16.02.2015

Wallfahrt in Peru

Pilgern bis zum Umfallen

Pilgern kann mühsam sein. Besonders zwischen 4000 und 5000 Metern Höhe. Ein kirchlicher Freiwilligendienst in Peru bietet die Gelegenheit zu einer Wallfahrt, die alles andere als alltäglich ist.

Immer am Berg entlang bis zum Gletscher: Rund 60 Kinder und Jugendliche pilgerten in den Anden. Foto: Klara Kolhoff

Der Bus schaukelt, als er sich die kurvige Straße höher und höher die Berge hinaufquält. Ich sollte versuchen zu schlafen, bevor wir im Morgengrauen zum Wallfahrtsort Señor de Qoyllorit‘i pilgern. Wir, das sind rund 60 Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus Sicuani, einer kleinen Andenstadt. 

Nach Señor de Qoyllorit‘i pilgern: Das löst in allen, denen ich von meinem Vorhaben erzähle, Ehrfurcht aus. Der Wallfahrtsort liegt auf fast 5000 Metern Höhe. Schon zur Inkazeit war der Berg ein Pilgerort; seit 1780 ist er ein katholischer Wallfahrtsort, an dem ein Felsen mit dem Bild des gekreuzigten Jesus, dem Señor de Qoyllorit’i, verehrt wird.

Mit Beginn der Dämmerung  binden wir unsere Decken gegen die Kälte nochmal enger um die Hüften und ziehen los. Padre Luciano, ein Italiener, der seit 20 Jahren in Sicuani lebt, ist unser geistlicher Begleiter. Eine christliche Studentengruppe hat die Wallfahrt mit vorbereitet und einen besonderen Schwerpunkt gewählt: die Bewahrung der Schöpfung. Wir haben ein kleines Kreuz dabei, das abwechselnd von Jugendlichen vorneweggetragen wird. Der Weg schlängelt sich am Berghang nach oben und ist teilweise sehr schmal. Es geht langsam, dafür aber stetig bergauf, und mir wird schnell warm. 

 

„Der Weg ist anstrengend, aber auch wunderschön“

Bei Kilometer drei machen wir halt und beschäftigen uns mit dem Thema Dank gegenüber Gott und den Menschen. Es gibt einen kurzen Schneeschauer, als wir weitergehen. Das Tal öffnet sich. Lamaherden grasen hier. Die Häuser hier oben sind nur über den Weg erreichbar, den auch wir laufen. Nur Motorräder oder Pferde kommen hierher. „Der Reiz dieser Wallfahrt besteht auch in der Strecke durch die Natur, durch Ruhe und Abgelegenheit“, meint Danitza Karol, die neben mir läuft. „Der Weg ist anstrengend, aber auch wunderschön. Und für mich geht es darum, ihn aus eigener Kraft und gleichzeitig mit Gottes Kraft zu schaffen.“

Aber der stetige Anstieg und die immer kälter werdende Luft auf über 4000 Metern Höhe machen sich bemerkbar. Die 22-jährige Sayda Yupanqui geht zum vierten Mal mit: „Der Weg ist in der Einheit der Gruppe zu schaffen“, meint sie. „Beim Laufen entsteht Glaubens- und Erfahrungsaustausch, das bestärkt mich in meinem Glauben und gibt mir Kraft.“ Das erste Mal sei sie aus Neugier mitgegangen: „Die Leute sprechen über diesen Weg immer so begeistert und ehrfürchtig, ich wollte das selbst einmal erleben.“ Seitdem habe es sie gepackt.

Etwa zur Hälfte des Weges folgt eine Station zum Thema „Bitte“. Padre Luciano scheint die beginnende Erschöpfung zu spüren. Ein Motorrad fährt vorbei und der Pater sagt mahnend, aber mit einem Augenzwinkern: „Wir sollten Gott jetzt nicht darum bitten, dass uns das Motorrad nach oben bringt.“

Die Wallfahrt in den peruanischen Anden ist eine echte
Herausforderung für die Jugendlichen gewesen.
Foto: Klara Kolhoff

Jetzt ist die Luft so kalt, dass wir unseren Atem sehen. An der nächsten Biegung des Tales sind die verschneiten Spitzen einiger Berge erkennbar. Nach fast vier Stunden Aufstieg erreichen wir um kurz vor neun endlich die Wallfahrtskirche auf rund 4800 Metern Höhe. Draußen werden Kerzen verkauft, Rosenkränze, Heiligenbilder. In der Kirche ist der Altarraum mit Blumen prächtig geschmückt. Viele Wallfahrer zünden eine Kerze an.

Draußen freue ich mich, dass ich dem Ratschlag meines Nachbarn in Cusco gefolgt bin und eine Thermoskanne Cocatee mitgenommen habe: Er wärmt und tut nach der Anstrengung gut. Außerdem soll Cocatee gegen die Höhenkrankheit helfen, ich habe jedenfalls keine Kopfschmerzen. 

Während der Frühstückspause heißt es plötzlich: In einer halben Stunde geht es noch weiter nach oben, Richtung Gletscher. Padre Luciano sagt: „In den 15 Jahren, in denen wir pilgern, erleben wir den Klimawandel live. Wir sehen, dass der Gletscher jedes Jahr kleiner ist und wir spüren, dass die körperliche Anstrengung, um bis ans Eis zu laufen, jedes Jahr größer wird.“ Fast alle aus der Gruppe sind dabei, als wir uns aufmachen zum Gebet für die Bewahrung der Schöpfung. 

Früher reichte das Eis fast bis ins Tal, heute müssen wir rund drei Kilometer durch das Geröll-feld klettern. Immer wieder legen wir Verschnaufpausen ein, es ist sehr anstrengend, da wir jetzt über 5000 Meter hoch sind. Die kalte Luft brennt in den Lungen, wir atmen schnaufend und haben das Gefühl, die Luft reiche einfach nicht. Einigen wird schwindelig. Vor mir klettern einige Kinder; sie gehen jetzt zwar an der Hand von Studenten, steigen aber entschlossen immer höher. Die kalte Luft schmerzt beim Atmen, ich falle etwas zurück. Doch dann komme auch ich keuchend und erschöpft oben an. Aber auch glücklich, es geschafft zu haben. 

 

Die wunderbare Schöpfung muss bewahrt werden

Padre Luciano liest die Messe in der
Wallfahrtskirche auf 5000 Metern Höhe. Foto: Klara Kolhoff

Padre Luciano liest die Schöpfungsgeschichte aus der Bibel vor. Wir sitzen oben, mit Blick auf das Tal, hören den Bach, der dem Gletscher entspringt und der uns seit heute Morgen auf dem Weg begleitet hat. Der Wind weht uns ins ungeschützte Gesicht. Und als Pater Luciano von der Schönheit der Schöpfung spricht, weiß ich, dass er recht hat. Ich denke an die Vögel, die in der Morgendämmerung sangen, den Himmel, der am Morgen noch von Nebel und Wolken verhangen war und der jetzt immer wieder blau aufreißt.

Padre Luciano ruft in Erinnerung, dass Gott uns Verantwortung für sein Werk gegeben hat, dass wir es achten und schützen müssen. Er fragt in die Runde, was wir dazu machen können. Die Kinder antworten: „Keinen Müll in die Natur werfen“, „Bäume pflanzen“, „Nicht unnötig Auto fahren“, „Sachen wiederbenutzen“ und „Wasser sparen“. Wir versprechen alle gemeinsam, dass wir diese Dinge besser befolgen wollen. Dann beten wir ein Vaterunser und wir beten es wirklich bewusst. Dein Reich komme – das bedeutet, dass wir mehr nach Gottes Willen leben sollten, dass wir seine Schöpfung auch für zukünftige Generationen erhalten müssen.

Dann klettern wir wieder nach unten, um eine Messe in der Wallfahrtskirche zu feiern. Die acht Kilometer zurück gehen viele für sich, so bleibt Zeit, um nachzudenken. Im Bus fallen alle erschöpft auf ihre Sitze. Es war schön – und es war anstrengend. Nach der Euphorie, es geschafft zu haben, überwiegt nun die Müdigkeit. Es wird schnell still im Bus. Auch ich hänge schweigend meinen Gedanken nach, während die Landschaft am Fenster vorbeizieht. Der Bus schaukelt, ich döse ein.

 

 

Die Legende von Senor Qoyllorit'i

Ein Hirtenjunge traf in den Bergen einen Jungen, der ihn mit Essen versorgte. Aus Dankbarkeit wollte der Hirtenjunge diesem Jungen in der Stadt neue Kleidung kaufen, denn dieser trug jeden Tag das Gleiche. Doch die einzige Kleidung, die der seines Freundes entsprach, war das Gewand des Bischofs. Das machte den Bischof aufmerksam, und er machte sich auf, um den Jungen im Bischofsgewand zu suchen. Als er ihn endlich fand, verwandelte sich der Junge vor ihren Augen in einen Busch, an dem das Bild des gekreuzigten Jesus erschien. Bei diesem Anblick starb der Hirtenjunge; er wurde neben dem  Busch begraben. Später wurde das Bild, das damals erschien, auf einen Felsen gemalt. Dieser wird heute im Altarraum der Kirche verehrt.

 

Von Klara Kolhoff