere Künstler in Europa kehrten sie den Großstädten und Kunstakademien den Rücken, um eine von der Natur inspirierte Kunst zu schaffen“, sagt der Geschäftsführer des Worpsweder Museumsverbundes, Matthias Jäger. „Innerhalb weniger Jahre wurde Worpswede zu einer Pilgerstätte für Künstler und Sinnsucher.“

Nun soll Worpswede unter dem Motto „Mythos und Moderne“ wieder zur Pilgerstätte werden, diesmal für Kunstinte­ressierte. Dafür wurden zentrale Museen und eine Flaniermeile mit Millionenaufwand saniert. Neben Kunst bieten die zahlreichen Worpsweder Galerien dabei auch allerlei Kitsch an, die Sonntage sind stets verkaufsoffen.

Der Ort zählt zu den etwa 50 Künstlerkolonien, die heute in der europäischen Vereinigung euroArt zusammenarbeiten. Ausgehend vom kleinen Barbizon südöstlich von Paris entstanden sie seit Mitte des 19. Jahrhunderts und versammelten Künstler, die der damals neuen Freilicht- oder Pleinair-Malerei einen kräftigen Schub verliehen.

Das Phänomen der Künstlerkolonien spielt nach Auffassung von Experten wie Matthias Jäger oder dem Nürnberger Kunsthistoriker Claus Pese zwar nur noch historisch eine Rolle. Aber die bedeutendsten Künstler in den Kolonien hätten viel bewegt und zahlreiche Kunstrichtungen vorangetrieben, urteilt Pese: „Sie hatten wesentlichen Anteil an der Entwicklung von Impressionismus, Naturalismus, Synthetismus, Jugendstil und Expressionismus.“

Der Barkenhoff heute: Er wurde vor einigen Jahren aufwendig saniert und beherbergt ein Museum.

Worpswede muss sich im Blick auf seine Geschichte allerdings auch seiner braunen Vergangenheit stellen. Der Maler Fritz Mackensen entwickelte sich zum linientreuen Nationalsozialisten, der expressionistische Künstler Bernhard Hoetger gestaltete einen nordisch-mythologisch geprägten Kunstkosmos. „Die ersten Worpsweder waren keine Europäer“, konstatiert der Berliner Kunsthistoriker Kai Artinger. Sie seien beseelt gewesen von deutsch-völkischen Ideen. Wer der NS-Ideologie nahestand und wie sehr, darüber wird bis heute gestritten. Unbestritten ist dagegen: Der Nationalsozialismus hat Worpswede als niederdeutsches Musterdorf vereinnahmt.

Ein Weltdorf mit Ruhe und Kraft

Bis heute ist Worpswede Anziehungspunkt für Künstler aus aller Welt, mehr als 100 arbeiten hier. Einige von ihnen haben sich in ihren Ateliers Oasen der Ruhe bewahrt. Der Ort, der sich gerne als „Weltdorf“ sieht, lebt andererseits vom kunstinteressierten Massentourismus und kann auf eine prominente Fangemeinde zählen, zu der auch Altkanzler Helmut Schmidt gehört. Die Worpsweder seien Suchende gewesen, urteilt er. „Aber zugleich strahlten ihre Bilder Einfachheit aus, Ausgewogenheit, Ruhe, Kraft.“
Seinen ganz eigenen Blick auf Kunstszene, NS-Vergangenheit und Dorf wirft der Dramatiker Moritz Rinke, der 1967 in Worpswede geboren wurde. In seinem Romandebüt unter dem Titel „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“ entwirft er eine anarchische Familiensaga, die nicht nur aus autobiografischen Gründen in dem Dorf am Weyerberg spielt: „Ich halte Worpswede für einen fantastischen Ort, um Geschichte zu erzählen.“

Dieter Sell
 

Drei Ausstellungen

Das Jubiläumsjahr wird am 9. Februar mit den Frühjahrsausstellungen in den vier großen Worpsweder Museen Barkenhoff, Kunstschau, Kunsthalle und Haus im Schluh eröffnet. Unter dem Titel „Zeitspeicher – Vier Häuser für die Kunst!“ laufen sie bis zum 27. April. Im Mai schließt sich die große Sommerausstellung zum 125-jährigen Bestehen an. Motto: „Mythos und Moderne“ (11. Mai bis 14. September). Die abschließende Herbstausstellung „Worpswede zeitgenössisch“ stellt Künstler­innen und Künstler aus aller Welt vor, die zeitweise in Worpswede gelebt und gearbeitet haben (ab 28. September).