11.10.2017

Wie die Gesellschaft mit Tod und Sterben umgeht

Reden wir über den Tod

In den Nachrichten von Krieg und Terror haben wir den Tod täglich vor Augen. Im privaten Umfeld aber ist der Tod oft weit weg – weil die meisten Deutschen in Krankenhäusern oder Pflegeheimen sterben. Viele wünschen sich, dass sich die Gesellschaft mehr mit dem Tod befasst.


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Viele Menschen verdrängen Gedanken an den Tod – weil sie Angst haben, sich mit diesem Thema zu befassen. Foto: kna


Winfried Hardinghaus sagt, die Menschen seien aufmerksamer geworden. Sie beschäftigten sich heute viel mehr mit dem Tod als früher. Er erlebt aber immer noch oft Menschen, die Gedanken an den Tod verdrängen – und auch keine Patientenverfügung haben. Hardinghaus, der Vorsitzende des Deutschen Hospiz- und Palliativ-Verbandes (DHPV), glaubt, der Grund dafür sei die Angst vor dem eigenen Tod: „Diese Angst kann zweifellos kommen, wenn man sich mit dem Thema auseinandersetzt.“

Hardinghaus wünscht sich, dass der Tod noch mehr zum Thema wird. Mit diesem Wunsch steht er nicht allein. In einer repräsentativen Umfrage des DHPV vertraten jüngst 56 Prozent der Befragten die Auffassung, die Gesellschaft befasse sich zu wenig mit dem Sterben und dem Tod. Dabei haben wir alle diese Themen täglich vor Augen. In den Zeitungen, im Fernsehen und im Internet sehen wir Bilder der Opfer von Terror und Krieg. In den Krimis, die allabendlich das Programm füllen, wird auch ständig gestorben. Hardinghaus aber sagt: „Die Leute beziehen den Tod, den sie im Fernsehen sehen, nicht auf ihre eigene Situation. Der Tod ist da schön weit weg – und wenn man den Fernseher ausknipst, ist er ganz verschwunden.“

Im realen Leben, jenseits des Fernsehers, haben viele kaum Erfahrungen in der Konfrontation mit dem Tod. Denn die meisten Menschen in Deutschland sterben in Krankenhäusern oder Pflegeheimen, nur knapp jeder Vierte stirbt zu Hause. Der Tod ist also, rein räumlich betrachtet, oft relativ weit weg.


„Wir können jeden Patienten schmerzfrei bekommen“

Im Internet hingegen entsteht eine neue Nähe zum Tod. Dort und in den sozialen Medien haben die Menschen heutzutage Möglichkeiten, die es früher nicht gab. Sie können ihre Gedanken zu Tod und Sterben, Trauer und Verlust öffentlich beschreiben. Jeder, der will, kann mittlerweile über diese Themen philosophieren und sie kommentieren – und sich dadurch mit ihnen auseinandersetzen. Der Kulturwissenschaftler und Philosoph Thomas Macho sagt in einem Interview mit der Hospiz-Zeitschrift, durch diese neuen Möglichkeiten werde der Tod mehr sichtbar und weniger verdrängt als früher.

Durch die Hospizbewegung hat der Tod für manche zudem etwas von seinem Schrecken verloren. Macho sagt, der Tod im Hospiz werde mittlerweile als guter Tod angesehen. Der Palliativmediziner Hardinghaus glaubt, viele Menschen wüssten trotzdem noch zu wenig über das Sterben. „Ein Mensch muss heute am Ende des Lebens nicht mehr leiden“, sagt Hardinghaus. „Ich behaupte, dass wir jeden Patienten schmerzfrei bekommen können mit den Möglichkeiten, die wir in der Palliativmedizin haben.“ Die Ängste der Menschen vor einem qualvollen Tod seien unbegründet.

Von Andreas Lesch