06.03.2011

Erzählcafé der Familienbildungsstätte Hannover für türkische und deutsche Seniorinnen

Reden. Kochen. Und ausgehen.

Warum kamen türkische Frauen und ihre Familien in den 1960er-Jahren nach Hannover? Eine Antwort darauf gibt die Ausstellung „Geschichten vom Kommen, Gehen und Bleiben“, die zurzeit im Historischen Museum zu sehen ist. Im Rahmenprogramm dabei: das deutsch-türkische Erzählcafé – ein Projekt der katholischen Familienbildungsstätte.

Narin Althunhan und Birgit Claussen (von links) sehen
sich interessiert die Ausstellung an. Foto: Michalzik

Hannover (som). In der Ausstellung im Historischen Museum steht Narin Althunhan vor einem Foto, das sie bei ihrer Arbeit bei „Telefunken“ zeigt. 1969 kam sie aus Istanbul nach Hannover. „Mein Mann musste zum Militär“, erinnert sie sich. „Ich wollte uns aber eine Zukunft ermöglichen und beschloss mich als Gastarbeiterin zu bewerben.“ Auch wenn ihr Mann anfangs dagegen war. Drei Tage und drei Nächte reiste sie mit dem Zug, bevor sie in Hannover ankam. Dort wurde sie von ihrem zukünftigen Personalchef abgeholt. Im Gegensatz zu anderen Frauen hatte sie das Glück nicht lange in einem Heim leben zu müssen: Ihre Schwiegereltern lebten bereits in Hannover.

Im Werk montierte sie Fernseher. „Eine deutsche Kollegin half mir dabei Deutsch zu lernen. Das war besser als jeder Sprachkurs“, erinnert sich Narin Althunhan: „Wir müssen voneinander lernen und uns zuhören.“ Nur so könne Zusammenleben funktionieren.

Narin Althunhan gehört zu den gut zwölf Frauen, die sich seit November 2009 jede Woche zum deutsch-türkischen Erzählcafé treffen – eine Initiative der Katholischen Familienbildungsstätte (Fabi). In Zusammenarbeit mit dem türkischen Verein Can Arcadas erzählen sich die zwischen 60 und 70 Jahre alten Frauen von ihren Lebenswegen. Sie geben dabei tiefe Einblicke in ihre Kultur und Werte preis. Und sie reden nicht nur miteinander: Sie besuchen Ausstellungen, gehen gemeinsam ins Theater oder kochen.

Mechthild Bürgel kam bereits 1962 an die Leine. „Ursprünglich komme ich aus Berlin, nach Hannover wollte ich nur zum Studieren“, erzählt die heute 69-Jährige. An die Zeit der Gastarbeiter kann sie sich noch gut erinnern. „Ich dachte aber, dass sie nicht lange bleiben würden“, gibt sie zu. Außerdem war sie sich sicher, die fremden Menschen am Aussehen zu erkennen. „Ich glaubte, dass die alle einen dunkleren Teint haben würden und die Männer alle einen Schnurrbart.“

Heute sieht sie die Sache differenzierter. „Das war ganz schön klischeehaft“, meint sie. Die anfängliche Skepsis gegenüber der fremden Kultur wich nach einem Türkeiurlaub. „Das hat mir wirklich die Augen geöffnet.“ Und: „Es sollte wirklich mehr von diesen Projekten geben“, findet sie.

Dieser Meinung sind auch Octavia Masur und Sevim Keske. Die beiden Frauen betreuen die Gruppe jede Woche bei ihren Treffen. „Man muss sich das mal vorstellen“, meint Octavia Masur: „Diese Frauen würden sich unter normalen Umständen gar nicht treffen, da sie in völlig verschiedenen Welten leben.“ Diese Tatsache habe vor Beginn des Kurses zu Vorurteilen geführt. Ohne sich überhaupt zu kennen, hatten die Frauen Vorstellungen im Kopf, von denen sie gar nicht wissen konnten, ob sie zutreffen. „Mittlerweile halten die Frauen aber wie Geschwister zusammen“, ergänzt Sevim Keske.

 

Info:

Am 22. März werden die Frauen vom Erzählcafé im Rahmenprogramm der Ausstellung auf dem „deutsch-türkischen Sofa“ ihre Lebensgeschichten erzählen. Beginn ist um 14.30 Uhr

Die Ausstellung läuft noch bis zum 27. März im Historischen Museum Hannover (Pferdestraße 6). Öffnungszeiten: Di 10-19 Uhr, Mi bis Fr 10-17 Uhr, Sa und So 10-18 Uhr, Mo geschlossen.

Zur Sache

„Ziel des Erzählcafés ist es, Vorurteile abzubauen und das gegenseitige Lernen zu fördern“, sagt Beata Brod, Fabi-Fachbereichsleiterin. Gezielt wurden deutsche und türkische Seniorinnen angesprochen: „Ich war von der Unterschiedlichkeit der Frauen sehr beeindruckt“, meint Brod. Viele der türkischen Frauen sind als Gastarbeiterin gekommen. Bei den deutschen Frauen kamen nicht wenige wegen eines Studiums nach Hannover. „Trotz dieser biografischen Unterschiede gibt es aber keinerlei Probleme in der Gruppe“, betont Brod. Im Gegenteil: Treffen die Frauen aufeinander, beginnen sie sofort rege Gespräche. Und das Lernen? „Eigentlich war unser Ziel, den sprachlichen Austausch zu fördern“, so Brod: „Da die türkischen Frauen aber bereits sehr gut Deutsch sprachen, wurden die deutschen Frauen zu Schülerinnen: Sie begannen mit Türkisch.“ Das Projekt läuft jetzt aus, nun muss über eine andere Finanzierung nachgedacht werden.